Filmfestival Cannes : Große Meister, kleine Jungs

Der mit Spannung erwartete Film "The Tree of Life" von Terrence Malick enttäuscht fast auf ganzer Linie. Dagegen ist Michel Hazanavicius "The Artist" ein Kandidat für die Goldene Palme.

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Brad Pitt in Terrence Malicks "The Tree of Life". Trotz Starbesetzung gab es bei der Vorführung in Cannes Buh-Rufe! Foto: Cannes Film Festival
Brad Pitt in Terrence Malicks "The Tree of Life". Trotz Starbesetzung gab es bei der Vorführung in Cannes Buh-Rufe!Foto: Cannes Film Festival

Größer hätten die Erwartungen kaum sein können. Terrence Malick, Regisseurs-Legende des amerikanischen Kinos, der nach „Badlands“ (1973) nur vier Filme gedreht hat, zeigt in Cannes sein ganz gewiss epochales Erinnerungswerk, dessen Stoff ihm bereits seit 30 Jahren im Kopf herumspukt: „The Tree of Life“. Schon vorm letztjährigen Festival war dieser fraglos ultimative Wurf ernsthaft als Wettbewerbsbeitrag beraunt worden, aber was bedeutet jemandem wie Terrence Malick schon ein weiteres Jahr im Schneideraum? Und dann das. 

Buhs bei der Pressevorführung am Montag morgen, und erst nach langen Schrecksekunden mischt sich endenwollender Applaus für den – in Cannes abwesenden – Meister hinein. Die ersten kräftigen Buhs schon vor Ende des kaum endenwollenden Films, mitten in eine mit gebetsähnlichem Voice-Over unterlegte Bilderkaskade mit Ansichten aus dem Weltall, aus Naturparks, von händchenhaltenden Menschen am Strand, in der Wüste, Flackerbildern wie aus dem Innern einer Kerzenflamme oder auch einem hintergrundbeleuchteten Uterus, Erde, Himmel, Tod, Leben, Anfang, Ende, alles eins. 

Genauso auch hatte „The Tree of Life“ angefangen: nahezu eine Dreiviertelstunde von ohrenbetäubendem Bombasto-Orchester-Score unterlegte Planeten-Panoramen in IMAX-Überwältigungsästhetik, die wahrscheinlich in 3-D angemessener zur Geltung gekommen wären. Einziges Gedankengeländer im Stakkato der Schnitte: ein Off-Kommentar, der eingangs die Begriffe „Natur“ und „Gnade“ intoniert. Im Verlauf dessen, was Geschehen zu benennen die Feder sich sträubt, lässt sich vorsichtig vermuten, dass damit ein männliches und ein weibliches Prinzip gemeint sein könnten. 

Wenn der Titel Programm ist: "Der Junge mit dem Fahrrad" von den belgischen Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne. Foto: Cannes Film Festival
Wenn der Titel Programm ist: "Der Junge mit dem Fahrrad" von den belgischen Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne.Foto: Cannes Film Festival

„Where's the beef?“, pflegen spätestens jetzt die Fanatiker narrativer Übersichtlichkeit zu fragen. Nun, zumindest in seinem langen Anfang und Ende ist Malicks fünfter Streich konsequent vegetarisch. In seiner Mitte hingegen werden Umrisse einer Handlung erkennbar. Streng vom Vater (Brad Pitt) und milde, aber nahezu stumm von der Mutter (Jessica Chastain) behütet, wachsen drei Jungs im Texas der Fünfzigerjahre auf. Einer der Jüngeren stirbt, wie der Zuschauer zu erhaschen meint, mit 19. Also erinnert sich der Älteste als gereifter Mann - Sean Penn steht zu diesem Zweck häufig in verglasten Wolkenkratzerfassadenfahrstühlen - an seine Kindheit und beginnende Pubertät, an den wachsenden Hass auf den brutalen Vater, dem er als Heranwachsender immer ähnlicher zu werden droht.  

Obsessiv nachzuträumende Traumata

Diese Passagen – Malick ist selber in Waco, Texas, aufgewachsen – entwickeln mitunter einige Suggestionskraft: als unsortierte Erinnerungsschleifen eines lebenslang Beschädigten, als obsessiv nachzuträumende Traumata, die kein späteres Glück auszuwaschen vermag. Doch da ihm auch dieses Bildermaterial immer wieder zu zerfallen droht, sucht Malick sein Heil in purer Esoterik. Und was als überhöht autobiografische Trauerarbeit angelegt gewesen sein mag, gerät ihm zu alle Sinne und Sinnhaftigkeit zudröhnendem Kunstgewerbe. 

