Filmfestival in Venedig : Als die Jungs noch klein waren

Alterswerke von Eric Rohmer, Claude Chabrol, Woody Allen und Ken Loach beim Festival von Venedig.

Jan Schulz-Ojala
Venedig
Nicht von dieser Welt. Szene aus Eric Rohmers Verfilmung eines frühbarocken Schäferromans. -Foto: verleih

Eric Rohmer (87), Claude Chabrol (77), Woody Allen (71), Ken Loach (71): Es ist das Wochenende der Altmeister des Autorenfilms am Lido – und hätte das Festival nicht auch Rohmer mit seiner philosophischen Heiterkeit und seiner lebenslangen Liebe zur Jugend ins Regisseursquartett gemischt, es wäre eine reichlich finstere Veranstaltung geworden. Denn seine Kollegen stellen der Welt – und das heißt für sie längst: den Nachgeborenen – in ihren neuen Filmen nicht nur ein besonders schlechtes Zeugnis aus, sondern ihre wohlvertrauten Handschriften sind diesmal allesamt arg unelegant geraten.

Aber Rohmer! Wie entspannt lichtjahrfern muss unseren Kino-Moden fühlen, wer so getreulich wie möglich einen Schäferroman des Frühbarockdichters Honoré d’Urfé inszeniert, mit in freier Natur dargebotenen Gesängen, einigem Sprachpathos und einer schönen Jungspielschar in wallend durchscheinenden Gewändern? Und doch: „Die Liebe von Astrée und Céladon“, angesiedelt im Gallien des 5. Jahrhunderts, erzählt so sanft, sinnlich und anrührend von Liebesprüfung und glücklichem Ende, dass die Verzauberbaren bald restlos begeistert waren; da könnte doch auch die Jury der Nouvelle- Vague-Legende Rohmer, obschon sie in Venedig schon oft triumphierte, glatt nochmal Glück bringen.

Mag sein, dass Rohmer hier schon einen transparenten, transzendenten Abschiedsgruß schickte, seine Kollegen siedeln noch ganz im Hier und Heute. Claude Chabrol erzählt in „La fille coupée en deux“ mit geläufig gefallsüchtiger Distanziertheit von einem Trio der Unsympathen: blonde Wetterfee des Regionalfernsehens (Ludivine Sagnier) verliebt sich in eitlen Großschriftsteller (François Berléand) und heiratet hilfsweise neurotisches Millionärssöhnchen (Benoît Magimel). Es kommt zum Eifersuchtsdrama, das insofern klirrekalt lässt, als Chabrol sich zwischen Tragödie und Farce nicht entscheiden mag. Keiner der Charaktere rechtfertigt die Gefühle, die sich drehbuchgerecht für ihn entzünden – und so bleibt dem Publikum nur der ebenso schmerz- wie vergnügungsarme Konsum eines Routinewerks.

Ken Loach und Woody Allen immerhin geht es noch um was: Mit Loach-vertrautem und bei Allen eher verblüffendem Furor stürzen sie sich auf den Widerspruch zwischen Güte und Geschäft, zwischen Ethik und Kapitalismus. Ken Loach beobachtet in „It’s a Free World“ die langsame Verrohung der jungen Angela (Kierston Wareing): Mit ihrer Freundin Rose (Juliet Ellis) gründet sie in London eine Jobvermittlungsagentur und gerät bald in mafiöse Strukturen. Rose steigt aus. Doch weil der Sozialist Loach eisern am Prinzip des guten Menschen festhält (nur die Verhältnisse, die sind nicht so), bleiben selbst seine Teilzeitschurken nette Kerle: So beschönigt der Film am Ende das Milieu, das er eigentlich anprangern will.

„Cassandra’s Dream“, Allens dritter Londoner Film (nach „Match Point“ und „Scoop“) kommt als Kriminalkomödie daher, um alsbald in ein Familiendrama umzukippen, wie man es so rückhaltlos bei ihm noch nie gesehen hat. Die fatale Geschichte zweier Brüder: Ian (Ewan McGregor) hilft in Papas Restaurant aus und will der neuen Freundin als Immobilienhai imponieren, Automechaniker Terry (Colin Farrell) steckt chronisch in Spielschulden. Da kommt der Besuch des schwerreichen Onkels aus Amerika (Tom Wilkinson) gerade recht. Allerdings hat auch er ein Problem: Er muss dringend einen Widersacher aus dem Weg räumen. Die womöglich altersmilde Satire auf family values jedoch entpuppt sich als galliges Moralstück: Mörder, so wird dem Publikum eingehämmert, überschreiten eine Grenze und müssen ihren Weg bis zum bitteren Ende gehen. Auf der Strecke bleiben: die hübsche Exposition, die durchweg sympathischen Nebenfiguren, das Woody Allen sonst eigene federnde Tempo, der ganze Film.

Was die so verschiedenen Alterswerke der Chabrol, Loach und Allen aber verbindet, ist der pessimistische Blick, den die altgewordenen Eltern auf ihre erwachsenen Kinder werfen, und ihnen gehört das tragischste, auch kathartisch identifikationsstiftende Potenzial. Bei Chabrol kommt eine alte Dame über die monströseste Tat ihres Sohnes nicht hinweg, bei Loach hat der Großvater die eigene Tochter aufgegeben und nur mehr das Wohl des Enkels im Auge, und Allen schenkt dem alten Restaurantbesitzer den schönsten Satz seines Films: „Ich hab’ von den Jungs geträumt letzte Nacht“, sagt er zu seiner Frau. „Als sie klein waren.“

Die Tragödie der Alten: Oscarreif erschütternd inszeniert sie Oscar-Preisträger Paul Haggis („L.A.Crash“) im zweiten großen Irak-Film des Festivals. „In the Valley of Elah“ erzählt von dem Vietnam-Veteranen Mike (Tommy Lee Jones), dessen Sohn kurz nach der Rückkehr aus dem Irak von Kriegskameraden grausam ermordet wird. Mit Hilfe einer engagierten Polizistin (Charlize Theron) leuchtet Mike die Vorgeschichte des Kriminalgeschehens aus; Handy-Videos seines Sohnes aus dem Krieg bringen seinen versteinerten Patriotismus endgültig zu Fall. Immer ums inszenatorisch Deutliche, ja Überdeutliche, und auch in scheinbarer Unterkühltheit immer effekthascherisch um die große Emotion bemüht, funktioniert der Film wie der perfekte Gegenentwurf zu „Redacted“ (vgl. Tsp vom 1. 9.). Und doch: Haggis (54) macht, verglichen mit Brian De Palma (66), dessen Film auf dem Festival alles finster überstrahlt, uraltes Kino.

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