Filmfestival Cannes : Weit weg von Hollywood

jan@cannes, das Festival-Tagebuch: Dass die Amerikaner sich rar machen in Cannes, mag schlecht fürs Image sein. An guten Film fehlt es nicht. Zum Beispiel aus Südafrika ("Life, Above All") und Südkorea ("Poetry")

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Jan Schulz-Ojala, Filmkritiker des Tagesspiegels, berichtet in seinem Festival-Tagebuch aus Cannes.
Jan Schulz-Ojala, Filmkritiker des Tagesspiegels, berichtet in seinem Festival-Tagebuch aus Cannes.Foto: Mike Wolff

Keine Frage, früher wurde deutlich mehr amerikanisches Englisch gesprochen in Cannes, in die Handys der auf der Croisette vorbeieilenden Einkäufer und auch auf den Leinwänden. Aber was macht das, wenn heutzutage auf den Partys und in den Filmen aufs Wunderschönste japanisch geflucht, russisch gesungen, spanisch geschmachtet, britisch geschluchzt, koreanisch rezitiert und auf Wolof – das ist die senegalesische Landessprache – geschimpft wird?

Im Ernst: Es ist tatsächlich ein Problem, wenn die Immernoch-Leitnation der Filmindustrie sich rar macht auf dem größten Filmfestival der Welt. Mit Ach und Krach hat Cannes diesmal zum Glamour-Start "Robin Hood" an Land ziehen können. Und nur gut, dass die "Wall Street"-Promis Michael Douglas und Shia Laboeuf sich auf dem Roten Teppich blicken ließen; ursprünglich war der Weltstart des Sequels bereits für April geplant.

Die Ursachen der Malaise sind vielfältig. Die Krise, die längst auch Hollywood erreicht hat. Der Streik der US-Drehbuchautoren vor zwei Jahren, weshalb viele Projekte gar nicht erst begonnen wurden. Der durch die Krise noch beflügelte Trend zur Blockbuster-Konfektion, der große Kunstfilmfestivals eher wenig interessiert. Die Angst der Studios, in Cannes von der Kritik abgewatscht zu werden. Ja, und ein paar Filme, auf die die Welt wartet, sind vielleicht wirklich nicht fertig geworden.

Aber wozu amerikanischen Produktionen nachtrauern, wenn es auch sonst gute Filme gibt wie Sand an der Côte? In Oliver Schmitz' "Life, Above All" sind – zum Trost für Wahl-Angelsachsen – englische Wortfetzen herauszuhören aus dem südafrikanischen Dialekt Sepedi. Zudem hat der 1960 in Kapstadt geborene Sohn deutscher Einwanderer mit der Verfilmung von Alan Strattons Jugendbuch "Chanda's Secrets" zu einem dramatischen, anrührenden Stoff gegriffen, wie er auch Hollywood – fast – gefallen könnte.

Chanda (Khomotso Manyaka) ist zwölf, und sie lebt in dem kleinen Ort Elandsdoorn in der Nähe von Johannesburg. Ihre Mutter hat gerade ein Neugeborenes verloren, ihre beste Freundin Esther geht auf den Strich, und ihr Stiefvater Johan ist ein Säufer, der auftaucht und verschwindet, wie es ihm passt. Das Problem hinter allem, über das keiner spricht: Aids. Auch die Mutter ist längst angesteckt, und der Spazierstock, den sie zum Schmuck herumträgt, wird bald als Krücke nützlich sein. Geschwiegen und verdrängt wird, so lange es geht. Für Sterbende wie Johan aber hat die Nachbarschaft kein Erbarmen: Er stürzt – ein Unfall? - ins nächstbeste Brunnenloch. Und der Karren, der sein Sterbebett war, wird verbrannt.

Regisseur Oliver Schmitz mit den Schauspielerinnen aus "Life, Above All": Lerato Mvelase, Khomotso Manyaka und Harriet Manamela (v. l.).
Regisseur Oliver Schmitz mit den Schauspielerinnen aus "Life, Above All": Lerato Mvelase, Khomotso Manyaka und Harriet Manamela...Foto: AFP

Schmitz zeigt Sinn für große Bilder und große Gefühle

Oliver Schmitz inszeniert die Tragödie, die in Südafrika Hunderttausende trifft, mit Sinn für große Bilder und große Gefühle. Und hält sich dabei ganz an Chanda, die sich vom arglosen Kind in die mutige und verantwortungsvolle Beschützerin der Mutter verwandelt. Vor 22 Jahren debütierte Schmitz in Cannes mit dem südafrikanischen Gangsterdrama "Mapantsula" in der Nebenreihe "Un certain regard", in die nun zurückgekehrt ist. Ferne Wurzeln: Seit zehn Jahren lebt er überwiegend in Deutschland - als erfolgreicher TV-Regisseur.

Richtig weit weg von Hollywood liegt Südkorea. Es hat seine eigenen Blockbuster, die die amerikanische Konkurrenz jahrelang dominierten, zeichnet sich aber vor allem durch große Autorenfilmer aus. Lee Chang-dong ("Secret Sunshine", "Peppermint Candy") hat "Poetry" in den Wettbewerb von Cannes mitgebracht, die zarte Geschichte um die Mittsechzigerin Mija (Yun Junghee), die an Alzheimer erkrankt und in ihrem Haushalt einen halbwüchsigen Rüpel von Enkel versorgt. Eines Tages erfährt sie, dass er zusammen mit ein paar Freunden eine Mitschülerin durch fortgesetzte Vergewaltigungen in den Tod getrieben hat. In einem Hollywoodfilm würde ihr Leben jetzt überdeutlich zusammenbrechen. Hier bekommt es stattdessen eine Vielzahl winziger Sprünge.

"Poesie ist wie zum ersten Mal sehen", sagt der Dozent des Gedichteschreibkurses, den Mija besucht, während ihr langsam die Welt der Wörter und der Menschen abhanden kommt. Sich selber aber beginnt diese stets in Blumenblusen und sanftfarbene lange Röcke gekleidete Frau neu zu fühlen und gibt dies ihrer Umgebung auch vorsichtig zu verstehen. Sie tut sogar in aller Stille bei einem von den Eltern und der Schule eingefädelten Vertuschungsversuch der Vergewaltigung mit; die Festnahme des Enkels geschieht dann, ganz ohne Tatütata, am Rande eines Pingpongspiels. Viele US-Drehbuchautoren würden sich angesichts nicht nur dieser verpassten Gelegenheit an den Kopf fassen.

Die Größe und immense Kraft solch leiser Filme zu begreifen: Auch das gehört zum alljährlichen Seh-Kurs namens Cannes. Der Ukrainer Sergej Loznitsa beginnt seinen Wettbewerbsbeitrag "Schastye Moe" (Mein Glück) gerade so fein und zurückhaltend, mit einem freundlichen jungen Lastwagenfahrer, der Getreidesäcke durch die russische Provinz transportiert. Doch als er vom Weg abkommt, bleibt auch der Film stecken: in Gewaltklischees mit saufenden Obdachlosen, korrupten Polizisten und mörderischen Dorfbewohnern, bevor der zum Krüppel geprügelte Held racheweise mit einer woher auch immer rührenden Knarre unterschiedslos das filmische Restpersonal niedermäht. Na, immerhin das hätte Hollywood besser hingekriegt.

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