Filmfestival Cannes : Liebe im Alter

Gleißendes Glück: Andreas Dresens "Wolke 9" läuft auf dem Filmfestival in Cannes erfolgreich in einer Nebenreihe - der Film auch für den Wettbewerb getaugt.

Jan Schulz-Ojala

Ein schöner Frühlingsabend nach dem Sonntagnachmittag im Schrebergarten, Inges Tochter Petra war da mit den Enkelkindern, Petra, die seit Ewigkeiten auch Werners Tochter ist, und jetzt gehen die Alten langsam über den Stichweg zur Straße. Erzählen sich von früher, als Petra noch klein war und Werner das Kind auf seine Schultern gesetzt hat nach irgendeinem Sommerausflug, und an dem Tag, erinnert sich Inge, ist Werner richtig ihr Papa geworden.

Kaum zu glauben, dass da zwei voneinander Abschied nehmen im fortschreitenden Dunkel, die zwei, die sich so einvernehmlich erinnern, ja, vielleicht glauben sie das gerade nicht einmal selbst. Aber auch diese Liebe, die 30 Jahre gehalten hat, geht in ihre Nacht; getrennt sind die beiden gekommen, um Oma und Opa zu spielen, getrennte Wege werden sie gleich wieder gehen. Inge, Mitte sechzig, hat sich verliebt in den zehn Jahre älteren Karl, Inge fängt ein neues Leben an.

Los geht dieser Film, der alles so wunderbar richtig macht wie alle guten Dresen-Filme, „Halbe Treppe“ zum Beispiel, mit gleißender Helligkeit. Da ist Inge, die ihre Rente mit Änderungsarbeiten aufbessert, eines schönen Altenalltags in Karls Wohnung zurückgekommen, zu dem fremden Mann, der bei ihr eine Hose bestellt hat. Und sie sagen sich ihr Begehren ohne Anlauf und leben es. Altersfleckenhände, alte Brüste, sonnenfern blasse Haut, schöne Haut, Sex. Und atemlose Verblüffung, dass da etwas anfängt, Verliebtsein und Liebe.

Horst Westphal ist der sanfte Karl, der Inge (Ursula Werner) aus ihrem verbrauchten Leben mit Werner (Horst Rehberg) entführt. Nein, er hebt sie heraus, oder sie schwebt selber davon. Das Hässliche kommt früh genug, das Nichtverstehenwollen, das Wüten, das ganz Schlimme auch. Die Verdunkelung aber, die auf das himmelsweiße Licht folgt, hat nicht das letzte Bild. Manchmal eben fallen der Schmerz und das Glück zusammen, man muss dafür nur schon eine Weile auf der Welt gewesen sein.

Ein unerhörtes Kino-Sujet, das in der Wirklichkeit so unerhört gar nicht ist. Ein unerhört gedämpft und zugleich kraftvoll aufspielendes Trio aus gestandenen ostdeutschen Schauspielern, dem Steffi Kühnert als Tochter präzis sekundiert. Und ein unerhört durchdringender Erfolg in der „Certain Regard“-Reihe in Cannes, der bei einer mutigeren Programmierung auch ein Wettbewerbstriumph hätte sein können. Macht nichts, diese „Wolke 9“ wird, wenn sie ab Spätsommer das große Publikum erreicht, lange über die Leinwände schweben. Die Liebe höret nimmer auf; zumindest diese.

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