Film : Ein Traum und nichts anderes

Endlich: Antonionis Meisterwerk „Blow Up“ kommt wieder ins Kino. David Hemmings spielte den Modefotografen in einem unerhört modernen, zeitlos heutigen Film.

Jan Schulz-Ojala
Blow Up
Spiegel und Reflex. Antonionis cooler Held (David Hemmings). -Foto: cinetext

Wer sich in Gottes Auge namens Google Earth in den Londoner Stadtteil Charlton hinunterzoomt, findet am östlichen Ende der Woolwich Road den kleinen Maryon Park. Es ist ein sonniger Nachmittag, noch früh im Jahr, und die teils kahlen Bäume werfen scharfe Schatten ins Grün. Im nördlichen Bereich der Anlage entdeckt das Adlerauge des virtuellen Weltreisenden bald ein langgestrecktes Rechteck, das sich beim sanft ruckenden Sturzflug am Scrollrad als umzäunte Anlage mit zwei hintereinander liegenden Tennisplätzen entpuppt; die Netze, die die grau vom blassroten Sand abgesetzte Spielfläche teilen, sind ordentlich straff gespannt. Doch was ist das? Stehen da nicht Menschen am Zaun, mit weißgeschminkten Gesichtern, die ein Spiel ohne Ball verfolgen? Noch näher, noch näher – nein, in der Unschärfe, in der das Grün sich an seinen Rändern nun mit schmutzigmattem Violett vermischt, ist die Szene nicht mehr zu sehen. Und der Park ist auf einmal leer, sehr leer.

Ein Selbstversuch. Ein Traum. Ein Spiel: für einen Augenblick am Computer, 41 ewige Frühlinge später, diesen David Hemmings spielen, den damals 25-jährigen Schauspieler, der den Modefotografen gibt in einem unerhört modernen, zeitlos heutigen Film. Und mit ihm mit heutigen Mitteln ein Bild, eine Szene entdecken und vergrößern und vergrößern, bis alles wieder verschwindet, ein Spuk. Seinen Park besuchen, seinen Zufallsausflug machen, ein Pärchen mit der Nikon Spiegelreflex verfolgen – und schon ist ein erstes Mal der Tennisplatz im Bild, bevor Hemmings wie ein Kobold eine Grünfläche weiter tanzt, wo bald der Mord geschieht. Aber hat er nachts überhaupt die Leiche gesehen an der Stelle, wo sich andernmorgens nur friedliches Grün erstreckt? War da wirklich eine Pistole im Gebüsch, die auf weißem Fotokarton doch eindeutig sichtbar wird? Und was, wenn alle zum Trocknen angeklammerten Riesenbilder plötzlich verschwinden aus dem Atelier – ist das Beleg für einen Diebstahl oder eher für Fähigkeit des Fotografen zur Halluzination? Und diese rätselhafte junge Frau, fantastisch gespielt von Vanessa Redgrave, die sich aufregend aufgeregt und zornig und dann wieder verführerisch kühl anbietet für die Fotos und der er die falsche Filmrolle gibt und sie ihm die falsche Telefonnummer, ist sie auch nur ein Traum?

Fragen, für die ein Fragezeichen schon zu viel Zeichen ist. Was ist von der Wirklichkeit zu halten und von der Tatsächlichkeit. Wenn doch in der Schlussszene am Tennisplatz die lärmenden jungen Leute mit den weißgeschminkten Gesichtern plötzlich still werden am Zaun, während sie das Spiel ohne Ball verfolgen, so still, dass man das Plopp-Plopp des Balls hören kann. Wenn doch der Fotograf, zurückgekehrt an die crime scene, ein wenig abseits, selber zunehmend gebannt das seltsame Spiel verfolgt. Und den unsichtbaren, über den Zaun geflogen Ball aufhebt. Ihn sogar zurückwirft zu den Spielern. Ja, wer jetzt kein Komplize wird des verzauberten David Hemmings und des uralten und zugleich ewig verstörenden Menschentrosts, dass das Leben ein Traum ist und nichts anderes, dem ist auf Erden nicht zu helfen.

Dabei haben wir: einen Ort, eine Zeit, eine Handlung. Fakten, Fakten, Fakten. London, 24 Stunden von Morgen bis Morgen, es ist 1966, die Stadt swingt bekanntlich beträchtlich, und der schicke Modefotograf mit Rolls-Royce-Cabrio, dessen coolen, spannenden, sexy und doch auch ermüdenden Arbeitstag die Kamera mit geradezu dokumentarischer Akribie chronologisch festhält, ist in fast jeder Einstellung zu sehen: Der Kronzeuge unserer Fantasie trägt Strubbelhaar und Schmollmündchen, trägt das Hemd mal locker überm Gürtel und mal gar nicht, trägt auch mal halbnackte giggelnde Nachwuchs-Magermodels durchs ziemlich derangierte Atelier. Und dann entwickelt er die Fotos vom Paar im Park, setzt sich eine, seine Mordsgeschichte aus immer weiter aufgeblasenen Bildern zusammen. Aber was, wenn ein Bild nichts weiter ist als ... ein Bild?

So oft ist Michelangelo Antonionis Meisterwerk „Blow Up“, das der eigentliche Anfang zu einer Reihe von Schauspielkarrieren war (Hemmings, Redgrave, auch Jane Birkin) und zu dem Herbie Hancock einen wunderbaren Pizzicato-Jazz verfasste, im immer doch klitzekleinen Postkartenfernsehen gelaufen, dass man den Film auswendig zu kennen glaubt. Großer Irrtum. Denn jetzt kehrt er ins Kino zurück, an seinen einzig legitimen Ort und aufgeblasen zu seiner wahren Größe. Auch wer dort sonst gerne die entspannte Zentralperspektive wählt – so Reihe 12, Sitz 12 –, sollte für dieses ungeheure Fest der Wahrnehmung, das man interpretatorisch so oder so oder auch so feiern kann, ausnahmsweise ganz vorn Platz nehmen. Und hineingehen in das Atmen der Bäume, in den Lärm zwischen den Menschen und ihre von Antonioni so unvergleichlich erfasste Stille, bevor sie zu sprechen beginnen, noch näher und immer noch näher, in jene Unschärfe, in der das eigentliche Begreifen beginnt.

Arsenal, Central Hackescher Markt, Lichtblick und Moviemento (alle OmU)

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