Film-Legende : Der Erinnerungsarbeiter

Zum 90. Geburtstag: Eine Filmreihe würdigt den Berliner Produzenten Artur Brauner.

Frank Noack
Artur Brauner
Artur Brauner. -Foto: dpa

Der Bekanntheitsgrad eines Produzenten hängt nicht von der Qualität seiner Filme ab, ja nicht einmal von ihrem Erfolg an den Kinokassen. Artur „Atze“ Brauner hat nie mit Wolfgang Staudte, Helmut Käutner oder Bernhard Wicki gearbeitet, die großen populären Klassiker der Adenauer-Ära – „Grün ist die Heide“, „Sissi“, „Die Halbstarken“, „Das Mädchen Rosemarie“ – stammen ebenfalls nicht von ihm. Auf der Edgar-Wallace- und der Karl-May-Welle ist er mitgeritten; ausgelöst hat er sie nicht. Überblickt man die Liste seiner rund 250 Filme, vermisst man die Extreme: Kunst und Schund. Es überwiegt die gepflegte Unterhaltung.

Dass der am 1. August 1918 in Lodz geborene Sohn eines Holzgroßhändlers dennoch der berühmteste deutsche Produzent seiner Generation ist, liegt auch an seiner Selbstinszenierung. Brauner schickte seine Stars nicht allein ins Rampenlicht, sondern gesellte sich zu ihnen, wenn die Fotografen ihre Kameras zückten. Das war eine späte Genugtuung: Als polnischer Jude hat sich Brauner während des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion verstecken müssen. 1946 hatte er in Berlin dann die Central Cinema Company (CCC-Film) gegründet, 1949 seine Studios in Haselhorst aufgebaut, in denen über 500 Filme entstanden.

Und es gibt noch einen Grund, sich intensiver mit Artur Brauner zu beschäftigen. Der Mann, dem Stars wichtiger waren als anspruchsvolle Vorlagen, investierte wiederholt in Filme, die sich mit der NS-Zeit befassten, am erfolgreichsten mit Istvan Szabos „Hanussen“ und Agnieszka Hollands „Hitlerjunge Salomon“ und zuletzt mit Joseph Vilsmaiers „Der letzte Zug“. Er lockte emigrierte Regisseure wie Fritz Lang, Robert Siodmak und Gottfried Reinhardt nach Deutschland zurück. Und er hat wie kein zweiter internationale Co-Produktionen ermöglicht.

Es ist nicht einfach, mit einer Retrospektive diesem Werk gerecht zu werden. Die Brauner-Reihe, die das Zeughauskino zum 90. Geburtstag des Produzenten veranstaltet, berücksichtigt die unterschiedlichsten Facetten seiner Persönlichkeit (Programm unter www.dhm.de/kino). Bis in den August hinein sind Früh- und Spätwerke zu sehen, Musicals mit Caterina Valente („Scala – total verrückt“) und Freddy Quinn („Freddy und das Lied der Prärie“) ebenso wie Holocaust-Dramen („Zeugin aus der Hölle“) und den monumentalen „Kampf um Rom“.

Zur Eröffnung läuft am Mittwoch der Film „Die Ratten“ (1955), der eigentlich zum Scheitern verurteilt war. Gerhart Hauptmanns Tragikomödie funktioniert so richtig nur auf der Bühne. Die Dielen müssen knarren und die Holzwände wackeln. Für den Film wurde ein Mietshaus realitätsnah nachgebaut, die theaterwissenschaftlichen Diskurse gestrichen und gleich zwei Happy Ends erfunden. Die Leihmutter, die ihr Kind zurückhaben will, wird nicht ermordet – schließlich wurde die Rolle mit Maria Schell besetzt. Zu viele Kompromisse? Manchmal muss man eine Vorlage vergessen können, um einen Film zu würdigen. Regisseur Robert Siodmak nutzte Hauptmanns Drama, um ein düsteres Bild der Bundesrepublik zu zeichnen. Armut war während des Wirtschaftswunders kein beliebter Filmstoff.

Gelang es Brauner hier noch, Skeptiker zum Schweigen zu bringen, so stieß „Liebling der Götter“ (1960) auf Ablehnung. Renate Müller, deren Leben der Film schildert, war ein kesses Mädel aus dem Volk, ihre Interpretin Ruth Leuwerik dagegen eine feine Dame. Fehlbesetzung hin oder her, es gab damals nicht viele Filme über Künstler als Naziopfer, und die wegen ihres jüdischen Liebhabers drangsalierte, vermutlich in den Selbstmord getriebene Renate Müller hat ein filmisches Denkmal verdient.

Doch mit seinen Versuchen, im Rahmen des traditionellen Starkinos an die NS-Vergangenheit zu erinnern, setzte sich der Produzent zwischen die Stühle. Den einen war er zu politisch, den anderen nicht politisch genug. Die Zeit hat für ihn gearbeitet. Thesen über den Faschismus hat Brauner ohnehin nie vertreten. Er wollte erinnern. Selbst bei schwächeren Arbeiten – und in den letzten Jahren hatte er keine glückliche Hand mit Regisseuren – spürt man seine Verantwortung gegenüber der Geschichte. Es gibt schlechtere Motive, Filme zu produzieren.

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