Filmbiographie mit Audrey Tautou : Wie Coco zu Chanel wurde

Aufsteigermärchen: Wie aus der kleinen Näherin Coco die Unternehmerin Chanel wurde - jetzt verfilmt mit Audrey Tautou in der Hauptrolle.

Christina Tilmann
Themendienst Kino: Coco Chanel
Tautou ist Chanel.Foto: Warner Bros.

Für Stephen Frears’ opulenten Kostümfilm „Chéri“, der demnächst im Kino anläuft, hätte dieses Mädchen nur ein verächtliches Schnauben übrig gehabt. Die erlesenen Seiden- und Taft-Traumkollektionen, in denen Michelle Pfeiffer in der Colette-Verfilmung elegisch dem Ende ihrer Jugend und der Liebe hinterhertrauert, für Coco Chanel wären das nur „Sahnetorten“. Im einfachen karierten Kleid steht sie am Strand des eleganten Seebads, um sie herum Rausch und Rüschen, Wagenräder von Hüten und Spitzen-Sonnenschirme, und die junge Frau schaut sich verächtlich um und lästert: „Ja, bin ich beim Konditor hier?“ Das Abendkleid, das sie sich stattdessen schneidern lässt, ganz gegen den Willen des altmodischen Schneiders, ist atemberaubend: eng, tief dekolletiert und von berückender Simplizität. Es macht Furore beim abendlichen Kurball.

Ein Zufall, dass fast gleichzeitig zwei Filme ins Kino kommen, in denen es zentral um Mode geht und um das, was sie macht, mit der Frau, die sie trägt. Die Entdeckung eines Stils – darum geht es in Anne Fontaines Kostümfilm „Coco Chanel“, der im Französischen „Coco avant Chanel“ heißt und zeigen will, wie Mademoiselle Chanel zu dem wurde, was sie war. Und so sitzt Coco in der letzten Einstellung des Films auf der Showtreppe, im berühmten zweiteiligen Schwarz-Weiß-Kostüm, und sieht sie an sich vorüberrauschen, all die Kollektionen, die sie erfand und für die sie bis heute Legende ist. Der Höhepunkt des Ruhms – und auf der Treppe sitzt eine traurige, einsame Frau.

Eine Außenseiterin, na klar. Eine Einsame, Eigensinnige. Und ein Aschenputtel, dem der Platz ganz oben auf der Showtreppe keineswegs in die Wiege gelegt wurde. Noch nicht einmal Mode war von Anfang an ihr Ziel: Schauspielerin, Sängerin, Hauptsache reich werden, was man halt so träumt, wenn man unter Nonnen im Waisenhaus aufwächst, streng in SchwarzWeiß gekleidet, das Haar in Zöpfen – das „Waisenkindkostüm“ wird später einer von Cocos ersten Erfolgen auf einem Kostümball werden. Doch Nähen, Schneidern, das ist zunächst nur der ungeliebte Brotjob, als Aushilfe in einer Provinznähstube. Die sorgfältige Nadelarbeit allerdings – sie fällt schon hier auf.

Ein Märchenstoff – von der Provinz nach Paris, vom armen Hausiererkind über die Tingeltangelsängerin und Maitresse zur selbstständigen Unternehmerin. Ganz frei von Sentimentalität ist auch Anne Fontaine nicht in ihrem elegant zurückhaltenden, in edlen Grauönen gehaltenen Porträtfilm. Natürlich kommt das berüchtigt lose Mundwerk vor, die scharfe Zunge, die Coco Chanel zum Schrecken ihrer Umgebung macht. Freizügige Bonmots wie „Das einzig Interessante an der Liebe ist Sex. Zu dumm, dass man Männer dafür braucht“ werden von Drehbuch genüsslich zitiert, an dem Christopher Hampton mitwirkte: Da ist etwas von „Gefährliche Liebschaften“ in den Wortduellen – auch für „Chéri“ hat Hampton das Drehbuch geschrieben.

