Filmfestival Venedig : Kleine Zirkusfilme, große Zirkusfilme

Im Festivalzirkus namens Venedig zeigen Danis Tanovic, Alex de la Iglesia und Abdellatif Kechiche Filme mit Dorfrummel, traurigem Clown und Affenmenschen.

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Der Regisseur Abdellatif Kechiche auf dem Filmfestival in Venedig.
Der Regisseur Abdellatif Kechiche auf dem Filmfestival in Venedig.Foto: Reuters

Nichts leichter, als bei einem dieser Lido-Gewitter rechtzeitig zur Morgenvorstellung eines sonnigen bosnischen Films in der Sala Volpi zu erscheinen. Zunächst schlingert man zwischen Pfützenseen in der Hoffnung, der nächstschlimmste Blitz werde schon nicht in die Regenschirmspitze einschlagen, dem Souterrain des Casinò entgegen. Dort zeigt man den Kontrollettis, die sich tief ins Foyer des Mussolini-Baus zurückgezogen haben, brav seinen Festival-Badge, und watet an den Hilfskräften vorbei, die mit großen gelben Wassersaugern der gewitterüblichen Kellerüberschwemmung Herr zu werden suchen. Im Erdgeschoss verlässt man das Casinò, vorbei an dessen bordeauxroten Vorhängen, die mitunter, offenbar festivalermattet, aus zehn Metern Höhe stracks dem Erdmittelpunkt entgegenstreben, und pirscht durch den Schleichweg hinter den Rangplätzen der Sala Darsena, in der soeben eine andere Vorstellung beginnt, hinaus zur Ostseite des Palazzo del Cinema. Und da ist er ja schon, der Eingang zur Sala Volpi, zwischen imposanten Sturzbächen, die sich aus Regenrinnen auf den roten Teppich ergießen!

So ereignisreich beginnt ein Arbeitstag derzeit gerne am Lido, und während Filmkritiker respektabler westdeutscher Gazetten auf dem Parkettgeländer ihre Socken trocknen lassen, hebt jener Festivaltrailer an, der Tote zum Leben erweckt, sensibleren Gemütern jedoch immer wieder die Augen schließt. Der Film danach ist dann oft schön. Er heißt zum Beispiel „Cirkus Columbia“, stammt von dem bosnischen Regisseur Danis Tanovic, der mit seiner Kriegsgroteske „No Man's Land“ (2001) viele Preise holte – und das Schönste: Der titelgebende Zirkus ist nichts weiter als ein zweimal in bezaubernden Szenen erscheinender Dorfrummel mit Kettenkarussell. Ansonsten erzählt Tanovic in seiner 1991 spielenden, milden Vorkriegskomödie von einer Familienzusammenführung der besonderen Art. Bosnischer Papa kommt mit sexy Freundin nach 20 Münchner Jahren ins Heimatdorf zurück, schmeißt mit D-Mark um sich sowie Frau und Sohn aus dem Haus und steckt alsbald in Kalamitäten. Nicht nur, dass die Serben sich daran machen, gegen die Bosnier in den Krieg zu ziehen – vor allem geht Rückkehrer Divko (Miki Manojlovic) seines Glücksbringers, einer schwarzen Katze, verlustig, und sucht sie folglich den lieben, langen Film lang auf das Herz- sowie Zwerchfellzerreißendste.

Hat hier jemand „Schwarze Katze, weißer Kater“ gesagt – und damit auf eines der berühmten Werke des panjugoslawischen Oberberühmtregisseurs Emir Kusturica angespielt? Ganz recht, einmal wird in „Cirkus Columbia“ ein schwarzweißes Katzentier ins Bild geschleppt und auf das Unartigste fallen gelassen. Und tatsächlich, auch in dieser Volte schlägt der subtile Humor Tanovics, der durchaus melancholische Pointen verträgt, die krachledernen Kalauer seines Kollegen längst um Längen. Fast hätte ich's vergessen: Die Assoziation zu dem Kusturica-Titel gibt eine schwedische Filmjournalistin hiermit zu treuen Händen weiter. Der Pressesaal im Dachgeschoss des Casinò, in dem sie ihren eigenen Artikel schreiben wollte, war am Mittwoch wegen Überschwemmung erneut für mehrere Stunden geschlossen.

