Film : Franka Potente dreht "Kleine Lichter"

90 Minuten Fanka Potente: Kleine Lichter ist der Beweis dafür, dass die Krise auch ihre guten Seiten hat, dass Geldknappheit nicht zwangsläufig die Kreativität lähmt, sondern mutig macht.

Annabel Wahba

Das ist eine jener Geschichten, nach denen wir uns dieser Tage so sehnen. Aus der Krise entstanden und doch irgendwie freudig. Sie spielt unter einer Glaskuppel hoch über Berlin, nein, nicht im Reichstag, sondern im Stadtteil Kreuzberg. Ausgerechnet dort, wo die Unruhestifter vor drei Wochen schon mal den Aufstand probten. Dort, wo am 1. Mai die Demonstrationen so gewalttätig waren wie lange nicht mehr.

Einen Steinwurf vom Schlachtfeld entfernt, sitzt die Schauspielerin Franka Potente inmitten von Paillettenkleidern und Schminkdosen. Dass sie jetzt hier ist, hat sie der Finanzkrise zu verdanken. Denn die hat Leuten wie ihr etwas Wertvolles beschert: Zeit. Filmprojekte werden aufgeschoben, weil die Finanzierung unsicher geworden ist, Dreharbeiten werden abgesagt, und plötzlich fand sich Franka Potente, die mit dem Film Lola rennt vor zehn Jahren berühmt wurde, in einer »Luftblase« wieder, wie sie sagt. So entschied sie sich, bei diesem Low-Budget-Film mitzumachen, in dem nur sie eine Rolle spielt und niemand sonst – der Traum eines jeden Schauspielers. Das Kammerspiel handelt von Valerie, sie nimmt ein Videoband auf für ihren Geliebten, der im Koma liegt, Es soll ihm in der Klinik täglich vorgespielt werden, weil Valerie hofft, dass ihre Liebe sein Leben retten kann. Kleine Lichter heißt der Film. Das Drehbuch, ein Textjuwel, hat Roger Willemsen verfasst.

Die Wohnung mit der Kuppel kennt man in Kreuzberg. Viele im Viertel haben sich schon mal gefragt, wer hier das Geld hat, um sich eine gläserne Krone aufs Dach zu setzen. Ein Affront für jeden Steinewerfer. Aber eines sei den Neidern gesagt: Im Sommer ist die Kuppel ungemütlich stickig. Und der ehemalige Bankvorstand, dem sie angeblich gehört, ist mittlerweile wohl auch sparsamer geworden. Jedenfalls ist die Vermutung erlaubt, weil er seine stilvoll möblierte Wohnung für zwei Wochen an eine Horde Filmleute vermietet.

Kleine Lichter ist der Beweis dafür, dass die Krise auch ihre guten Seiten hat, dass Geldknappheit nicht zwangsläufig die Kreativität lähmt, sondern mutig macht. Der Produzent Hubertus Meyer-Burckhardt hat die Gunst der Stunde genutzt, um ein Liebhaberprojekt zu verwirklichen, in dem 90 Minuten lang fast nur eine Person zu sehen ist – kein Film, den Fernsehredakteure und Förderanstalten spontan als Zuschauermagnet bezeichnen würden. Als der Dreh begann, stand die Finanzierung nicht, und es war noch kein Verleih gefunden, der den Film ins Kino bringen würde. Er hat ihn trotzdem gewagt.

Die Produktion mit Franka Potente ist der letzte Teil einer Trilogie von Monologfilmen, die Meyer-Burckhardt 2002 mit Mein letzter Film begann. Hannelore Elsner nimmt darin ihre Lebensbeichte auf Video auf und rechnet mit ihren Männern ab. Eine außergewöhnliche Darstellung, für die Elsner den Deutschen Filmpreis bekam. 2005 produzierte Meyer-Burckhardt dann Ein ganz gewöhnlicher Jude (mit Ben Becker). Und nun spielt Franka Potente unter der Regie von Josef Rusnak die Valerie.

Wackelige Aufnahmen ihrer Digitalkamera werden sich im Film später abwechseln mit den kunstvoll komponierten Bildern des Kameramanns Benedict Neuenfels. »Der literarischen Sprache setzt man diese kleine, realistische Videokamera entgegen, das kann ein ganz toller Bruch sein«, sagt Franka Potente. Und eine Herausforderung, weil sie Sätze sagen muss, die sich zwar wunderbar lesen, aber beim einmaligen Hören wohl nicht ihre ganze Tiefe entfalten können. »Wir haben unserer Liebe ein gutes Leben bereitet«, sagt Valerie im Film, oder: »Manchmal sah ich uns aus der Entfernung mit der Empfindung, wir blickten beide zu unserem eigenen Bild auf.« Der Film vertraut darauf, dass diese Sprache auch jenseits des Inhalts ihre ganz eigene Melodie entwickelt. Um sich die 60 Seiten Monolog merken zu können, sitzt Franka Potente in jeder Drehpause in ihrer Garderobe unter der Glaskuppel und wiederholt die Sätze.

Wer so eine Garderobe hat, kann keine Diva sein. Es gibt sicher einige Schauspielerinnen, die einen durchsichtigen Raum, in dem man nie ungestört und unbeobachtet ist, nicht akzeptieren würden. Aber Franka Potente aus Dülmen im Münsterland war immer schon für ihre Bodenständigkeit bekannt. Das hat ihr oft Häme eingebracht, weil manch Kritiker ihr die protestantisch anmutende Strenge, mit der sie sich gegen den Glamour ihrer Branche wehrte, übel nahm. Sie wirkte immer ein wenig spröde, wenn sie erzählte, dass die USA, wo sie mit Stars wie Johnny Depp und Matt Damon arbeitete, auch nicht so toll seien. Die Öffentlichkeit sah in ihr »unsere Frau in Hollywood«, aber diese Rolle wollte sie nicht.

Spätestens seit dem Film Elementarteilchen 2006 hat man sie in Deutschland nicht mehr so richtig wahrgenommen. Obwohl sie in großen ausländischen Produktionen wie Che von Steven Soderbergh mitgespielt hat. Vielleicht ist sie mittlerweile amerikanischer geworden, als sie es selbst jemals wollte. Soeben hat Franka Potente mit ihrem Personal Trainer ein Fitnessbuch auf den Markt gebracht, das den gewöhnungsbedürftigen Titel kick ass trägt.

Nun also Kleine Lichter, ein kleiner Film über das große Thema Liebe. Wahrscheinlich ist sie, die Spezialistin für transatlantische Beziehungen, dafür genau die Richtige. Potentes Lebensgefährte ist Amerikaner, sein Vorname beginnt mit D, was der Tätowierung auf ihrem Ringfinger zu entnehmen ist.

Sie hat viel gelesen über die Liebe und sich hineingedacht in diese Frau, die loslassen muss und gleichzeitig nicht die Hoffnung aufgeben darf, dass ihr Geliebter aus dem Koma erwacht. »Du bist mein letzter Mann«, sagt Valerie. Mit Mitte 30 ist sie noch ein wenig jung für so einen Satz. Das ist eine der wenigen Stellen, an denen man im Film merken wird, dass er von Männern gemacht wurde. Das wünscht sich wohl jeder Mann: dass die Frau, die er liebt, nie mehr einem anderen gehören soll.

ZEIT ONLINE

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