Filmfestival : Dunkler Himmel dieser Jahre

Schwerpunkt Lateinamerika: Am Donnerstag startet das "Independent Filmfestival" im Berliner Filmkunst 66.

Philipp Lichterbeck
Alche
Amalia (María Alché) in Lucrecia Martels Familien-Psychogramm "La niña santa". -Foto: Lita Stantic Producciones

Welche Filme in unseren Kinos laufen, hat wenig mit ihrer Qualität, aber viel mit wirtschaftlicher Macht zu tun. Die US-Studios dominieren den Markt und drängen die kleineren Produktionen an den Rand. Der Leidtragende ist der Zuschauer. Selbst Filme, die in den Wettbewerben großer Festivals laufen, bekommt er nie oder nur kurz zu sehen, weil mäßige Hollywoodproduktionen die Spielplätze verstopfen.

Berlin mit seinen vielen Programmkinos mag von diesem Problem weniger betroffen sein. Lücken gibt es dennoch. Franz Stadler etwa, Impresario des Filmkunst 66, ärgert sich so sehr über die fehlende Risikobereitschaft deutscher Verleiher, dass er nunmehr zum dritten Mal sein „Independent Filmfestival“ ausrichtet. In diesem Monat zeigt er 39 Filme aus 18 Ländern, die unsere Kinos bisher nicht erreicht haben. „Weil sie zu gut waren, zu anspruchsvoll, zu schräg, verstörend, wagemutig“, wie Stadler sarkastisch meint.

Neben sehenswerten US-Produktionen wie Anthony Hopkins’ Regiedebüt „Slipstream“, Paul Schraders Thriller „The Walker“ oder John Cusacks böse Kriegssatire „War Inc.“ liegt der Schwerpunkt auf dem lateinamerikanischen Kino, das seit einigen Jahren zu den kreativsten Filmregionen der Welt zählt. Nicht umsonst kamen die letzten beiden Berlinale-Gewinner „Tropa de Elite“ (Brasilien) und „La Teta Asustada“ (Peru) von dort. Es mag an der gewalttätigen Geschichte liegen, an den sozialen Kontrasten oder an der literarischen Tradition – den lateinamerikanischen Filmemachern gelingt es immer wieder, alltägliche Geschichten im Kontext aktueller gesellschaftlicher Debatten zu beleuchten.

Argentinien ist es, das diesmal auf dem Festival herausragt. Insbesondere „La niña santa“ von Lucrecia Martel ist eine Entdeckung. Die 42-jährige Regisseurin aus der Andenprovinz Salta erregte schon 2001 mit dem Familiendrama „La ciénaga/Der Morast“ Aufsehen. Die argentinische Gesellschaft erschien darin behäbig wie eine Fliege unter einer Käseglocke, in der die Temperatur langsam steigt. „La niña santa“ spielt in einem Kurhotel während eines Ärztekongresses – und schafft erneut eine dichte, dekadente Stimmung. Die Schülerin Amalia, mit einem der frechsten Lächeln der Filmgeschichte gesegnet, ist, verwirrt vom Bibelunterricht, auf der Suche nach ihrer göttlichen Berufung. Die glaubt sie gefunden haben, als einer der Ärzte sich ihr pervers nähert. Gleichzeitig ist ihre Mutter an dem Mann interessiert. Meisterhaft beherrscht Martel ihr Ensemble in unübersichtlichen Gruppenszenen, meisterlich auch vermitteln Kamera und Tonspur das Gefühl des Mittendrinseins. Das erinnert an Robert Altmans „Nashville“ und brachte Martel in den Wettbewerb von Cannes. Heimlicher Hauptdarsteller ist das charmant heruntergekommene Hotel, in dem sich seit 30 Jahren nichts verändert hat.

Auch in „Buenos Aires 1977“ spielt ein Gebäude eine herausragende Rolle: eine Villa am Stadtrand, die während der Militärdiktatur (1976–1983) als geheimes Folterzentrum diente. In eiskalten Farben erzählt Regisseur Adrián Caetano die wahre Geschichte eines Studenten, der vom Geheimdienst verschleppt wird. Nach Monaten gelingt ihm mit drei Mithäftlingen, allesamt nackt und bis auf die Knochen abgemagert, die Flucht aus dem Folterhaus. Ohne Spezialeffekte schafft Caetano eine Atmosphäre der Angst, die kein Horrorfilm erreicht. Die Geheimdienstler sind hier genau jene sadistischen Typen, die jede Diktatur an die Oberfläche spült. Bis heute laufen zahlreiche von ihnen in Argentinien frei herum.

Vom Überlebenskampf und dem Sadismus auf den Straßen des heutigen Buenos Aires handelt der vielfach ausgezeichnete „El polaquito“. Geschildert wird das freudlose Leben eines Teenagers auf dem Bahnhof der argentinischen Hauptstadt, die von der Bettelmafia kontrolliert wird. Man schickt ihn durch die Vorortzüge, wo er argentinische Klassiker schmettert. Als er gemeinsam mit der jungen Prostituierten Pelu versucht, ein eigenes Bettelbusiness aufzumachen, wird er – unter den Augen der korrupten Polizei – von der Mafia beseitigt.

All das erscheint negativ, brutal und düster, handelt aber im Kern immer von einem unbändigen Behauptungswillen. Auch die vermeintlich kleinen Menschen, von denen Carlos Sorin in „Der Weg nach San Diego“ erzählt, haben eine große Würde. Ein junger Holzschnitzer aus der fernen Provinz Misiones reist nach Buenos Aires, um seinem Idol Diego Maradona eine Statue zu überreichen. Denn Diego liegt schwer krank in der Klinik, und ganz Argentinien bangt. Auf seinem Weg reist der Handwerker in einem Leichenwagen, mit Pilgern, einer Prostituierten und einem brasilianischen Lkw-Fahrer, der (klar, wegen Pelé) den Holz-Maradona erst nicht transportieren will. Es ist die naive Beharrlichkeit und die Liebenswürdigkeit der flüchtigen Bekanntschaften, die diesen Film zu einer Feel-Good-Perle machen. Gleichzeitig nimmt er die quasi-religiöse Besessenheit der Argentinier mit ihren Idolen (Evita! Maradona!) aufs Korn.

Bis 29. Juli im Filmkunst 66. Details zum Programm: www.filmkunst66.de

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