Immerhin: Mit dem Leitmotiv kaputter Jungskindheiten liegt Terrence Malick voll im Festivaltrend. Am überzeugendsten gelingt dies den belgischen Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne, die seit ihrem Palmen-Erfolg mit „Rosetta“ (1999) in Cannes als Experten für souverän erzählte Jugenddramen gelten. In „Le gamin au vélo“ (Der Junge mit dem Fahrrad) ist es der vom jungen Vater ins Heim abgeschobene Cyril (Thomas Doret), der bereits mitten im Überlebenskampf steckt: Erwachsenen glaubt der Elfjährige kein Wort mehr, seine Freiheit erzwingt er jederzeit durch Flucht, und wenn ihm das Fahrrad gestohlen wird, holt er es sich mit imponierender Zähigkeit zurück. 

Heikles Thema aus Österreich: Regisseur Martin Schleinzer (l.) mit seinen Hauptdarstellern aus "Michael": David Rauchenberger und Michael Fuith (r.) Foto: Cannes Film Festival
Heikles Thema aus Österreich: Regisseur Martin Schleinzer (l.) mit seinen Hauptdarstellern aus "Michael": David Rauchenberger und...Foto: Cannes Film Festival

In dieses unsentimental inszenierte Unleben tritt mit der Friseurin Samantha (Cécile de France) jemand, der, selber tatkräftig und illusionslos, Cyrils Ersatzmutter werden könnte. Genau darin probiert sie sich an ein paar turbulenten Wochenenden – und der Film tut scheinbar nicht viel mehr, als mit aufmerksamer Nüchternheit seinen alltagstapferen, streitbaren Helden dabei zuzusehen, wie sie stets an der Kante zum Scheitern entlangschlingern. Dann aber, in Augenblicken höchster Aufgewühltheit des kleinen Cyril, atmet in den sonst betont filmmusiklosen Film das Streicherthema aus dem zweiten Satz von Beethovens Fünftem Klavierkonzert hinein – immer für ein paar Takte nur. Sagen wir so: Wer kein Herz hat, dem geht es auch hier nicht über. 

Durchweg kühl blickt dagegen der Österreicher Markus Schleinzer in „Michael“ auf das Martyrium eines Zehnjährigen, der im Keller eines bunkerartigen Vorstadthauses von einem Pädophilen gefangen gehalten wird. Der sozial auffällig unauffällige, im Job superkorrekte Versicherungsangestellte Michael (Michael Fuith) versorgt sein Sexualobjekt Wolfgang (David Rauchenberger) zuverlässig, und wenn die Rolläden runtergelassen sind, darf das Kind aus seinem Klo-Bett-Tisch-Waschbecken-Verschlag auch mal zum Abendbrot rauf ins Erdgeschoss. Bis es eines Tages zu Michaels Verhängnis kommt. Endlich. 

Schon der Titel verweist darauf, um wen es hier vor allem geht: Spielt der Film also mit der Identifikation mit dem Täter? Dafür bleibt der Blick zu distanziert. Denunziert er ihn stattdessen als Monster? Auch nicht, es sei denn als eines jener Alltagsmonster, wie sie jedem täglich hundertfach auf der Straße begegnen. So vermeidet „Michael“ jede Stilisierung ins Horror-Genre hinein, wie sie etwa Lynne Ramsays Familienaufstellung „We Need to Talk About Kevin“ zu Festivalbeginn so unangenehm kennzeichnete. Andererseits erfährt der Zuschauer nichts, was ihm nicht etwa hinlänglich aus dem Fall Natascha Kampusch bekannt wäre. Die nahezu totale Effektlosigkeit: auch ein Effekt. 

