Filmfestival Cannes : Das Leben spielt nach eigenen Regeln

Zur Halbzeit gibt man sich in Cannes mafiös - mit Filmen von Clint Eastwood, Walter Salles und den Dardenne-Brüdern.

Jan Schulz-Ojala

CannesHallo, ist denn alles Mafia im schönen Cannes? Nicht nur die heimische Hotellerie und Gastronomie, die zur Hebung des Jahresbetriebsergebnisses die Preise verdreifacht hat, wovor diesmal besonders die angereisten, dollarkursgepeinigten Amerikaner in die Knie gehen; sondern ist die ganze Welt nur noch gemein?

Auch die Filme dieses Cannes-Jahrgangs gucken vor allem aufs Schlimme, mit wechselnden künstlerischen Ergebnissen. Flammendste Anklagen führen selten zu Meisterwerken, selbst wenn der Zuschauer die Guten und die Bösen feinsäuberlich sortiert vorfindet, bleibt ihm am Ende nicht viel zu beißen. Aufregend wird eine Story immer dann, wenn die Figuren sich in ihren oft eisernen Strukturen gegen den Strom zu bewegen beginnen – im kriminellen System der Camorra, der Polizei, der Favelas oder auch der Schlepperbanden in Europa.

„Gomorra“ hat Matteo Garrone seinen Film nach dem gleichnamigen Sachbuch-Bestseller von Roberto Saviano genannt, aber im Feuer, die Verhältnisse in der Gegend von Neapel zu geißeln, ist ihm das ehrgeizige Werk gänzlich missraten. In einem Halbdutzend wacklig verschränkter Spielhandlungen türmt er, von der Initiation der Jugendlichen in das Gewaltsystem über den Drogenhandel bis zur Innenansicht der lokalen Paten-Familien, alle Klischees des Mafiafilms aufeinander. Schlimmer noch, schließlich zeigt er sich selber wie berauscht von der Gewalt, die er anklagen wollte. Und erinnert unfreiwillig an die Halbwüchsigen in seinem Film, die nach einem Waffenfund minutenlang lustvoll mit Maschinenpistolen rumballern.

Die Mafia in Clint Eastwoods „Exchange“ heißt Los Angeles Police Department und regiert im Amerika der Prohibitionszeit. Das Organisierte ihrer Kriminalität äußert sich darin, dass sie gegen alle investigative Vernunft an einer Lüge festhält und ihrerseits ihre mutigen Gegner – und Opfer – kriminalisiert. Eine alleinerziehende Mutter (Angelina Jolie) muss nicht nur fünf Monate lang das Verschwinden ihres neunjährigen Sohnes verkraften, sondern soll nach dem Willen der Polizei ein ersatzweise zugeführtes fremdes Kind als ihr eigenes annehmen. Sie wehrt sich, nicht zuletzt mit Hilfe eines Reverend (John Malkovich), der einen eigenen Antikorruptionsfeldzug gegen die Polizei führt, und obsiegt schließlich dank ihrer Unbeugsamkeit.

Die Guten sind die Guten in Eastwoods Film, die Bösen die Bösen, und alle bleiben es auch. Dass das Gute über das Böse triumphiert, gehört zum Kern amerikanischen Selbstverständnisses und wird auch bei den Oscars immer wieder gern genommen. Cannes aber tickt im Ergebnis meist anders. „Exchange“ ist ein elegant ausgepinseltes period piece, von den Telegrafenämtern jener Zeit bis in die Innere der Frauenirrenanstalten, auch ein Serienmörder findet seine gerechte Strafe (durch den Strang). So funktioniert der neue Eastwood noch am besten als Tränenzieher, mit der schönsten Psychiatrieinsassin der Filmgeschichte seit „Durchgeknallt – Girl, Interrupted“.

Wie viel subtiler ist da Walter Salles mit seiner Favela-Parabel „Linha de Passe“ aus São Paulo, wie viel feiner und erschütternder auch als Fernando Meirelles Sittenbild „City of God“ vor sechs Jahren! Der Film begleitet ein paar Monate im Leben einer hochschwangeren Putzfrau und ihrer Söhne, die sie allesamt von verschiedenen verschwundenen Vätern hat. Prekär rutschen die Verhältnisse unendlich langsam dem Abgrund entgegen: Ein Sohn, der sich verzweifelt einer christlichen Gemeinschaft angeschlossen hat, verliert den Glauben, ein anderer steigert sich von Kleinüberfall zu Kleinüberfall, der jüngste, ein Kind noch, entgleitet der Mutter und bleibt nächtelang weg.

Wie diese Frau alles zu halten versucht und doch weniger und weniger zu halten ist, während sich die Geburt eines neuen Kindes ankündigt, Ironie des Schicksals oder der Natur: Das ist immer exakt beobachtet und nie von fett aufgetragener Tragik. Dabei steckt das Prinzip Verbrechen auch hier schon in allen familiären und geschäftlichen Beziehungen, nur gibt es immer wieder – wenngleich nicht besonders heldischen - Widerstand. Der Film mündet in ein frösteln machendes, sehr offenes „Voran!“: antwortlos ja, aber nicht vollends hoffnungslos.

Dass die belgischen, bereits zweimal mit Goldenen Palmen bekränzten Brüder Dardenne mit „Le silence de Lorna“ auch eine Art Mafiafilm gedreht haben, überrascht nur bedingt – schließlich wurde zuletzt in „L’enfant“ (2005) ein Säugling im Netz des organisierten Kinderhandels verkauft. Aber die jungen Dardenne-Protagonisten, denen das Leben schon früh aus den Fugen gerät, sind noch in Bewegung, also für Wendungen womöglich zum Besseren anfällig. Die Albanerin Lorna (eine Entdeckung: Arta Dobroshi) hat gegen Geld einen Junkie (Jérémie Régnier) geheiratet, um Belgierin zu werden; nun muss sie schnell Witwe werden, um gegen noch mehr Geld einen Russen zu heiraten, der selber an belgische Papiere will. Und natürlich gibt es zur rückstandsfreien Entsorgung solch komplizierter Verhältnisse straffe Organisationen, die wenig Spaß verstehen.

Und dann kommt alles, endlich, ganz anders. Als der gefügigen Lorna, die von einer Zukunft mit ihrem albanischen Freund in Belgien träumt, etwas fundamental Unerwartetes widerfährt, beginnt der Film gewissermaßen zu fliegen, und der Zuschauer, gewisse Flugapparaturen vorausgesetzt, mit ihm. „Le silence de Lorna“ mag nicht der stärkste der in ihrer sozialen Präzision und individuellen Zeichnung stets starken DardenneFilme sein, den bislang enttäuschenden Wettbewerb in Cannes überragt er allemal: mit einer umwerfend einfachen Geschichte, in der das Leben seinen eigenen Regeln dazwischenkommt.

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