Film : Freakshow der Frommen

Der aktuell eindrücklichste Versöhnungsversuch von Glaube und Wissen: Die Kino-Comedy "Religulous" und Paul Verhoevens Buch über Jesus

Christiane Peitz

Der Mensch, dieses Vernunftwesen, braucht zum Leben viel Unvernunft. Wegen der Gefühle, die ihn beuteln, wegen der Angst. Vor Einsamkeit, vor Schmerzen, vor Krieg, vor dem Tod. Deshalb gibt es die Religion, auch im 21. Jahrhundert.

Die große allgemeine Verunsicherung (Globalisierung, 9/11, die Krise) treibt die Atheisten der westlichen Hemisphäre zwar nicht in Scharen zur Religion zurück. Aber als Zufluchtsort nach Terroranschlägen oder Amokläufen mögen auch aufgeklärte Zeitgenossen die Kirche sehr gern. Der Einfluss der Evangelikalen auf die US-Politik, der im Namen Gottes und der Freiheit angezettelte Irak-Krieg, der islamische Fundamentalismus als Bedrohung des Weltfriedens, die Fatwa gegen Rushdie, der Karikaturenstreit und Theo van Gogh, religiös motivierte Unruhen in Indien, die Mönche von Burma, der Papst und die antisemitischen Äußerungen von Bischof Williamson – über all das wird in der Öffentlichkeit mit Leidenschaft debattiert. Und Berlin stimmt im April über Pro Reli oder Pro Ethik ab.

Diese Woche kommt ein Film in die Kinos, der die Urfrage stellt. Wieso um Himmels willen ist gegen all diese teils mörderische Unvernunft kein Kraut gewachsen, obwohl Gott gegen die Angst letztlich nicht hilft? Der Late-Night-Talker Bill Maher, der sich in Amerika mit der TV-Sendung „Politically Incorrect“ einen Namen gemacht hat, will es in Larry Charles’ Comedy-Doku „Religulous“ ganz genau wissen und fragt fromme Menschen, was genau sie aus welchem Grund glauben. Warum sie an die Paradiesgeschichte mit der sprechenden Schlange glauben, an die Jungfrauen-Geburt oder die Sache mit Jonas und dem Walfisch.

Der katholisch erzogene Bill Maher fragt seine jüdische Mutter. Er fragt die Männer in der Trucker-Kapelle in North Carolina, den Jesus-Darsteller im „Holy Land“-Erlebnispark in Florida, einen gläubigen Senator, einen lustigen Vatikan-Gelehrten, einen ehemals schwulen Priester, der Homosexualität für eine Krankheit hält, Rabbis und Moslems in Jerusalem, bigotte Prediger in den USA, Kreationisten und Ex-Mormonen, den Ultrarechten Geert Wilders und einen Cannabis-Kirchenpriester in Amsterdam.

Dummerweise steht das Ergebnis der Recherche schon fest: Religion ist Humbug. Der Witz von „Religulous“ ätzt weniger als der von Larry Charles’ Kinohit „Borat“, weil Maher keine Überraschung erlaubt, keine Pointe, die erst vor laufender Kamera zündet. Er lässt seine Gesprächspartner gar nicht erst in Fahrt kommen, bis sie sich in die Widersprüche des Irrationalen verwickeln könnten. Maher ist viel zu ungeduldig, unterbricht, widerspricht und lässt sich auf seiner Parforce-Tour durch Amerika, Europa und den Nahen Osten selbst interviewen. Mein Gott, so witzig ist diese Quasselstrippe nun auch wieder nicht, zumal sich Maher bei seinen Sottisen gern wiederholt. Selbstdarsteller Michael Moore ging in seinen Polit-Satiren ergebnisoffener vor.

Maher macht es sich einfach, wenn er mit Karacho sperrangelweit offene Türen einrennt und sich über Bushs „Heiligen Krieg“ ereifert. Oder wenn er in Megiddo steht, dem biblischen Ort der Apokalypse, und die Weltgefahren der Weltreligionen beschwört. Was nun: Wenn Religion Mumpitz ist und Autosuggestion, dann doch wohl auch Armageddon!

Spannender ist der Versuch, das Rationale mit dem Irrationalen in Einklang zu bringen und heilige Kühe auf säkularen Grund zu stellen. Diesen Versuch unternehmen etwa protestantische Theologen – vom Pfarrer bis zum Superintendenten –, wenn sie pünktlich zur Fastenzeit die Idee vom Opfertod infrage stellen und bezweifeln, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist. Die Auferstehung, schreibt Bischof Huber in seinem jüngsten Buch, darf nicht „auf eine rechtsförmige Satisfaktionvorstellung reduziert werden“.

Der aktuell eindrücklichste Versöhnungsversuch von Glaube und Wissen stammt von Filmregisseur Paul Verhoeven, der ein Buch über den Menschen Jesus geschrieben hat: „Jesus. Die Geschichte eines Menschen“ (aus dem Niederländ. von Ursula Kremer und Alexandra Schmiedebach, Pendo-Verlag, München. 300 S., 19,95 €). Nach der Lektüre von über tausend Jesus-Büchern, langjähriger Zugehörigkeit zum hochkarätig besetzten Jesus Seminar von Theologen und Bibelforschern in den USA und wohl ebenso langer Vorarbeit zu einem Jesus-Film. Mel Gibson hat ihm dazwischengefunkt; an dessen „Passion of Christ“ lässt Verhoeven denn auch kein gutes Haar.

Der niederländische Regisseur von „Robocop“ und „Basic Instinct“ macht sich mittels penibler Bibel-Exegese und der Zusammenschau der Forschungsergebnisse seinen eigenen, nachvollziehbaren Reim auf Wunder, Jungfrauen und Auferstehung. Die Evangelisten, von denen keiner Jesus kannte, waren Redakteure. Sie fiktionalisierten das mündlich Überlieferte im Sinne der ersten Christen, als Drehbuchautoren avant la lettre. Verhoeven ersetzt Glauben durch Glaubwürdigkeit, wenn er etwa die Totenerweckung des Lazarus mit Jesu Kreuzigung unmittelbar zusammen denkt. Seine Lesart: Lazarus, enger Anhänger der rebellischen Jesus-Bewegung, wurde verhaftet und gefoltert, bis Jesus sich stellte, um seinem Freund das Leben zu retten. Und die Jungfrauengeburt? Eine Vergewaltigung, wie sie damals nicht selten vorkam. Oder ein vertuschter Ehebruch. Ist natürlich auch alles nur Spekulation und mitunter selber fanatisch. Aber Verhoeven stellt immerhin Wahrscheinlichkeitsrechnungen an.

Verhoeven hält Jesus nicht für Gott. Er ist jedoch von glühender Neugier beseelt, studiert die Quellen und deutet Begriffsunterschiede so lange, bis er hinter den biblischen Wundern ein dramaturgisches Kalkül, eine Logik ausmachen kann.

Etwas von Verhoevens Geduld hätte auch Bill Maher gut getan. Denn während Maher durch seine Freakshow der Frommen zappt, unterlaufen ihm durchaus dringliche Fragen und erhellende Wahrheiten. Warum es gut sein soll, etwas zu glauben, wofür es keine Beweise gibt, will er wissen. Und er bremst einen muslimischen Rapper, der seine Probleme mit Rushdie hat, mit dem knappen Satz aus, dass es falsch ist, jemanden wegen eines Buchs töten zu wollen.

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