Andreas Dresens Krebsdrama "Halt auf freier Strecke" ist der einzige deutsche Beitrag in Cannes. Foto: Cannes Film Festival
Andreas Dresens Krebsdrama "Halt auf freier Strecke" ist der einzige deutsche Beitrag in Cannes.Foto: Cannes Film Festival

Totale Effektlosigkeit ist auch ein Effekt 

Kleinejungsqualen stehen in Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke“ ausdrücklich nicht im Mittelpunkt, und doch gehört sein in der Nebenreihe Un Certain Regard präsentiertes Familiendrama ebenfalls in diesen Zusammenhang. Der 40-jährige Paketpostarbeiter Frank (Milan Peschel) erfährt, dass er wegen eines Hirntumors nur noch wenige Monate leben wird, und plötzlich hält sein frisch bezogenes Neubau-Vorstadtleben mit Frau (Steffi Kühnert), 14-jähriger Tochter und achtjährigem Sohn auf unfreier Strecke an. Auch Dresen beobachtet, wie immer mit kleinem, vertrautem Team und in Improvisationen entwickelten Szenen, nichts weiter als einen Alltag ganz in jedermanns Nähe – das Sterben eines noch fast jungen Mannes, und welch ungeheure Belastung es für seine Familie bedeutet. Aber er tut es mit einem massiven moralischen Impetus. 

„Halt auf freier Strecke“ plädiert so leise wie eindringlich dafür, dass Krebskranke im Kreis ihrer Familie sterben sollen – in der ausdrücklichen Hoffnung, dass der Tod dadurch, als etwas nicht mehr Fremdes, auch für Kinder seinen Schrecken verliert. Die Kinder in dem Film, Talisa Lemke und Mika Seidel, spielen das gut. Aber sie spielen es eben nur. 

"The Artist" - ein (Fast-)Stummfilm, in Schwarzweiß, mit englischen Zwischentiteln. Foto: Cannes Film Festival
"The Artist" - ein (Fast-)Stummfilm, in Schwarzweiß, mit englischen Zwischentiteln.Foto: Cannes Film Festival

Mir nichts, dir nichts ist es Halbzeit geworden in Cannes – und die neuen Filme der Autorenkino-Alphatiere Almodóvar, Lars von Trier und Kaurismäki stehen noch bevor. Ein Überraschungskandidat für die Goldene Palme aber hat sich schon mal vorgedrängelt: Michel Hazanavicius mit „The Artist“. Michel - wer? In Frankreich hat der frühere Gagschreiber, Drehbuchautor und Werbefilmer spätestens seit seinen beiden „OSS117“-Spionagekomödien auch im Kino einen Namen. Und mit ihm Jean Dujardin, der in „The Artist“ erneut die Hauptrolle spielt. 

Dujardin ist der Stummfilmstar George Valentin – in einem (Fast-)Stummfilm, in Schwarzweiß, mit englischen Zwischentiteln. Der Film beginnt 1927 in Hollywood, die Stummfilmära geht ihrem abrupten Ende entgegen, mitsamt den Karrieren ihrer Stars. Der unaufhaltsame Abstieg von George Valentin wird nur durch eine hübsche Autogrammjägerin aufgehalten, die ihm einst am roten Teppich einen Kuss auf die Wange drückte: Peppy Miller (Bérénice Bejo), Fan, Statistin, Klein-, Neben-, Hauptdarstellerin, Tonfilmstar. Und, ja, es ist Liebe. 

Ein luftiges Nichts, dieser „The Artist“. Und ein luftiges Alles und ein höchst lustiges noch dazu, perfekt konstruiert, hinreißend gespielt, aufwendig inszeniert und außerdem ein augenzwinkernd mit Stummfilmzitaten gespicktes Vergnügen vom ersten bis zum letzten Bild. Fundamentalisten unter Filmhistorikern werfen „The Artist“ zwar bereits vor, er schlachte bloß den Ruhm der wahrhaft Großen aus und bleibe pures Pastiche von Murnau über Lubitsch bis Billy Wilder. Sollte die Jury um Robert de Niro dem furiosen Retro-Spaß also die Palme verweigern, dann bleiben immer noch die Golden Globes und die Oscars. 

Der stets äußerst durchsetzungsfähige Harvey Weinstein übrigens, der zuletzt „The King's Speech“ zum Oscar-Triumph führte, hat soeben die internationalen Filmrechte an „The Artist“ gekauft. Dass John Goodman, im Film ein schlitzohriger Hollywood-Mogul, Weinstein ziemlich ähnlich sieht, dürfte der Sache nicht geschadet haben.

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