Film : Nasskalte Nächte

Bauernopfer: Die Bestsellerverfilmung "Tannöd" von Bettina Oberli.

Julian Hanich

Der Roman „Tannöd“ hat 125 Seiten. Sie sind sparsam bedruckt. Es treten wenige Personen auf. Die Schauplätze – ein paar abgelegene Bauernhöfe in der Oberpfalz – bleiben überschaubar. Die Handlung: einfach, knapp und von beachtlicher Wucht. Wer Andrea Maria Schenkels Bändchen in die eine Hand nimmt und einen der bleischweren Wälzer von Dan Brown, Donna Cross oder Joanne K. Rowling in die andere, weiß: Hier herrscht Ungleichgewicht.

Dieser Mangel an Schwere kann für eine Verfilmung nur vorteilhaft sein. Hier muss ausnahmsweise mal kein Erzählballast abgeworfen werden. Der Leser darf hoffen, seine imaginierte Welt vollständig in den bewegten Bildern des Films wiederzufinden. Im Reich der Bestsellerverfilmung hatte „Tannöd“ also eine geradezu unverschämt günstige Ausgangsposition.

Doch was machen die Regisseurin Bettina Oberli („Die Herbstzeitlosen“) und ihre Drehbuchautorin Petra Lüschow? Sie geben genau diesen Vorteil aus der Hand, indem sie dem Roman zusätzliche Handlungslast aufbürden. Offenbar haben sie den Krimi gewogen und für zu leicht befunden. Für das Kino musste Schenkels unheimliche, atmosphärisch dichte Kriminalgeschichte zusätzlich offenbar nobilitiert werden. Zur Aufklärung eines bestialischen Mehrfachmordes kommt nun eine Vergangenheitskonfrontationsgeschichte, die uns etwas über ländliche Engstirnigkeit und Verdrängung zu sagen versucht. Und, ach ja, eine zartsüße Liebesgeschichte wird ebenfalls hinzuerfunden.

Zwei Jahre nachdem auf dem TannödHof sechs Menschen auf ungeklärte Weise erschlagen wurden, kehrt die Krankenschwester Kathi aus der Ferne in ihr Heimatdorf zurück. Von Julia Jentsch mit eindimensionalem Minimalismus gespielt, trifft Kathi auf eine Reihe verschrobener Dörfler (darunter Brigitte Hobmeier und Monica Bleibtreu), die ihr mit unglaubwürdiger Offenheit alsbald das Herz ausschütten. Während auf diese Weise der Mordrätsel schrittweise gelöst wird, stellt sich heraus: Kathi kann selbst den Staub der Vergangenheit nicht einfach abschütteln.

Die erzählerische Doppelstruktur führt dazu, dass der Film ständig zwischen den Ebenen springt: zwischen sonnig-dumpfer Gegenwart und düsterer Vergangenheit, zwischen Sittenbild und Kriminalgeschichte. Das führt zu einer merkwürdig atmosphärischen Haltlosigkeit. Dass der Film keine Wurzeln schlägt, hängt auch mit der Dialektfrage zusammen. Die Regisseurin wollte eine Kunstsprache im Stile Ödon von Horvaths schaffen. Herausgekommen ist eine Kakophonie aus Bayerisch, Österreicherisch und einem Flamen (Filip Peeters), der irgendetwas dazwischen versucht.

Sicher: Es gibt beeindruckende Momente. Insbesondere in den Naturaufnahmen des nassdunkel wogenden Waldes und der raureifkalten Felder schimmert jene schaurige Stimmung hindurch, die den Film hätte dominieren sollen. Und auch die vitalen Auftritte Monica Bleibtreus – sechs Monate nach ihrem Tod – heben den Film auf ein anderes Niveau. Gerade in diesen Ausnahmemomenten aber drängt sich die Frage auf: Warum mussten die Filmemacher Fallgruben ausheben, in die sie dann selbst stürzten?

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