Film : "Iran ist wie ein Vulkan"

Regisseurin Sepideh Farsi dokumentiert den Alltag in Teheran – mit ihrem Handy

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Farsi trägt das grüne Band, das Zeichen der Opposition in Iran. -Foto: Filmfestival Locarno

Die iranische Filmemacherin Sepideh Farsi kam 1984 für ein Mathematikstudium nach Frankreich. Seitdem lebt sie in Paris und Teheran. Auf dem aktuellen Filmfest Locarno zeigt sie „Tehran Without Permission“, ein Porträt ihrer Geburtsstadt. Der Film entstand ohne Erlaubnis und ausschließlich mit einem Handy.

Frau Farsi, das Handy scheint im Alltag der Iraner eine große Rolle zu spielen.

Die jungen Iraner sind Technik-Freaks. Wenn man sich öffentlich nicht gehen lassen darf, nicht tanzen oder Sport treiben kann, sucht man andere Wege, sich auszudrücken. Junge Liebende, die ihre Zuneigung nicht zeigen dürfen, treffen sich in Cybercafés, setzen sich an verschiedene Rechner im Raum und chatten miteinander. Oder in der U-Bahn: Man muss nur Bluetooth aktivieren, schon quillt das Handy über vor Mitteilungen, Anfragen, Musik und Bildern – von fremden Menschen. Es könnte jemand sein, der neben dir steht, oder aus dem nächsten Waggon.

Haben Sie deshalb Ihren Film mit dem Handy gedreht?

Ich wollte alleine drehen und ohne Erlaubnis, denn es sollte ein persönlicher Film werden über die weniger sichtbaren Aspekte des Lebens in Teheran, seine Gegensätze und seine Widersprüche.

Der private und der öffentliche Raum erscheinen fast wie getrennte Sphären.

Zu Hause trägt man die Haare offen, hört Musik und schaut Filme, die man mag. Fernsehen empfangen die Iraner am liebsten über Satellit und aus der ganzen Welt. Dann und wann klopft ein Polizist an die Tür, vergibt einen Strafzettel und nimmt die Satellitenschüssel mit. Also geht man eine neue kaufen. In Teheran wird alles gesehen, auch CNN oder Arte. Wenn man aber auf die Straße geht, sind überall religiöse Botschaften, Propaganda und die „good moral police“. Es ist schizophren. Manchmal frage ich mich, wie die Iraner das alles zusammenbringen.

Würden Sie gerne ganz in den Iran zurückgehen?

Ich lebe seit 25 Jahren in Frankreich, aber der Iran ist mein Land, und ich verbringe oft die Hälfte des Jahres dort. Ich bin wie eine Amphibie: Ich lebe im Wasser und auf der Erde. Aber wenn ich im Iran so leben könnte, wie ich wollte, ich würde sofort zurückkehren.

Kann es passieren, dass Sie jetzt nicht mehr einreisen dürfen?

Darunter würde ich schrecklich leiden. Aber man kann es nicht wissen. Das weiß man erst, wenn man das Flugzeug nimmt, und am Flughafen passiert es dann.

Sie kamen kurz vor den Wahlen aus dem Iran zurück. Wie haben Sie die Wahlnacht erlebt?

Ich war sehr aufgewühlt. Ursprünglich glaubte ich an keinen der Kandidaten, aber die Energie der jungen Iraner hat auch meine sonst eher skeptische Generation mitgerissen. Wir sahen all diese Menschen zur Wahl gehen, sogar in Paris. Die Schlange vor der iranischen Botschaft wollte nicht enden. Ich war sicher: Das ist das Ende von Ahmadinedschad. Dann kamen die Ergebnisse. Wir im Ausland sahen sie ja zuerst. Ich rief meine Freunde im Iran an. Was ist los?, fragten sie, denn die Wahllokale hatten ja gerade erst geschlossen, mit Ergebnissen war noch lange nicht zu rechnen. SMS funktionierte da schon nicht mehr.

Ist es schwieriger geworden, Freunde im Iran zu erreichen?

Manchmal funktionieren die Leitungen, manchmal nicht. Früher haben meine Freunde viel berichtet, jetzt sagen sie kaum noch etwas. Niemand kennt das Ausmaß der Abhöraktionen, sicher ist nur, dass abgehört wird. Menschen, die Kontakt zur BBC suchen, bekommen Anrufe, in denen ihnen dazu geraten wird, solche Versuche bleiben zu lassen. „Tehran Without Permission“ habe ich auf einem Nokia-Handy gefilmt. Es war das letzte Mal, dass ich etwas von Nokia in die Hand nehme. Wir sind alle sehr wütend, dass Nokia und Siemens dem Regime ein perfektes Abhörsystem eingerichtet haben. All das erinnert mich an die Zeit, als ich im Iran zur Schule ging. Es ist dieselbe Atmosphäre, derselbe Modus Operandi, die Hoffnungen, Enttäuschungen. Es ist ja nicht so, dass diese Gegenbewegung nicht vorher schon existiert hätte. Sie war immer da, unter der Oberfläche, und jetzt bricht es hervor. Iran ist wie ein Vulkan.

Der Mut der Frauen ist erstaunlich.

Sie sehnen sich nach Freiheit. Und sie sind wütend. Es war nie leicht in den Jahren seit der Revolution, aber unter Ahmadinedschad hat sich alles verschlimmert. Vor allem Frauenrechtlerinnen haben es schwer. Sie werden verhaftet, frei gelassen, wieder verhaftet, vor Gericht gestellt, eingesperrt und so weiter.

Änderte sich das Klima auch für Künstler?

Alle wichtigen Stellen wurden mit Leuten besetzt, die den Revolutionsgarden nahestehen. Auch der Kulturminister ist ein ehemaliger hochrangiger Offizier. Im Iran muss jede Publikation für jede weitere Auflage noch einmal durch die Zensur. So kam es, dass unter Ahmadinedschad viele Bücher, deren Druck schon erlaubt worden war, verboten wurden. Seit vier Jahren ist alles wie eingefroren.

Und Ihre Erfahrungen mit den Zensoren?

Mein letzter Spielfilm „The Gaze“ wurde verboten. Es war die Zeit des Übergangs von Chatami zu Ahmadinedschad, niemand wollte ein Risiko eingehen. Anderthalb Jahre haben wir verhandelt, eine Begründung wurde nie mitgeteilt. Einmal bat ich einen Beamten um Unterstützung. Er sagte: Wenn du eine von uns wärst, dann hättest du vielleicht das Recht, kritisch zu sein. Aber du bist nur eine Exil-Iranerin. Ich stand auf und ging. Manchmal sagen sie auch: Nimm dies raus, ändere das, füge hier eine Phrase ein. Das ewige Hin und Her – es ist wie bei Kafka.

Es heißt, Ahmadinedschad schätze das Kino nicht besonders.

Es wird viel Geld in aufwendige Kriegsfilme gesteckt, aber davon profitieren nur wenige Regisseure, die dem Regime nahestehen. Einer der Günstlinge gehörte einst zu denen, die die Leute schlagen, den Basij-Milizen. Er dreht jetzt Kriegskomödien.

Das Gespräch führte Sebastian Handke.

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