Filmfestival Cannes : Glück und Grausamkeit: Mike Leigh trifft auf Woody Allen

jan@cannes, das Festivaltagebuch: Mike Leigh und Woody Allen erzählen in ihren Filmen von Einsamkeit, Glückssehnsucht und Älterwerden. Die Ergebnisse könnten unterschiedlicher nicht sein.

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Jan Schulz-Ojala, Filmkritiker des Tagesspiegels, berichtet in seinem Festival-Tagebuch aus Cannes.
Jan Schulz-Ojala, Filmkritiker des Tagesspiegels, berichtet in seinem Festival-Tagebuch aus Cannes.Foto: Mike Wolff

Auf den ersten Blick könnte das Zusammentreffen gar nicht glücklicher sein. Zwei Altgroßmeister des angelsächsischen Autorenkinos zeigen in Cannes ihre neuen Filme unmittelbar hintereinander. Beide erzählen mit einem Ensemble großartiger Schauspieler von Familie, Ehe, Paarbeziehungssehnsüchten, vom Älterwerden, von Versuchen, quer durch die Generationen der Einsamkeit zu entrinnen: kurzum, von der großen Todesangst vor dem Leben.

Auf den zweiten Blick aber könnte das Zusammentreffen gar nicht grausamer sein. Denn Mike Leigh schildert in „Another Year“ so genial anstrengungslos den Alltag einer Reihe alltäglicher Leute, dass sein Film sich nach eher zurückhaltendem Festivalstart als erster starker Anwärter auf die Goldene Palme entpuppt. Auch Woody Allen bietet in seinem außer Konkurrenz gezeigten „You Will Meet a Tall Dark Stranger“ wie gewohnt eine anstrengungslos hingeworfene Geschichte. Nur: Wo Leigh alle seine Figuren mit gleichermaßen herzenswarmem Blick erfasst, regiert bei Allen hinter dem mäßig heiteren Geschehen seiner Komödie eine neue, nahezu unfassbare Kälte. Ja, wo der eine das selbsterfundene Personal, und agiert es mitunter noch so nervtötend, unterschiedslos liebt, benutzt der andere sein Drehbuch nur, um die Charaktere der Lächerlichkeit anheimzugeben.

Ein Unfall, dieses Zusammentreffen in so schriller Dissonanz. Kommentiert Woody Allen womöglich seinen Kollegen Mike Leigh auf das Zynischste? Natürlich nicht. Aber im Augenblicksvergleich verliert Allen gerade dadurch mehr, als sein Film es verdient.

Mike Leighs „Another Year“ beginnt mit einem Close-up auf Imelda Staunton. Die große Schauspielerin hat, wie sich herausstellt, nichts als diesen riesigen Miniauftritt als verbittert-verschlossene Frau, die bei einem Arzttermin zwar Tabletten gegen ihre Schlaflosigkeit verschrieben bekommt, aber widerstrebend auch einen dringend angeratenen Termin bei der Psychologin Gerri (Ruth Sheen) wahrnimmt. Was für ein Film, der es sich leisten kann, aus solcher Eröffnung keine Story um die Lebenskatastrophe dieser Patientin zu machen! Stattdessen driftet das Geschehen zu Gerris harmonischer Ehe mit dem Ingenieur Tom (Jim Broadbent) hinüber, zu einem Leben, wo man sich abends vom Job erzählt und die Freizeit auch bei Regen im gemeinsamen Schrebergarten verbringt, wenn man nicht gerade ausgiebig Gäste empfängt. Wie bitte, Tom und Gerri, auszusprechen wie Tom & Jerry? Was für ein Film, der irgendwann sogar mit dieser Koinzidenz spielen kann, ohne im Geringsten albern zu sein!

