Filmemacher Jan Henrik Stahlberg : "Einfach totschweigen"

Filmemacher Jan Henrik Stahlberg ("Muxmäuschenstill") präsentierte 2006 seinen Film "Bye Bye Berlusconi" auf der Berlinale. Zusammen mit Drehbuchautorin Lucia Chiarla entwickelte er die "Anti-Berlusconi-Produktion", die auch aufgrund des Hauptdarstellers Maurizio Antonini von sich reden machte. Der Film wurde von einem italienischen Verleih gekauft, aber nie in Italien im Kino gespielt. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.

Diana Maier

Silvio Berlusconi könnte wieder einmal Ministerpräsident Italiens werden. Wundert Sie das?



Wir sind ja keine Berlusconi-Unterstützer und so finde ich es einen Treppenwitz der Geschichte, dass er erneut bei einer Wahl für das Ministerpräsidenten-Amt kandidiert. Andererseits zeigt es auch, in welch instabilen Verhältnissen sich Italien befindet.

Auch Prodi hat nie mit einer breiten Mehrheit regieren können. Mit seiner Medienmacht hat Berlusconi seine Politik nach wie vor vertreten, dass er jetzt wahrscheinlich wieder an die Spitze des Landes gewählt wird, zeigt doch nur, wie gut er medienpolitisch aufgestellt ist.

Was war Ihre Motivation den Film zu machen?

Ich denke, dass so ein Phänomen wie Berlusconi durchaus auch in anderen europäischen Staaten möglich wäre. Aber wenn sich Medienmacht mit politischer Macht derart paart wie in seinem Fall, dann ist das schon demokratieschädlich.

Warum lässt sich Italien das bieten?

Ich glaube gar nicht, dass der Italiener doofer ist als der Deutsche. Ich glaube nur, dass der Italiener stärker der Manipulation anheim fällt. Das wäre aber a priori auch in Deutschland möglich.

In ihrem Film "Bye Bye Berlusconi" widmen Sie sich einem der mächtigsten Männer Italiens. Das riecht nach Komplikationen.

Wir haben "Bye Bye Berlusconi" gemacht, um gegen diesen Medienmogul zu opponieren. Der Film wurde auf der Berlinale gezeigt. Dann kam ein Verleih aus Rom auf uns zu und hat den Film für rund 60.000 Euro gekauft. Der Verleih hatte damit die Rechte für ein Jahr erworben. Der Film wurde aber nie in Italien gezeigt - er steckte quasi ein Jahr im Giftschrank - ohne eine müde Mark einzuspielen. Das war bitter und frustrierend.

Warum sollte ein Verleih das tun?

Unsere Vermutung ist, dass letztlich doch, obwohl wir versucht hatten, so etwas zu vermeiden, Strohmänner den Film wegekauft haben und er in Italien deshalb nie ins Kino kam. Welchen Grund kann es sonst gegeben, wenn ein Verleih den Film ein ganzes Jahr wegsperrt anstatt ihn zu spielen?

Nur ist es klar, dass es keinen anderen Grund geben kann, wenn ein politischer Film vor den Wahlen in Italien, der sich gegen den mächtigsten Medienmenschen richtet nicht gezeigt wird. Wenn ich Berlusconi wäre hätte ich das - in Anführungszeichen gesprochen - auch so gemacht: Einfach totschweigen.

Gab es auch während der Dreharbeiten Probleme?

Wir haben den Film mit anwaltlicher Hilfe geschnitten, damit wir kein Schmerzensgeld an Herrn Berlusconi zahlen müssen, das kann ja verheerend werden für Filmemacher. Wir wurden schon gewarnt - da könnten Schlägertrupps kommen und so weiter - aber das filigrane Vorgehen, einen Film einfach wegzukaufen, dass fand ich eine groteske Wendung.

Und jetzt steht Italien wieder vor einer Wahl, bei der Berlusconi kandidiert.

Und wir bringen den Film einfach im Internet raus und jeder, der ihn sehen will, kann sich den Film runterladen - auch in Italien! Dabei geht es uns nicht um den finanziellen Reiz, der Download kostet um die fünf Euro, sondern darum, dass der Film sein Leben gehabt hat.

In Ihrer Satire kommt Berlusconi nicht gut weg. Wie hat das Publikum reagiert?

Alle Vorwürfe, die wir Berlusconi in unserem Film machen, sind ja nicht fiktional. Die sind real. Aber es ist de facto kein Film für ein rein deutsches Publikum. Das italienische Publikum konnte sehr gut einschätzen worum es geht und den Film damit leichter rezipieren. Die Italiener waren gerührt und verstört. Von den Deutschen kam mehr ein Kopfschütteln.

Für den deutschen Markt hätte man vielleicht dokumentarischer drehen müssen. Außerdem unterstellte uns die deutsche Filmkritik eine zu geringe Relevanz. Doch wenn die Gegner eines Films diesen wegkaufen, haben wir den Beweis über die Bedeutung des Films auf eine traurige Weise längst erbracht.

Hatten Sie jemals eine persönliche Begegnung mit Berlusconi?

Persönlich habe ich ihn nie getroffen, aber Berlusconi war jeden Abend im italienischen Fernsehen zu sehen. Das hat für das Machen des Filmes gereicht.

Was glauben Sie, wer wird die Wahl um das Amt des Ministerpräsidenten gewinnen?

Veltroni hat in meinen Augen keine Chance. Den Linken wird sicher wieder vorgeworfen, sie könnten keine Regierung halten und deshalb wird Berlusconi wieder Ministerpräsident werden.

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