Filmfestspiele Venedig : Löwenjagd

Morgen beginnt das Filmfestival von Venedig. Unter den Weltpremieren, die um die Auszeichnung des "Goldenen Löwen" kämpfen, werden die Filme großer Regisseure wie Ang Lee oder Eric Rohmer erwartet. Ein deutscher Dokumentarfilm debütiert am Rande des Wettbewerbs.

Dreifacher Rekord: sechs Amerikaner, mit Koproduktionen sogar neun, im 22 Filme umfassenden Wettbewerb! Ausschließlich Weltpremieren in dieser Königsdisziplin, und zur Eröffnung und zum Abschluss zwei Werke vom Nachwuchs! Und in der Jury unter Zhang Yimou weder Dichter noch Starlets, sondern ausschließlich Regisseurinnen und Regisseure!

Festivalchef Marco Müller macht sich locker in seinem vierten und voraussichtlich letzten Jahr am Lido. Die Kritiker werden ruhig gestellt – neben den Amerikanern mit ihrem Sechsfach-Whopper bekommen die stets um Repräsentation bemühten Italiener mit drei Titeln eine veritable Familienpizza, der Rest der Welt guckt überwiegend in die Röhre. Beziehungsweise auf die Abrissbirne: Statt der Löwenparade vorm Palazzo del Cinema hat Fellinis Ausstatter Dante Ferretti eine gewaltige Stahlkugel aus der Requisite von „Orchesterprobe“ reaktiviert. Als Vorzeichen großer Bauvorhaben. Für 70 Millionen Euro soll bis 2010 endlich ein modernisiertes Festivalzentrum stehen.

Die Filme: Gespannt erwartet werden etwa Todd Haynes’ Dylan-Biopic „I’m Not There“ mit einem Halbdutzend Dylan-Darstellern (darunter Cate Blanchett) und zwei US-Filme über die Irakkriegsfolgen, Paul Haggis’ „In the Valley of Elah“ und Brian de Palmas „Redacted“. Ang Lees erotischer Spionage-Thriller „Lust, Caution“ führt ins Schanghai des Zweiten Weltkriegs, George Clooney ist in Tony Gilroys Gerichtsdrama „Michael Clayton“ dabei, und eröffnet wird mit Joe Wrights britischer Ian McEwan-Verfilmung „Abbitte“.

Abseits des Angelsächsischen, das die Namen Ken Loach, Kenneth Branagh, Peter Greenaway und Wes Anderson beeindruckend komplettieren, und drei Werken hierzulande wenig bekannter Italiener (Vincenzo Marra, Paolo Franchi, Andrea Porporati) „dominieren“ im Wettbewerb noch die Franzosen: Sie sind mit Filmen von Eric Rohmer und Abdellatif Kechiche dabei. Japan (Takashi Miike), China, Taiwan, Russland (Nikita Michalkow), Ägypten (Altmeister Youssef Chahine) und Spanien haben im Wettbewerb nur Solo-Auftritte. Außer Konkurrenz treten Claude Chabrol („La fille coupée en deux“), Woody Allen („Cassandra’s Dream“), Takeshi Kitano und der 98-jährige Manoel de Oliveira an.

Und die Deutschen? Dffb-Direktor Hartmut Bitomsky tritt in einer Nebenreihe mit dem dokumentarischen Essayfilm „Staub“ an. Alexander Kluge, der 1968 mit dem Goldenen Löwen für „Artisten in der Zirkuskuppel, ratlos“ den neuen deutschen Film am Lido etablierte, wird fünf Themenprogramme präsentieren. Er ist gerade 75 geworden, wie das Festival selbst, das älteste Filmfest der Welt, das morgen allerdings erst seinen 64. aktiven Jahrgang beginnt: Unter Mussolini gegründet, fiel es im Zweiten Weltkrieg teilweise aus. Und nach dem wilden 1968 dauerte es über zehn Jahre, bis die „Mostra“ wieder richtig in die Gänge kam. Ach, Italien!

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