Film über Kent Nagano : Aus der neuen Welt

Bettina Ehrhardt hat einen großartigen Film über den Dirigenten Kent Nagano gedreht.

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Erst Schulbrote schmieren, dann für Messiaen werben. Kent Nagano, 2009. Foto: bce films
Erst Schulbrote schmieren, dann für Messiaen werben. Kent Nagano, 2009. Foto: bce films

Die Szene hat etwas Trancehaft-Spiritistisches, als weckte sie Trolle und uralte Geister: Zwei junge Frauen stehen einander gegenüber, fassen sich an den Unterarmen und wiegen sich sanft in den Hüften. Dabei geben sie animalische Laute von sich, ein Knurren, Röcheln, Schnarren und Stöhnen. „Stellen Sie sich vor“, sagt die kanadische Komponistin Alexina Louie, „wie zehn Hunde übers Eis rennen und der Schnee unter ihren Pfoten knirscht.“ Neue Musik aus dem Geiste des Polarkreises, vom Ende der Welt, dazu Violine, Kontrabass, Klarinette, Fagott, Trompete, Posaune, Schlagzeug – und ein Dirigent: Kent Nagano, der in seinen Frackschößen hier ziemlich aus dem Rahmen fällt. Aber das ist Absicht.

Unterschiede, formuliert der Amerikaner wenig später, müsse man betonen, nicht verstecken. Und dann erzählt er, wie Wellenreiten klingt, und mit welchen Tier- und Vogelstimmen er zuhause, im kalifornischen Morro Bay aufgewachsen ist. Und wie klein für ihn schon als Kind der Schritt von da aus zu Brahms oder Bruckner gewesen sei. Die Natur als Lehrmeisterin: Das glaubt man Nagano sofort. Weil er stets sorgfältig in seinem Inneren schürft, bevor er etwas sagt. Und weil Musikmachen und Esoterik sich nun einmal ausschließen, wie man aus Bettina Ehrhardts grandiosem Film „Kent Nagano – Montreal Symphony“ lernen kann. Der Dirigent als Erkenntnistheoretiker und Philosoph. Und noch so ein typischer Nagano-Satz, der aus jedem anderen Mund bloß wohlfeil anmutete: „Kultur ist Menschenrecht, sie führt aus der Herrschaft der Notwendigkeit in die Sphäre der Freiheit.“

„Take the Dog Sled“ nennt Alexina Louie ihre Komposition, ein Auftragswerk, das die klassische europäische Musik mit dem Kattajjaq, dem traditionellen Kehlkopfgesang der Inuits, verbindet. Gespielt wird in einer Turnhalle in Inukjuak, einem kleinen Ort im äußersten Norden der kanadischen Provinz Quebec. Die Zuhörer sind ausschließlich Inuits, Eskimos, Menschen mit runden wettergegerbten Gesichtern, die die Namen Mozart oder Strawinsky noch nie zuvor gehört haben dürften und zu denen auch sonst kaum leibhaftige zivilisatorische Errungenschaften vordringen. Zusammen mit sieben Musikern des von ihm geleiteten Montreal Symphony Orchestra hat Nagano sich 2009 zu ihnen auf den Weg gemacht, und die Dokumentarfilmerin Bettina Ehrhardt durfte ihn auf dieser Reise begleiten, wie zuvor schon in Montreal, bei Konzerten in Paris und Gesprächen in München.

Als Location ist die kanadische Arktis gewiss ein Glücksfall (ebenso wie das Eishockey-Stadion, das das OSM – französisch: Orchèstre Symphonique des Montréal – mit Beethovens Fünfter aufmischt): Die unwirtliche Weite und Leere der Landschaft, die glühende Konzentration in den Mienen ihrer Bewohner, das Gelächter, als Nagano die „Kleine Nachtmusik“ auf Deutsch ankündigt, offenbar klingen wir Dichter und Denker in Eskimo-Ohren saukomisch – das alles spricht Bände. Als müsse man Kamera und Ton einfach immer nur im richtigen Moment laufen lassen: Wenn der Maestro für Kinder in einem Problembezirk von Montreal das Schulfrühstück schmiert, wenn er in einer Probe zu Mahlers „Lied von der Erde“ in Paris den Geigen zuruft, sie sollten „indirekter“ spielen, sonst klänge es wie Richard Strauss, oder wenn der Klarinettist André Moisan kabarettreif erklärt, was den französischen Holzbläser vom britischen unterscheidet: die Muttersprache und deren lautliche Ausformung in der Mundhöhle. Der Franzose intoniert also mit spitzem Schnäuzchen, der Brite mit breitem Rachen. Nagano übrigens, darauf wurde in dieser kanadischen Produktion Wert gelegt, spricht Englisch und Französisch (und ein bisschen Deutsch). Parität muss sein im Schmelztiegel zwischen Altem Europa und Neuer Welt.

Filme über klassische Musiker und Musik gelten in der Regel als heikel, nur wenige Beispiele muffeln nicht nach eingeschlafenen Bildungsbürgerfüßen und/oder nach Heiligenanbetung. Bettina Ehrhardt, die sich u.a. mit Dokumentationen über Bobby McFerrin und Helmut Lachenmann hervorgetan hat, schickt sich nun an, das Genre zu retten: Indem „Kent Nagano – Montreal Symphony“ ohne Erzähler auskommt, was den Zuschauer zunächst etwas anstrengt, alsbald aber selbst in die Rolle des Regisseurs und Souveräns versetzt. Und indem sie einen Umgang mit Musik pflegt (Messiaen, Bruckner, Debussy), der niemals aufdringlich wirkt oder verquast, sondern immer sinnlich, immer musikalisch – was vor allem auch für die ausgezeichnete Cutterin Carolle Alain gilt.

Als Ehrhardt ihren Film drehte, ächzte es bereits im Gebälk der Bayerischen Staatsoper, deren Generalmusikdirektor Nagano neben Montreal seit 2006 ist. Unterdessen weiß man, dass er das Haus verlassen wird. Musikalisch mögen die Münchner mit ihm nicht immer glücklich gewesen sein; einen Dirigenten zu finden, der bei allen Skrupulositäten so wenig Berührungsscheu gegenüber dem echten Leben an den Tag legt, der mit seiner Musik immer die Menschen meint, das dürfte ihnen so schnell nicht wieder gelingen. In Montreal hat Nagano eine Komposition für Radiosprecher und Orchester in Auftrag gegeben, inspiriert von Kult- Moderator René Hornier-Roy. Dessen Sendung heißt „C’est bien meilleur le matin“ – „Am Morgen ist alles besser“.

In Berlin im Babylon-Mitte

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