Filmfestival Venedig : Krieg der Schnitte

Das Irak-Pamphlet des Regisseurs Brian De Palma zeigt mit erschütternden Bildern die Verrohung der Soldaten. Regisseur Ang Lee hat edlen Mainstream im Gepäck und George Clooney kämpft für das Gute in einem Polit-Thriller.

Jan Schulz-Ojala

VenedigSeit Ang Lees Doppeltriumph mit „Brokeback Mountain“ – Goldener Löwe 2005 und kurz darauf der Oscar-Sieg – ist Venedig bei angelsächsischen Filmproduzenten schwer gefragt. Die thematisch ehrgeizigeren und stilistisch eleganteren Kreationen der Studio-Couturiers drängen auf den Laufsteg am Lido, und Marco Müller, amtierender Impresario der allherbstlichen Kinomodemesse, empfängt sie mit offenen Armen. Was aber, wenn da plötzlich ein alter Sack mit blutverschmierten Klamotten auf den Catwalk stürzt, sich auskotzt und auch noch rumbrüllt, er wolle die Welt verändern? Dann ist der Lack der Konkurrenten zwar nicht gleich ab, aber blendet ein bisschen weniger – zumindest für einen Augenblick.

„Redacted“ ist so ein Spielverderber. Brian De Palma zitiert im Titel zwar das Redigieren, das (filmische) Schneiden, Glätten und Zensieren, aber sein Irak-Film zielt aufs Gegenteil. In einer wild springenden Kompilation aus Videotagebuch, Dokumentarfilm, Blog, Material von Überwachungskameras, Fernseh-News und Youtube-Schnipseln, allesamt sorgfältig realen Vorbildern nachempfunden, rekonstruiert er exemplarisch eine der vermischten Gewalttaten dieses Krieges. Im Juni 2006, so suggerieren die Bilder, verabreden ein paar am Checkpoint in Samarra eingesetzte US-Marines einen Nachteinsatz auf eigene Faust. Sie dringen in eine Wohnung ein, vergewaltigen die 14-jährige Tochter des Hauses, und einer nimmt das Ganze mit der Videokamera auf. Vertuschungsfolge des Sexualverbrechens: Das Mädchen wird ermordet und verbrannt – und ihre gesamte Familie erschossen.

Spätestens seit Abu Ghraib weiß die Welt, mit welch grausamer Lust Soldaten ihre Kameras auch als Kriegsspielzeug benutzen – und mit dem Videotagebuch von Angel Salazar, genannt Sally (Izzy Diaz), fängt es an: Gequatsche der Männer außer Dienst, ihre Langeweile, ihre weggedrückte Angst vor Attentaten, das Interview mit dem teilnahmslosen Flake (Patrick Carroll), der eine Schwangere auf dem Weg in die Klinik erschießt, bloß weil das Auto die Sperre durchbricht. Ebenso teilnahmslos zeichnet dieselbe Kamera sehr viel später Sallys Verschwinden auf: Gerade noch spricht er seiner Mutter munter eine Botschaft hinein, da wird er in ein Auto gezerrt; kurz darauf zeigt eine andere Kamera, die der Entführer, seinen abgetrennten Kopf.

Krieg der Bilder, Krieg mit Bildern. Bilder, die – gereinigt – unter dieses und jenes Volk gebracht werden. Und Bilder, die hier wie dort unter Verschluss bleiben. Brian De Palma zeigt sie alle, die übers Netz längst weltöffentlich privaten und die offiziell verbreiteten: von der Verrohung der Truppe über den amtlichen Vertuschungsversuch bis zur zynischen Feier der davongekommenen, für immer versauten Helden.

„Redacted“ lehrt nichts, was die Menschheit über diesen und jeden Krieg nicht schon weiß. Und trotzdem schildert der 67-jährige Regisseur diese Irak-Episode mit äußerstem Furor und allen ästhetisch verfügbaren Mitteln – vom „authentischen“ Video-Blog bis zur Fake-Doku mit musikalischem Klassiktremolo. Und erinnert ausdrücklich daran, dass erst die nichtredigierten, durchs Netz der politischen wie moralischen Selbstzensur durchgedrungenen Bilder einst jenes Bewusstsein schufen, das zum US-Rückzug aus Vietnam führte. Wenn er nun hofft, sein Film möge „dieselbe Wirkung haben“ – will er vielleicht nur pünktlich sein? Schon einmal, vier Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs, hatte Brian De Palma in „Casualties of War“ mit der Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Vietnamesin durch ein Platoon eine ganz ähnliche Geschichte erzählt. Diesmal schreit er sie heraus, mal faszinierend klarsichtig, mal bloß pathetisch – doch imponierend allemal.

 Ein Remake ist auch „Sleuth“, ungewöhnlich auf andere Weise. Schließlich konnte Kenneth Branagh für die Neufassung des letzten Joseph-L.-Mankiewicz Films (deutscher Titel: „Mord mit kleinen Fehlern“, 1972) einen Schauspieler des Originals gewinnen, wenn auch in komplementärer Rolle. Michael Caine spielt nun den steinreichen Krimi-Autor, den damals Sir Lawrence Olivier verkörperte, und Jude Law ist der mittellose Schönling, der dem Alten die kapriziöse Ehefrau ausgespannt hat und sie nun heiraten will. Fast originalgetreu finden sich das theaterhafte Getöse, die Intrige und der bald mörderische Machtkampf der beiden Männer in Branaghs virtuosem, aber letztlich kühl lassendem Film wieder – da mögen die von Harold Pinter aufpolierten Dialoge des Anthony-Shaffer-Stücks noch so funkeln. Ja, „Sleuth“ wäre eine filmhistorische Totwiedergeburt, gäben die beiden Protagonisten – hallo, Oscar! – nicht ihr Allerbestes.

Auch „Michael Clayton“ besticht mit einem hochkarätigen Protagonistenduell, doch geht es Tony Gilroy nach den Drehbüchern für die „Bourne“-Trilogie in seinem Regie-Erstling mindestens so sehr um den polit-aufklärerischen Impetus. Sein Film nimmt am Beispiel eines Chemiekonzerns, dessen Unkrautvernichtungsmittel zum Krebstod von Hunderten von Menschen geführt haben, die mörderische Kumpanei riesiger Anwaltsfirmen mit ihren millionenschweren Mandanten aufs Korn. Wobei George Clooney den Guten und Tilda Swinton die Böse spielt – die dramaturgisch eigentlich ergiebigste Figur gehört Tom Wilkinson als dem Staranwalt der Kanzlei. Seine Skrupel bringen das ebenso finstere wie spannende Geschehen erst ins Rollen.

Moralisch gehobener und erhebender Mainstream: Wird derlei, abseits von De Palmas Pamphlet, zum Markenzeichen dieses Festivals, dessen angelsächsische Parade noch längst nicht abgeschritten ist? Da tut es zunächst gut, den seit langem in Amerika siedelnden Ang Lee – er zeigt „Se, Jie“ (Lust, Caution) im Wettbewerb – wieder mit einem asiatischen Stoff zu sehen. Doch was ist seine erlesene Story um einen Kollaborateur im Schanghai des Zweiten Weltkriegs, der sich in den hübschen Lockvogel der Widerständler verliebt, anderes als edelfeiner Mainstream, mit Tony Leung und der jungen Tang Wei in den Hauptrollen? Mainstream spricht längst auch Mandarin, nicht immer bloß Englisch. Wem sagen wir das: dem Jury-Vorsitzenden Zhang Yimou am allerwenigsten.

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