Aber wer redet vom Wetter, wenn er ins Zirkuszelt flüchten kann? An Zirkusfilmen fehlt es auf dem Festivalzirkus keineswegs, und mit Alix de la Iglesias „Balada triste de trompeta“ hat sich rechtzeitig zum letzten Drittel ein Wettbewerbsbeitrag eingefunden, den die einen scheußlich finden, während andere – wie die ehemalige Kultzeitung „La Repubblica“ - ihn als „künftigen Kultfilm“ rühmen. Der Spanier packt in einer dröhnenden Horrorsplatterklamotte, gegen die selbst Kusturicas Ohrenbetäuber wie Stummfilme wirken, mehrere Jahrzehnte spanischer Geschichte in eine schwer derangierte Ménage à trois. Ein trauriger Clown, Typ tapsiges Dickerchen, verliebt sich in eine Trapezartistin, die allerdings dem Grinseclown und Obermacho des Zirkus sexuell auf das Heftigste verbunden ist. Hereinspaziert also zu allerlei Dauereifersuchtskatastrophen mit viel Täterätä – und zum Showdown in einer Grotte, wo man mit den Schädeln letal vereinter Franquisten und Antifaschisten aus dem spanischen Bürgerkrieg ganz wunderbar Fußball spielen kann.

„Balada triste“ verblüfft mit sekündlich sich überstürzenden Ereignissen und Bildern – und bleibt doch klappernde Mechanik. Hier ist kein neuer Fellini am Werk, wie manche mutmaßen, nicht mal ein früher Tarantino: Der setzt zwar durchaus auf Splatter, aber versteht so ungleich mehr von Tempowechseln, von Spannung, von Dramaturgie – und von jenem tatsächlich Bösen, dem man keine Horrormaske übers Gesicht streifen muss, wie Alex de la Iglesia das mit gleich beiden Protagonisten tut. Mit anderen Worten: „Balada triste“ dürfte kein Favorit auf den Goldenen Löwen sein, denn der Jury-Vorsitzende heißt Quentin Tarantino.

Weitaus größere Chancen auf einen Preis am Lido hat mit Abdellatif Kechiche ein Regisseur, der am Mittwoch bei der Pressekonferenz vielleicht deshalb so zögernd auftrat, weil sein Film am Vorabend nur sehr verhalten aufgenommen worden war. „Vénus noire“ ist alles andere als ein lustiger Zirkusfilm: Er erzählt die Geschichte einer Schwarzen aus Südafrika, die Anfang des 19. Jahrhunderts als hochsteißiger Affenmensch namens „Hottentotten-Venus“ auf Jahrmärkten in London und Paris herumgezeigt wurde, bevor die Wissenschaft ihre Leiche zum Beweis der Überlegenheit der weißen Rasse in Einzelteile zerlegte. Kechiche („Couscous mit Fisch“) führt hier in einer 160-minütigen, qualvollen Freakshow minutiös vor, wie einer Frau Schritt für Schritt, Show für Show, die Selbstachtung genommen wird, bis sie sich selbst aufgibt und als alkoholsüchtige Prostituierte krepiert.

Kechiche zeigt mehrere dieser Shows, in denen die Grenzen der Scham immer weiter ausgedehnt und schließlich vollends zerstört werden, nahezu in Realzeit. Es sind Shows erst vor entfesseltem britischen Pöbel, dann vor immer geileren französischen Aristokraten und Aristokratinnen, aber eben auch Shows vor den Kinozuschauern als einem Publikum der dritten Art. Sind wir in gewisser Weise Mittäter, weil wir mitzusehen, ja, verlieren auch wir Kino-Voyeuristen schließlich so unsere Würde wie die Glotzer in London und Paris – und so wie die wildes, von Dompteuren gebändigtes, beglotztes, betatschtes, intim angefasstes, ausgeweidetes Tier spielende Frau?

Etwas höchst Irritierendes macht dieser Film mit den Leuten, die sich ihm aussetzen – und so sind mit „Venus noire“ wiederum nur die schnell fertig, die mit jedem Film schnell fertig sind. Abdellatif Kechiche geht es ganz offenkundig um das Bewusstsein für eine historische Schuld, aber er inszeniert das überlieferte Geschehen so brillant nahe an gefühlter Authentizität, dass durch das bloße Zuschauen eine neue Schuld zu entstehen scheint. „Vénus noire“ ist das radikale, extrem unbehagliche Exerzitium eines großen Regisseurs, der in seiner Arbeit niemanden schont, weder sich selbst noch seine Schauspieler noch das Publikum. Keine Katharsis, nirgends, und keine Flucht, es sei denn in den nächsten Film.

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