Film : Eliten der Nazis: Menschen im System

Die Filme "Herrenkinder" über Napolas – und "Wenn Ärzte töten" über KZ-Selektionen nehmen die Nazi-Eliten in den Fokus.

Silvia Hallensleben

Parteihörige Herrenmenschen sollten sie werden, die Zöglinge der nationalsozialistischen Erziehungsanstalten. Viele der Napola-Absolventen haben nach dem Ende der NS-Zeit auch in der Bundesrepublik Führungspositionen in Wirtschaft, Militär und Presse erklommen. Vor fünf Jahren wurde die NS-Eliteerziehung Sujet des Spielfilms „Napola – Elite für den Führer“; jetzt gibt es mit Eduard Ernes und Christian Schneiders „Herrenkinder“ einen Dokumentarfilm, der zwei Ex-Schüler und ihre Familien näher vorstellt. Vier andere – die Publizisten Hellmuth Karasek und Theo Sommer, der Dirigent Joachim Carlos Martini und der ehemalige österreichische Justizminister Harald Ofner – geben mit kleineren Auftritten den Chor. Illustriert wird die Filmerzählung von vielen einmontierten Archivmaterialien vor allem aus der NS-Propaganda.

Die ,Generationengeschichte’ nationalsozialistischer Prägungen wollten die Filmemacher untersuchen, sagt Ko-Regisseur Schneider, der von 1990 bis 1994 ein Forschungsprojekt über Napola-Schüler und ihre Nachkommen geleitet hat. Eine wichtige Frage, die ins Zentrum unseres kollektiven Selbstbewusstseins greift. Vermutlich deshalb werden historische Filmbilder auf Wände heutiger Gemäuer projiziert. Doch trotz solch inszenatorischer Bemühungen bleibt der Film aussageschwach. Aus der Montage der zu O-Ton-Schnipseln verkürzten Erzählung will sich kein Argument entwickeln. Problematisch auch, dass die Frage der nationalsozialistischen Elite-Erziehung nirgends in Beziehung gesetzt wird zu den übergreifenden Traditionen autoritärer Erziehung, aus denen sie hervorging.

Thematisch nah, doch trotzdem weit entfernt ist der Film „Wenn Ärzte töten“ von Hannes Karnick und Wolf Richter. Auch die beiden altgedienten Dokumentaristen befassen sich mit NS-Eliten – den Ärzten, die in den Konzentrationslagern Selektionen und Menschenversuche durchführten. Auch ihr Film schaut auf die Menschen im System, überlässt die Reflektion allerdings nicht dem familiären Umfeld. Im Gegenteil: Richter und Karnick fokussieren die filmische Perspektive durch einen Außenstehenden, der sich selbst als „professioneller Zeuge“ bezeichnet und fast die ganze Zeit auf der Leinwand präsent ist: Der amerikanische Psychotherapeut und Psychologe Robert Jay Lifton hat in der von ihm begründeten „Psychohistory“ die Motivation von Personen in extremen Situationen erforscht.

Lifton ist ein weißhaariger Herr mit Woody-Allen-Frisur, der mit 83 Jahren immer noch an der Harvard Medical School lehrt. Mit Hiroshima und der chinesischen Kulturrevolution, mit Vietnam und Terrorismus hat er sich beschäftigt. Doch die Filmemacher, die ihn in der mit Büchern vollgestopften Sommerresidenz auf Cape Cod besuchen, interessieren sich speziell für seine Forschung zu medizinischen Morden, die er 1986 in seinem Buch „The Nazi Doctors“ aufgezeichnet hat. Dabei arbeitet sich der Film von den konkreten Begegnungen mit den Naziärzten zur menschlichen Ethik im Allgemeinen vor: Er berichtet, dass keineswegs alle Mordärzte fanatisierte Nazis waren, anfangs durchaus vorhandene Widerstände wurden durch geschickte Führung neutralisiert. „Doubling“ nennt er die daraus resultierende schizophrene Seelenlage, die erst durch die Distanz technologischer Apparate möglich wird. Überhaupt deutet Lifton die NS-Bewegung als Verbrämung von Mythos und Technologie zu einer „biomedizinischen Vision“ mit Auschwitz als „Klinikzentrum“.

Sieben Jahre haben die Arbeiten an „Wenn Ärzte töten“ gedauert, dabei sieht der Film so einfach aus: Der Mann am Schreibtisch erzählt, ab und zu eine kleine meditative Einstellung aufs Meer. Die ursprünglich auch hier geplanten Archivillustrationen wurden im Lauf der Filmmontage gestrichen. Die präzise durchgehaltene Perspektive fordert die Zuschauer auf, selbst Stellung zu beziehen.

„Herrenkinder“ im Eiszeit, „Wenn Ärzte töten“ im Babylon Mitte

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