Film : Tiere sehen dich an

Zurück zur Natur: das Waldmelodram „Der Fuchs und das Mädchen“ berührt. Und der französische Regisseur Luc Jacquet erzählt über die Dreharbeiten-Details.

Christiane Peitz
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Held und Freundin : Kinofilm "Der Fuchs und das Mädchen". -Foto: dpa

Tiere und Kinder sind im Kino bekanntlich unschlagbar. Weil sie nicht lügen vor der Kamera und sich nicht verstellen. Aber was bitte ist an einem gewöhnlichen Fuchs aus hiesigen Breitengraden schon interessant? Zum Beispiel die skurrile Kippschaukelmotorik, die ihn beim Lauern auf Beute mit den Hinterbeinen zuerst hochhüpfen oder simultan mit allen vieren in die Luft springen lässt. Oder seine kapriziöse Art, in vollendeter Eleganz den Vorderlauf abzuwinkeln. Oder die Geräusche beim Liebesspiel: Der Fuchs schnattert, gurrt und fiept, als sei er kein Pelztier, sondern ein Vogel. Tiere, sieht man sie nur nahe genug an, sind sehr befremdliche Wesen.

Für den Filmemacher sind sie allerdings auch ein Graus, weil sie sich um die Regie kein bisschen scheren. Der französische Biologe, Naturforscher und Tierfilmer Luc Jacquet hat den Schwierigkeitsgrad noch gesteigert. Erstens handelt „Der Fuchs und das Mädchen“ von der Freundschaft zwischen einem Tier und einer Zehnjährigen. Zweitens wollte er, wie schon bei seinem Welterfolg „Die Reise der Pinguine“, das Tierleben nicht dokumentieren, sondern eine Geschichte erzählen, sprich: einen Spielfilm drehen.

Wie kriegt man einen Fuchs dazu, einen Fuchs zu spielen? Es ist gar nicht nur einer, erläutert der Regisseur. Es sind ein Dutzend, sechs wilde und sechs gezähmte Füchse. Luc Jacquet hat den Filmfuchs aus verschiedenen Exemplaren zusammengesetzt, je nach Tageslaune seines Helden. Mal ist er scheu, mal zutraulich, mal auf der Flucht vor dem Luchs oder dem Menschen, mal irrt er verängstigt durch die Berghöhle, wenn er nicht gerade den Nachwuchs im Fuchsbau versorgt.

Ein bisschen unangenehm ist es Luc Jacquet schon, wenn man ihn nach seinen Tricks fragt, dem Illusionstheater der Wirklichkeit. Und gesteht doch freimütig, dass der Schauplatz seines Films aus den Wäldern Ostfrankreichs und den italienischen Abruzzen zusammenmontiert ist und der Fuchsbau nicht im Wald liegt, sondern im Studio errichtet wurde. Sei’s drum. Luc Jacquet tut das alles, weil er die Natur liebt, seit er als Junge in den Bergen des Département Ain herumstreunte. Nach der Antarktis hat er nun das vor Exoten nur so wimmelnde Universum vor der eigenen Haustür wiederentdeckt (außer dem Fuchs sind Hase und Igel, Raupe und Glühwürmchen, Specht, Unke, Bär, Dachs, ein Wolfsrudel und diverse Nachttiere mit von der Partie). Gleichzeitig bewegt er sich problemlos zwischen Outdoor und Interviews in Hotelzimmern hin und her. Freie Wildbahn oder roter Teppich: Hauptsache extrem – ob bei den wilden Tieren oder im Kino, dieser Welt der Simulation und Übertreibung.

Warum ausgerechnet der Fuchs und nicht etwa der Bär? Wegen seiner Prominenz als Fabeltier? Oder weil er sich besonders gut für eine Hommage an die Freiheitsliebe eignet? Auf die Dauer jedenfalls lässt er sich nicht einmal von der Zuneigung des so behutsamen, verständnisvollen Mädchens einnehmen. „Der Fuchs“, so Jacquet, „durfte anders als der Bär immer nur Nebendarsteller sein. Dabei hat er das Zeug zur Hauptrolle. Und er ist die größere Herausforderung, denn wer ihn beobachten will, dem rennt er davon.“

Als Junge ist er einmal einem im Wald begegnet. Den Blick hat er nicht vergessen, „diesen absoluten Freiheitsdrang, die Autonomie, die Zurückweisung jeglicher Abhängigkeit“. Seitdem will er wissen, was das für ein Fluch ist, dass die Tiere des Waldes vor den Menschen fliehen. Luc Jacquet wird philosophisch. Er glaubt, dass wir gerne Tierfilme gucken, weil wir Städter unseren Platz in der Natur suchen, an der wir uns versündigt haben. Wir wollen unseren Frieden mit ihr machen. Und er beneidet die Griechen um das Wort „metis“, mit dem sie die praktische Intelligenz bezeichnen. Diesen Instinkt haben auch die Tiere. „Man sieht, dass der Fuchs sich Fragen stellt, wenn er uns anschaut.“

Um den Fuchs zu filmen, braucht man nicht Geduld, sondern Ungeduld. Wer mit der Kamera auf ihn wartet, muss damit rechnen, dass jeden Moment die Action abgeht. Auch wenn der Moment erst Tage später eintrifft. Luc Jacquet nennt es ein permanentes Spekulieren auf die Unwahrscheinlichkeit. Womit wir wieder bei den Pinguinen wären, die er seit 1992 immer wieder südlich des 40. Breitengrades aufgesucht hat. Beim Pinguin muss man sich nicht auf die Lauer legen, denn er kennt den Menschen nicht, hat also auch keine Furcht vor ihm. Für die Natur des Fuchses ist die Angst vor dem Raubtier Mensch dagegen konstitutiv. Deshalb muss sich er Kameramann dem Fuchs auf Knien nähern, dieskret sein und reaktionsschnell. „Immer geht es darum: Wer ist der Schlauere, wer sieht schneller voraus, was der andere vorhat?“ Ein manchmal amüsantes, manchmal enervierendes Spiel.

In Äsops Tierfabeln verkörpert der Fuchs die List. In T. H. Lawrence’ Kurzgeschichte „Der Fuchs“ verfällt eine Frau dem Blick des Fuchses, eine erotische Angstlust mit tödlichen Folgen. Bei Jacquet geht es harmloser zu. Das Mädchen Lila – Bertille Noël-Bruneau mit Stupsnase und fuchsrotem Haar – ist eine Art Schwester. Sie sehnt sich nach einem Spielgefährten, bis sie begreift, dass der Fuchs nicht ins Kinderzimmer gehört, sondern nach draußen. Die Natur veranstaltet rund um diese Erkenntnis ihr fantastisches Schauspiel, von der Symphonie der Morgenröte bis zum Reigen der kauzig-schaurigen Nachtgestalten. Leider hält der Regisseur wie schon im Pinguin-Film sein Publikum mitunter für blind und setzt reichlich Geschmacksverstärker ein, vom alles verkleisternden Soundtrack bis zur kommentierenden Erzählerin (in der deutschen Fassung: Esther Schweins).

Auch die märchenhafte Story selbst wird um etliche Rührseligkeiten angereichert: Ein gesunder Fuchs lässt sich nicht streicheln. Kinder sind auch als Zuschauer unbestechlich: Man sollte sie nicht für dumm verkaufen. Dem Beobachter enthüllt die Natur ihre Geheimnisse. Der Nostalgiker verrät sie wieder. Fast wünschte man sich: den Fuchs ohne das Mädchen.

In 21 Berliner Kinos, Original mit französischen Untertiteln im Cinema Paris

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