Filmfest „Première Brasil“ : Testosteron total

Bunt: das Berliner Filmfest „Première Brasil“ versammelt im Haus der Kulturen der Welt die Höhepunkte des Internationalen Filmfestivals von Rio de Janeiro.

Jakob Wais

100 Real kosten die neuen Hüftjeans, 100 Real zahlen Männer für Sex zu dritt: Ziemlich locker sehen die minderjährigen Prostituierten Jessica, Daiane und Sabrina ihr Leben am Rande von Rio de Janeiro. Sandra Wernecks Spielfilm „Sonhos roubados“ (Gestohlene Träume) inszeniert das Selbstbewusstsein und die Träume seiner Heldinnen mit betörender, schockierender Leichtigkeit – schließlich ist ihr Alltag stets von Aids und Alkoholsucht bedroht. Und doch: „Sonhos roubados“ erzählt schwungvoll und musikalisch von drei Mädchen und ihrem ganz normalen knallbunten Poptraum vom Glück.

Ganz anders Esmir Filhos „Os famosos e os duendes da morte“ (Die Berühmten und die Toten): Der Film trägt die Last der Welt auf den Schultern. Held ist ein 16-jähriger Außenseiter und Bob Dylan-Fan, genannt Mr. Tambourine Man. Fußball findet er doof, seine Mutter versteht ihn nicht und ihre spießige Mittelklasseexistenz engt ihn ein. Nachts träumt er davon, sein vernebeltes Heimatdorf zu verlassen. Der Weg führt über eine Brücke. Manche nehmen den Bus, andere springen.

Die beiden Filme gehören zur Reihe „Première Brasil“, in der das Haus der Kulturen der Welt Höhepunkte des Internationalen Filmfestivals von Rio de Janeiro versammelt. Festivalleiterin Ilda Santiago wählte 17 Spiel- und Kurzfilme sowie Dokumentationen aus den letzten beiden Jahrgängen aus. Einen Schwerpunkt legte sie dabei auf Architektur mit Filmen über Oscar Niemeyer und Lúcio Costa. Sowohl hier wie in den Spielfilmen ist das Ergebnis ästhetisch und thematisch vielfältig und anregend.

Mag sein, dass Esmir Filhos Regie-Debüt mitunter etwas heftig sein Thema der Teenager-Depression zelebriert. Minutenlang dreht sich der unglückliche Held auf einem Karussell, die Kamera beobachtet ihn aus der Vogelperspektive und dreht sich dabei auch noch um sich selbst. Mag sein, dass Sandra Wernecks drastischer Feier der Jugend, die der Lebensfreude ihrer Figuren ausschließlich zu schmeicheln scheint, einige schmerzhaftere Zwischentöne nicht geschadet hätten.

Aber die Filme, entstanden im Gefolge von Fernando Meirelles’ „City of God“, der das brasilianische Kino 2002 ins Weltbewusstsein katapultierte. Sie sprühen vor Kreativität und Vitalität – auch wenn manch junger Regisseur sich ausgiebig im Genre des Straßengang-Epos bedient. Jeferson De etwa liefert mit „Bróder!“ eine in dieser Hinsicht besonders ambitionierte Geschichte um drei Jugendfreunde, die sich auf einer Party in der Favela wiederbegegnen – einer von ihnen ist in Spanien zum Fußballstar aufgestiegen. Bald driftet das Geschehen in ein Drogendealer-Drama mit reichlich Testosteron ab.

Haus der Kulturen der Welt, bis 19. 12., Programm unter www.hkw.de

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