Kino : FILMBUCH

Roman Urbaner

Wenn es stimmt, dass sich die Zivilisationskurve an der Schamschwelle ablesen lässt, die wir um unsere körperlichen Ausscheidungen errichtet haben, dann führt sie – zumindest im Kino – steil bergab. Hätte schon das Zeigen der Örtlichkeiten frühere Generationen empört Reißaus nehmen lassen, herrscht im Film neuerdings an Toiletten und Pissoirs kein Mangel mehr. Der Bochumer Filmwissenschaftler Philipp A. Tschirbs hat auf der Suche nach dem „Klo im Kino“ hunderte Belege für seine – durchaus ernst gemeinte – Publikation zutage gefördert. Sollten da ganze Filmwissenschaftlergenerationen sträflich achtlos am Abort vorbei geforscht haben?

Nicht selten gelingt es Tschirbs, die narrative Schlüsselfunktion solcher Szenen freizulegen: „Es geht niemals nur um den bloßen Akt der körperlichen Materialität von Urin und Kot, die Ausscheidungssequenzen dienen vielmehr der Steigerung einer außerhalb ihrer selbst liegenden Bedeutsamkeit. Der semiotische Status dominiert den performativen.“ Wird etwa eine Figur durch die Bildsetzung – und sei es wie in „Vertigo“ auch nur mittels der Rahmung durch die Toilettentür – in die Sphäre des Exkrements gerückt, wird sie den Ruch des Anrüchigen nicht mehr los. Als Tabu-Ort fungiert das Klo im Kino zudem als Schauplatz von Gewalt, Sex und Verbrechen: als sanitärer Hinterhof der Gesellschaft.

Das schönste Beispiel für die abgründige Semantik des Klosetts ist der Duschmord aus „Psycho“. Die moralische Motivation für die Bluttat generiert erst die ihr vorangestellte Kloszene, in der das spätere Opfer versucht, sich der Quittungen des unterschlagenen Geldes durch die Spülung zu entledigen. Tatsächlich wird das Verbrechen erst dank der Papierschnipsel in der Schüssel aufgedeckt. Drum, Hitchcock-Fans, vergesst die Duschszene! Roman Urbaner

Philipp Alexander Tschirbs: Das Klo im Kino ( Filmwissenschaft, Band 3), LIT-Verlag Berlin, 292 S., 24,90 €.

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