Filmfestival Cannes : Vor der Eröffnungs-Gala: Ketten aus Plastik

jan@cannes, das Festivaltagebuch: Ridley Scott, Regisseur des Eröffnungsfilms "Robin Hood" meldet sich krank, dafür glänzt seine Heldin Cate Blanchett umso mehr. Und Tim Burton ist – noch – der entspannteste Jury-Präsident der Welt.

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Jan Schulz-Ojala, Filmkritiker des Tagesspiegels, berichtet in seinem Festival-Tagebuch aus Cannes.
Jan Schulz-Ojala, Filmkritiker des Tagesspiegels, berichtet in seinem Festival-Tagebuch aus Cannes.Foto: Mike Wolff

Nicht ganz ungeschickt eingefädelt, das Ding. Da steht doch ein leibhaftiger Ritter vorm Festivalpalast, in silbern schimmernder Rüstung, sogar mit Vollvisier. Kämpft er, während die Massen der Akkreditierten ins Gebäude drängen, für den Welterfolg von "Robin Hood"? Checkt er womöglich durch den Sehschlitz die Schurken unter den Kritikern, um sie hinter der elektronischen Antipiraterie-Kontrollschleuse vom Rest seines Trupps niederstrecken zu lassen? Nein, er hält den Leuten einen Flyer entgegen, Werbung für die US-Klamotte "My Guaranteed Student Loan". Darin verdient sich ein New Yorker Schauspielstudent als California Dream Boy ein bisschen was dazu. Hach ja.

Immerhin, ein Kreuzritter mehr an der Croisette. Dafür fehlt ein anderer: "Robin Hood"-Regisseur Ridley Scott. In Cannes, wo grundsätzlich ganze Teams aufmarschieren, um sich beim Festival für die Ehre der Einladung zu revanchieren, steht auf solche "No Show" eigentlich die Höchststrafe - es sei denn, der Abwesende verfügt über den allertriftigstmöglichen Grund. Prompt lässt Ridley Scott bei der Pressekonferenz am Mittwochmittag einen veritablen Schmerzensbrief verlesen. Von einer jüngst vollzogenen Knieoperation ist da die Rede, leider sei er nicht schnell genug genesen, und nun müsse er sich dem strengen Reiseverbot seiner Ärzte fügen. Vielleicht besser so für ihn: Der Applaus nach der Pressevorführung war reichlich lau geraten.

Bleibt die Show für seine Hauptdarsteller Russell Crowe und Cate Blanchett, eine Show mit pikant verteilten Rollen. Crowe, auch einer der Produzenten des Films, legt sich mit rhetorischem Schwert und Schild heftig ins Zeug. Blanchett führt das Florett. Alle bisherigen "Robin Hood"-Filme: Für Crowe durchweg "absehbare Fehler", ohne Sinn für die tiefe Moral der räuberischen Heldentaten. Ja, es sei dringend an der Zeit gewesen, Robin Hood neu zu erfinden, am liebsten in einem "Siebeneinhalbstunden-Film". Tatsächlich wirkt es bald, als sei das bereits durchaus lange 140-Minuten-Ergebnis vor allem eine Herzensangelegenheit seines Hauptdarstellers gewesen.

Die Jury gibt sich ausgesprochen relaxed

Also stellt plötzlich Cate Blanchett die nicht ganz so angenehmen Fragen. Ob was dran sei an dem Gerücht, Russell Crowe habe erst gar nicht den guten Robin, sondern den bösen Sheriff von Nottingham spielen wollen? Leicht außer Tritt, erläutert Crowe die "multiple" Persönlichkeit des Helden, die sich doch im Lauf des Films verwandle. Ach! Und – fast – Krach: Als Blanchett, gefragt nach ihrer Motivation für die Rolle als Ritter-Liebchen, die Zusammenarbeit mit Ridley Scott und dem bewunderten Max von Sydow rühmt, muss Crowe sie an ihren gemeinsamen Filmkuss erinnern. Richtig, den hatte sie fast vergessen. Und was schmettert sie so beiläufig wie treffend vom Podium, als jemand sich nach ihrer "physischen Vorbereitung" erkundigt? "Die Ketten waren aus Plastik."

Ausgesprochen relaxed gerät dagegen kurz darauf der Presse-Auftritt der neunköpfigen Jury, vielleicht ein bisschen arg relaxed. Präsident Tim Burton bringt zwischen vielen "I mean", "you know" und "first of all" vor allem eine gewisse Großzügigkeit für alle möglichen Geschmäcker sowie Offenheit für alle möglichen Filmformen rüber – eine Haltung, die jeder Jury grundsätzlich gut tun sollte. Disparat genug besetzt ist sie ja: mit Kate Beckinsale, Giovanna Mezzogiorno und Benicio del Toro aus dem Schauspielerfach, mit Drehbuchautor Emmanuel Carrère, dem Komponisten Alexandre Desplat, dem Ex-Chef des Venedig-Festivals Alberto Barbera und den Regisseuren Victor Erice und Shekhar Kapur.

Ein Name aber fehlt: Jafar Panahi. Das Festival hatte den iranischen Filmemacher in die Jury eingeladen, aber das Teheraner Regime hat ihn Anfang April wegen eines unbotmäßigen Projekts eingekerkert. Konkret danach gefragt, intoniert Tim Burton auch diese seine Nuschelantwort geradezu schmerzhaft vage – und verpasst damit eine ausgezeichnete Gelegenheit, für den inhaftierten Kollegen zu kämpfen. Das besorgt am selben Tag, ganz undiplomatisch, der französische Außenminister Bernard Kouchner. Iran solle die „fundamentalen Rechte der Meinungsfreiheit und der kreativen Freiheit respektieren“, fordert er, und Panahi „sofort freilassen“. Voilà!

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