Doch ein Biest ist diese Coco, die ihre Mitarbeiter bekanntermaßen schlecht behandelt und bezahlt hat, beim besten Willen nicht. Was vor allem an Audrey Tautou liegt. Sie hat zwar nicht mehr die Süße, die Kindlichkeit von Amélie, aber dafür einen durchdringenden, stolzen Blick, ein Gesicht voller Willenskraft, eine unbändige Energie und eine androgyne Gestalt, die wie geschaffen ist für Chanels Kreationen. Nicht nur, dass sie der historischen Coco verblüffend ähnlich sieht und immer ähnlicher, je mehr diese ihren Stil findet – der Film ist eine einzige Liebeserklärung an seinen Star.

Vielleicht ist das auch ein bisschen das Problem – zu große Sympathie für die Hauptfigur. Was dazu führt, dass die Nebenfiguren komplexer und interessanter erscheinen. Etienne Balsan (Benoit Poelvoorde) zum Beispiel, der Lebemann, der eine Kurzaffäre mit Coco anfängt und sie dann nicht mehr loswird. Sie quartiert sich auf seinem Schloss ein, trägt seine Pyjamas, benutzt seine Hemden, um sich Kleider zu schneidern, verlässt ihn, als ihr die Chance einer Karriere in Paris geboten wird, kommt und geht, ein Arrangement, zunächst durchaus freundschaftlich von beiden Seiten, und erst am Ende begreift der Mann, dass das jetzt gerade seine große Liebe war, und sie ist weg.

Oder Cocos Schwester Adrienne (Marie Gillain), die auf die große Liebe hofft und lebenslange Abhängigkeit in Kauf nimmt, ein abschreckendes Beispiel für Coco. Emmanuelle Devos schließlich gibt die Starschauspielerin Emilienne, die längst da angekommen ist, wo Coco hin will: Unabhängig, eigenständig, wenn auch nur im Schmuddelmilieu des Pariser Boulevard-Theaters – die ältere, selbstbewusste, kluge Emilienne ist die Chéri-Figur in diesem Film. Und Coco gibt ihr ein neues Outfit.

So lebt der Film am Ende doch vor allem von den Szenen, in denen Coco ihren Stil erfindet. Wenn sie mit ihren einfachen Strohhüten die Wagenräder der Gesellschaftsdamen als hoffnungslos aus der Mode erklärt. Sich aus Herrenhemden Kostüme schneidert, im Herrensitz reiten lernt, am Strand die Ringelpullis der Matrosen und an ihrem englischen Geliebten das Material Jersey entdeckt. Diese Frau, die, immer eine Zigarette im Mund, selbstbewusst Smoking trägt und in der bunten, aufgerüschten Festgesellschaft immer wirkt wie ein fremder, etwas einsamer Vogel – sie ist die einzig Moderne in diesem Kostümtheater. Cocos frühe Entwürfe trüge man noch heute, aber auch heute nur mit großem Selbstbewusstsein. Voraussetzung ist der Mut zum Anderssein.

„Eine Frau, die ihre Haare abschneidet, ist eine Frau, die bald ihr Leben ändern wird“, gibt ihr Etienne Balsan bei der Trennung mit auf den Weg. Wenn sich Coco am Ende auch gegenüber ihrer großen Liebe Boy Chapel (Alessandro Nivola) auf ihre Unabhängigkeit beruft, wenn sie nicht ausgehalten werden will und selbst ihr Geld verdienen, dann ist der Preis für diese Freiheit freilich hoch. Boy Chapel stirbt bei einem Autounfall. Und Coco Chanel wird zwar viele Geliebte haben in ihrem Leben, aber heiraten, das wird sie nicht. „Stolze Menschen nähren die Trauer selbst“, hat Chapel ihr einmal gesagt. Das Trauer-Schwarz wird nach seinem Tod Cocos Markenzeichen. Und die kleine Trauer, das kleine Schwarze, ist bis heute Chanels größter Triumph – über die Zeit, über den Tod.

Ab Donnerstag in zehn Berliner Kinos, OmU im Cinema Paris, Cinestar Sony-Center und den Hackeschen Höfen

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