Regisseur Mike Leigh (2. v. r.) zwischen seinen Schauspielern aus "Another Year": Jim Broadbent, Lesley Manville und Ruth Sheen.
Regisseur Mike Leigh (2. v. r.) zwischen seinen Schauspielern aus "Another Year": Jim Broadbent, Lesley Manville und Ruth Sheen.Foto: AFP

Glück ist laut Woody Allen eine Illusion

Und schon steckt der Zuschauer mittendrin. Da ist gerris arbeitskollegin, die labil quirlige Mary (Lesley Manville), die nach einer gescheiterten Ehe und Affäre seit längerem allein lebt und vor Männerhunger und Weißweindurst fast vergeht. Da ist Tom und Gerris Sohn Joe (Oliver Maltman), der mit 30 immer noch keine feste Freundin hat, und dann findet sie sich, sehr zu Marys Missvergnügen, plötzlich doch: quirlig, aber quicklebendig. Da ist der alte Freund Ken (Peter Wight), der sich aus Lebensleere womöglich bald zu Tode frisst, und da ist Toms Bruder Ronnie (David Bradley), der soeben seine Frau verloren hat und als Tom und Gerris Gast – vielleicht, vielleicht – einen Faden ins Leben zurückfindet. Dieser Ronnie, eine Versteinerung von Mann, sagt nicht viel mehr als „ja“ und „nein“, und das sicher zwei Dutzend Mal. Was für ein Film, der eine wichtige Figur erst gegen Ende einführt, und dann sagt sie nichts als „ja“ und „nein“!

Die Leute in „Another Year“ sind um die Sechzig, geschmeidig oder erstarrt, und dann löst die unbeirrbare Geschmeidigkeit noch die grausigste Erstarrung auf. Oder sie sind 30, unendlich jung, und haben so viele Beispiele vor Augen, wie man sich auf das Älterwerden vorbereiten kann, so oder so. Mike Leigh erzählt davon, wie gut es tut, selbst das komplizierteste Lebenslügensystem aufzubrechen, wenn man jemanden hat, der einen auffängt und sich selber darüber nicht verliert. Und wie gute Menschen auch nur deshalb gut bleiben, weil sie täglich tausend Gelegenheiten auslassen, nicht gut zu sein. Der Film beginnt im Frühling in fast entfärbtem Blaugrau, füllt sich mit warmen Farben auf und kehrt winterwärts ins Blaugrau zurück, nur gibt es eigentlich keinen Grund mehr zu frieren. Ein bisschen erinnert „Another Year“ in seiner souveränen Beiläufigkeit an die Art, wie Eric Rohmer unzählige Male von ganz jungen Menschen erzählt hat. Nur dass es hier alte Leute sind, die jeden Tag am Lebenswebstuhl weiterweben.

Woody Allen kann dem Älterwerden nichts abgewinnen.
Woody Allen kann dem Älterwerden nichts abgewinnen.Foto: AFP

Woody Allen hat immerhin zwei glückliche Leute aufzubieten: Helena (Gemma Jones) und Jonathan (Roger Ashton-Griffiths). Aber sie ist eine alte Schachtel, die ihren Mann in die Flucht getrieben und sich selbst in die Hände eine Wahrsagerin begeben hat, und er betreibt eine Buchhandlung für Okkultismus. Glück also, der Zuschauer darf das Ausrufezeichen mitlesen, ist laut Woody Allen eine Illusion. Und damit das restlos deutlich wird, darf Helenas Tochter Sally (Naomi Watts) sich an ihrem talentarmen Schriftstellermann Roy (Josh Brolin) aufreiben, der einer hübschen Nachbarin (Freida Pinto) nachstellt und schließlich deren Hochzeit verdirbt. Und Helenas Ex Alfie (Anthony Hopkins) heiratet eine Prostituierte, die sich, wenn er nicht gerade auf die Wirkung von Viagra wartet, alsbald im Fitnesscenter die Gelegenheit wahrnimmt, in ihren früheren Beruf zurückzukehren.

Noch nie war die Welt des Woody Allen, mittlerweile 74, von so vielen Widerlingen bevölkert. Für sich genommen, hat das eine eigene Art von Größe. Das Publikum aber lachte wohl nicht nur deshalb so wenig über Allens Panoptikum, weil es zuvor bei Mike Leigh viel inniger Gelegenheit hatte, seine Gefühle angesichts der rettungslosen Tragikomik des Lebens zu artikulieren. Richtig lustig wurde allerdings Woody Allens Pressekonferenz. Nach dem Älterwerden gefragt, zählte er alle Nachteile auf. Nichts Gutes passiert mehr, man kriegt die Mädchen nicht mehr rum, Wehwehchen schlagen auf Leib und Seele, alles in allem ein lausiges Geschäft. „Mein Tipp: Lassen Sie's einfach bleiben.“

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