Film : Im Prinzip Hoffnung

Laurent Cantets packender Film "Die Klasse" erzählt vom Schulalltag in globalisierten Metropolen.

Jan Schulz-Ojala
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Das Kind, von dem man leben lernt. In Laurent Cantets Film "Die Klasse" lesen die Schüler aus dem Tagebuch der Anne Frank. -Foto: Concorde

Vielleicht nähert man sich diesem so lebendigen Film, er treibt seine Zuschauer tatsächlich in einen Gedanken- und Gefühls- und vor allem Wörterwirbelsturm, abwechslungshalber aus der Stille. Es sind nur ein paar Mini-Szenen, in denen das Geschehen Atem holt, Kraft schöpft abseits des Dialogpingpongs und der Redeschlachten, aber sie erzählen viel. Die schönste: das leere Klassenzimmer mit den auf die Tische gestellten Stühlen, und durch die halboffenen Fenster brandet gedämpft der Lärm des Fußballspiels, mit dem die Schüler und Lehrer das Schuljahr verabschieden. Die traurigste: Die Kamera blickt hinunter in den betonierten und engen Schulhof, und nur Souleymane und seine Mutter gehen durch eine kalte Sonne, nach seinem Schulverweis und auf Nimmerwiedersehen.

Und dann wäre da noch, auch wenn das Wort in all dem dauerlauten Unterrichtsgetriebe fast kurios klingt, die poetischste. Eine Schülerin hat sich, nach endlosem Verweigerungspalaver, bereitgefunden, aus Anne Franks Tagebuch vorzulesen. Die zögernd nachgesprochenen Sätze der damals Gleichaltrigen, die sich selber so klug und zweifelnd befragte, erobern die dösend Zuhörenden – und auf einmal verwandelt sich der Klassenraum in eine Arche, deren träumerische Passagiere auf dem Ozean einer Welt aus Wörtern ihrer eigenen Zukunft entgegentreiben.

Die Auszeiten und Umwege machen den Film groß

Nicht, dass dieser Film, der richtig Dampf macht in 24 Bildern pro Sekunde und in knapp zwei Stunden ein französisches Schuljahr wie einen einzigen Tag vorüberdonnern lässt, nicht auch ohne diese Augenblicke des Innehaltens auskommen würde; aber die Auszeiten und Umwege machen ihn groß. Auch das nervtötende Gelaber um einen Kaffeeautomaten bei einer Lehrerkonferenz, die sich damit der viel wichtigeren Frage eines neuen Disziplinarsystems entzieht. Oder die Lehrerin, die mit ihrer frohen Schwangerschaftsnachricht mal eben die Debatte um die Abschiebung eines chinesischen Schülers ausknipst. So kleines Zeug tut plötzlich weh, beim Zuhören und Zusehen, fast körperlich. Als dürfte keine Sekunde jenes irrwitzigen Abenteuers verloren gehen: Jugend, gerade die gefährdetste, auf den bestmöglichen Weg zu bringen.

KLasse
Der engagierter Lehrer (Francois Begaudeau) und seine Schüler. -Foto: Concorde

Es ist eine Jugend, die im Pariser Nordosten aufwächst, im 20. Arrondissement. Es sind junge Franzosen, Kinder der Immigranten aus Marokko und Mali, aus Tunesien, von der Elfenbeinküste und den überseeischen Départements. Sie alle haben eine gemeinsame Sprache, es ist das Französisch der Mehrheitsgesellschaft, und streiten doch auch heftig um kulturelle Unterschiede, Geschlechterrollen, Religion. 24 Sieben- bis Neuntklässler der Françoise-Dolto-Mittelschule, zusammengecastet zur Filmklasse, dazu ihre echten Lehrer und echten Eltern bilden das Personal dieses Films, der kein Problem ausspart, das heute die Schulen in den globalisierten Metropolen quält. Nur: Er jammert nicht. Er macht Hoffnung, und zwar massiv.

Dabei ist der Klassenlehrer alles andere als eine „Club der toten Dichter“ Lichtgestalt. François Bégaudeau, der ein Buch über seine Lehrererfahrungen geschrieben hat und nun sich selbst mit umwerfender Natürlichkeit spielt (vgl. Interview vom 13. Januar), provoziert seine Schüler, verletzt sie mitunter mit schnellen Gedankenschlüssen, tritt auch schon mal gegen einen Stuhl, wenn ein Einredeversuch in eine Disziplinierungskatastrophe mündet, oder er hofft, eine eigene Schwäche am Direktor vorbeizumogeln. Ein Mensch also; einer, der sich mit allen Fasern in den Unterrichtsalltag stürzt, eher ein Schlachtfeld als einen Bildungshain; ein Mensch, der abseits purer Wissensvermittlung seine Schüler immer wieder dazu verführt, sich mit sich selbst zu konfrontieren, dramatische Rückschläge inbegriffen; einer vor allem, der die Sprache liebt und doch um ihre Missverständlichkeit weiß.

Cantet verlässt sich auf die Sprache der Unmittelbarkeit

Dass etwa die vorlaute Esmeralda mit der Zahnspange keinerlei Lust auf den Konjunktiv Imperfekt hat, weil sowieso „keine Sau sowas spricht“: ja, wie solche Lebensnähe entkräften? Dass der schwierige Souleymane keine Lust auf die Hausaufgabe Selbstporträt hat, weil er von sich „sowieso nix zu erzählen“ weiß: wie diesen wilden Jugendlichen dazu bringen, ein paar Bildtexte zu seinen Handyfotos zu verfassen und einem auch noch das ernst gemeinte Lob abzunehmen? Auch wenn nichts mehr zu gehen scheint, geht doch immer alles noch.

Nur als „du Loser, Alter!“ muss der Klassenlehrer sich nicht beschimpfen oder gar prügeln lassen von Souleymane, der dann einer Mitschülerin den Rucksack ins Gesicht haut. Und doch ist der Lehrer dann wieder der Erste, der Souleymane vor den Kollegen schützt, die sofort die Chance wittern, den renitenten Schüler per Verweis abzuschießen.

Laurent Cantet, der seit „Ressources humaines“ und „Auszeit“ die anrührendsten und auch imponierendsten Arbeitsweltfilme der Welt dreht, erzählt immer von Strukturen, indem er Menschen in ihren seelischen Nöten zeigt. Nur verurteilt er niemanden, und Gebrauchsanweisungsantworten auf soziale Probleme sind von ihm ohnehin nicht zu haben. In „Die Klasse“, in Cannes zu Recht mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, verlässt er sich auf die Sprache der Unmittelbarkeit und geht so dicht an die Form des Dokumentarfilms heran, dass die Grenzen der Fiktion zu zerfließen scheinen.

Drei Handkameras zeichnen das Geschehen auf, das zwar auf einem Drehbuchgerüst gründet, aber erst durch die Ideen der Jugendlichen und Improvisationen Leben gewinnt. Willkommen also im Echtheitslabor! Und Vorsicht: Nur Allerhartnäckigste finden, hineingerissen in den Strudel kunstvoll erfundener Ereignisse, nachher noch jene Denkstarre wieder, mit der man sich gemeinhin die Wirklichkeit vom Leibe hält.

Ab Donnerstag in den Kinos Broadway Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmtheater Friedrichshain, fsk, Kulturbrauerei und Passage; OmU im Babylon Kreuzberg, Cinema Paris und Hackesche Höfe

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