Film : Wende light

Grenzwertig: Peter Timms Märchen "Liebe Mauer"

Christina Tilmann

Haben sie nicht mit den Feierlichkeiten zu zwanzig Jahre Mauerfall gerechnet? Die Macher, die „Liebe Mauer“ mit dem Mauerfall enden lassen und die dann doch nicht ganz die Chuzpe hatten und den Film lieber zehn Tage nach dem Jubiläum starten. Sie hätten voraussehen können, dass im Rahmen des Jubiläums alle möglichen Erinnerungen hochgespült werden würden. Auch die an eine Filmpremiere im Ostberliner Kino International, wo die Mauer noch zu war, als sich die Gäste zu Heiner Carows „Coming Out“ begaben, und als sie das Kino verließen, waren die Grenzübergänge offen. In „Liebe Mauer“ hingegen tollen die beiden Verliebten Franzi (West) und Sascha (Ost) vor Mauerfall, irgendwann im Oktober, vor dem International herum. Das aktuelle Filmprogramm heißt da schon: „Coming Out“.

Kleinigkeiten? Vielleicht. Es muss nicht alles stimmen, wenn ein Regisseur es unternimmt, einer jüngeren Generation als Kinomärchen die Spätphase der DDR nahebringen zu wollen. Schließlich hatte auch „Goodbye, Lenin!“ oder „Sonnenallee“ locker mit historischen Fakten gespielt. Andererseits: Irgendwas muss schon stimmen. Zumindest so etwas wie das große Bild, damit nachfolgende Generationen nicht etwa die Vorstellung bekommen, die DDR wäre ein spießbürgerlicher Idiotenpark gewesen, wo imbezile Staatsorgane sich von Erstsemestern an der Nase herumführen ließen.

So etwa läuft es in „Liebe Mauer“, wo Franzi (Felicitas Woll) von ihrer Wohnung direkt an der Mauer mal eben zum Einkaufen im Ostsupermarkt die Grenze passiert und sich dabei in den feschen Grenzsoldaten Sascha (Maxim Mehmet) verliebt. Fortan kommuniziert man per Zettel am Fenster, die Grenzsoldatenkollegen sehen geflissentlich weg. Die Vorgesetzten haben auch nichts gegen die Liebelei, weil sie Sascha erpressen wollen und sich dabei so dämlich anstellen, dass sie nur noch vom CIA getoppt werden. Und kaum hat die Westlerin im Osten einen IMVertrag unterschrieben, geht die Mauer auf, die Stasi-Leute bleiben im Stau stecken, und alles wird gut.

Das ist, mit Verlaub, doch etwas simpel gestrickt. Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ war gerühmt worden gerade für die akribische Rekonstruktion von Atmosphäre und Methoden der Stasi-Überwachung. So manisch muss nicht jeder vorgehen, auch Peter Timm nicht, der doch immerhin eine Ost-West-Lebensgeschichte hat und wunderbare Ost-West-Komödien gedreht hat. Aber einen Überwachungsstaat zum Kasperletheater verniedlichen, das ist doch etwas viel fernsehgerechte Weichspülung. Auch und gerade für die nächsten Generationen. Christina Tilmann

In 14 Berliner Kinos

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