Film : Mund zu Maul

Im Kino: „Tulpan“ erzählt vom Alltag in der kasachischen Steppe.

Martin Schwickert

Ein Matrose mit Segelohren? Nein, das geht gar nicht. Also lehnt die Braut Asas Heiratsantrag ab – trotz Kronleuchter und zehn Schafen. Das ist hart für Asa, schließlich ist der Beziehungsmarkt in der kasachischen Steppe noch übersichtlicher als die Landschaft. Nur drei Jurten stehen hier im Umkreis von ein paar hundert Kilometern, und Tulpan ist die einzige Braut weit und breit.

Während der Heiratsverhandlungen bleibt sie hinter einem Vorhang verborgen und wird auch bis zum Ende des Films nur schemenhaft in Erscheinung treten. Für Asa (Askhat Kuchinchirekov) ist die junge Unbekannte ohnehin nur eine Projektionsfläche, auf der sich die Sehnsucht nach einem besseren Leben bündelt. Auf der Kragenrückseite seines Matrosenhemdes hat Asa die Vorstellung vom Paradies aufgemalt: eine Jurte, eine Familie, ein Kamel, eine Schafherde und drumherum die grenzenlose Steppe. Aber eine Herde bekommt nur, wer eine Frau hat. Das macht der „Genosse Boss“ unmissverständlich klar.

Nach seinem Militärdienst in der Marine hat Asa bei seiner Schwester (Samal Yeslyamova) Unterschlupf gefunden. Der griesgrämige Schwager (Ondasyn Besikbasov) macht ihm das Leben schwer. Wer in der sogenannten „Hungersteppe“ als Hirte überleben will, muss hart arbeiten – und Asa stellt sich im Umgang mit dem Vieh nicht immer geschickt an. Die Schafe gebären ihre Lämmer tot. Die Existenz der Herde ist bedroht.

Seit einer Weile dienen der Himalaja und die weiten asiatischen Steppen zivilisationsermatteten Europäern als zumindest cineastisches Naherholungsgebiet. Mit „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ wurde das Genre des Jurten-Movies begründet, dem „Die Höhle des gelben Hundes“ und „Die Stimme des Adlers“ folgten. „Tulpan“ des kasachischen Regisseurs Sergey Dvortsevoy hebt sich deutlich von seinen ethnografischen Vorgängern ab. Hier geht es nicht um diffuse spirituelle Erbauung, sondern um harten Alltag. Da dient Asas Brautwerbung nur als narrativer Grobrahmen für semidokumentarisches Material.

So wird etwa die Geburt eines Schafes in Echtzeit gezeigt, und wenn Asa das Lamm per Mund-zu-Maul-Beatmung am Leben hält, besiegelt dies zugleich seine Verbindung mit dem Steppendasein. Auch die Jurte ist in „Tulpan“ nicht Schutzraum menschlicher Harmonie, sondern vor allem Schauplatz von Konflikten in der eng zusammengedrängten Familie. Und die Steppe ist, was sie ist: eine staubige Welt – vom Wind so beständig aufgewirbelt, dass man nach dem Kinobesuch den Sand aus den Kleidern klopfen möchte. Martin Schwickert

Central, Krokodil, Moviemento

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