Film : Wir Junkies von der Kurfürstenstraße

Behutsam, schmerzhaft, fair: Sebastian Heidingers Doku "Drifter" über Süchtige auf dem Straßenstrich.

Julian Hanich

„Gefällt Ihnen das Leben so?“, fragt die Ärztin. „Nee“, sagt Aileen. Was für eine knappe Antwort für einen Kaputt-Befund: Aileen ist heroinsüchtig. Sie geht auf der Kurfürstenstraße anschaffen. Sie ist 16. Ihr Gesicht ist bleich, der Körper mager und krank. Ihre Augen blicken meist stumpf in die Welt. Aileen, Angel (23) und Daniel (25) sind die Hauptfiguren in Sebastian Heidingers Dokumentarfilm „Drifter“, der fast 30 Jahre nach „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erneut die Welt der Berliner Drogenabhängigen, Strichjungen und Prostituierten porträtiert.

Der englische Ausdruck „Drifter“ bezeichnet eine ziellos herumziehende, entwurzelte Person. Aileen, Angel und Daniel sind Treibholz im Strudel der Stadt; von der Strömung werden sie mal hierhin, mal dorthin getrieben. Mit kleinen Tricks schlagen sie sich durchs herbstlich-kalte Berlin und nehmen den öffentlichen Raum immer wieder für kurze Zeit in Beschlag: zum Waschen, zum Ausruhen, für einen Schuss in der Bahnhofstoilette. Der Film beobachtet genau, ohne Scheu vor der Ekel-Grenze. Einmal zeigt die Kamera quälend lange, wie eine Arzthelferin Aileen Blut abnehmen will – und dabei die Nadel immer wieder erfolglos in Venen stößt, die vom Heroinkonsum vernarbt sind.

Dabei meidet der Regisseur in seinem bemerkenswerten Berlinale-Film von 2008, der nun endlich ins Kino kommt, jedwede Sensationsgier. Und umgeht die Charles-Dickens-Falle des freundlichsentimentalen Blicks auf großstädtische Verwahrlosung. Darüber hinaus gelingt es Heidinger in seinem Abschlussfilm an der Berliner DFFB, jegliches Naserümpfen vor der klein- und kleinstbürgerlichen Welt zu vermeiden, in die er seine Zuschauer hineinzieht. Seine Empathie, die weder Tränen hervorlocken will noch wohlige Schauder den Rücken hinunterjagt, rührt allein aus der Anerkennung, die er den drei Figuren dadurch zukommen lässt, dass er sie ernst nimmt.

Diese Achtung zeigt sich auch und gerade in der Form des Films, die sich selbst zum Verschwinden bringen möchte und alle Aufmerksamkeit dem Inhalt widmet. Dabei macht er es dem Zuschauer nicht leicht. Was Aileen, Angel und Daniel sagen, läuft oft ins Leere – gelegentlich sind ihre Sätze auch schlicht deshalb unverständlich, weil der Großstadtlärm sich zu viel Platz auf der Tonspur verschafft. Manche Szenen werden erst später begreiflich, nachdem wichtige Informationen nachgereicht wurden. Abgesehen von den Namen fehlen erklärende Einblendungen. Kein Off-Kommentar, keine Interviews. Auch abseits davon öffnet sich den Protagonisten keinerlei Raum, in dem sie sich etwa als Darsteller ihrer selbst inszenieren könnten – ein Vorwurf, den man jüngeren Großstadt-Dokus wie „Prinzessinnenbad“ und „Draußen bleiben“ durchaus machen muss.

„Drifter“ ist die ästhetische Antithese zum verspielten Exzess des Subgenres Drogenfilm. Wo Filme wie „Trainspotting“, „Requiem for a Dream“ oder „Spun“ ihr Thema vor allem für formale Spielereien nutzen, setzt Heidinger nüchtern auf Sparsamkeit der Mittel und eine beinahe rohe Räudigkeit des Looks. Das sieht nicht gut aus, ist aber die einzig angemessene Haltung dem Gegenstand und den Figuren gegenüber.

Verharmlost Heidingers interessierte Distanz so vielleicht ebenso unzulässig gerade das, was andere formal dramatisierend verfehlen? Im Gegenteil. Aileen, Angel und Daniel erkennen ihr Leben ja selbst als reparaturbedürftig. Einmal bleibt Aileen vorm Spiegel stehen und erschrickt: „Ick seh ja so verranzt und eklig aus – ick würd mich selber ooch nich mitnehmen, janz ehrlich. Und wenn, dann nur für’n Zehner.“

fsk am Oranienplatz

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