Filmfestspiele von Venedig : Festival auf der Baustelle

Die Filmfestspiele von Venedig beginnen mit Giuseppe Tornatores Dorfkino-Hommage „Baarìa“. Das 66. Festival von Venedig findet in einem Notquartier statt. In zwei Jahren, soll nach äußerst optimistischen Planungen der neue Festival- und Kongresspalast stehen.

Christina Tilmann

Als sei auf dem Lido eine Freundlichkeitsoffensive ausgebrochen: Restaurants mit Fixpreismenüs, geöffnet bis spät in die Nacht, das notorisch barsche Sicherheitspersonal grüßt freundlich am Morgen und wünscht ein schönes Festival, ja selbst an den berüchtigt hohen Hotelpreisen will man arbeiten, im nächsten Jahr. Der Grund: Das 66. Filmfestival von Venedig ist ein Festival auf der Baustelle, ein Notquartier, und man habe aus der Not eine Tugend machen wollen, erklärt Paolo Baratta, der Festivalpräsident. 2011 schon, in zwei Jahren, soll nach äußerst optimistischen Planungen der neue Festival- und Kongresspalast stehen, der den Campus neben Palazzo del Cinema und Casinò vervollständigen soll. Über hundert Millionen Euro sind für den Bau veranschlagt, der seit Jahren im Gespräch war und von dem Spötter schon argwöhnten, er würde wohl nie begonnen. Er soll mit mehreren Multifunktionssälen und neuester Technik das traditionsreiche Festival wieder konkurrenzfähiger machen. Passend dazu setzt man schon in diesem Jahr, mit einem Ehrenlöwen für John Lasseter und sein Pixar-Studio sowie so viel 3-D und Horror im Programm wie noch nie auf ein dezidiert jüngeres Publikum.

Ein Großteil der meerseitigen Festivalfront ist wegen der Bauarbeiten mit Zäunen und Planen abgesperrt, Container, Lkws und Presslufthämmer regieren hier, der Eingang zum Casinò ist auf die Rückseite verlegt, der rote Teppich deutlich reduziert. Ein wenig heimatlos fühlt man sich auf diesem Festival, das sein Herz verloren hat: die große Freitreppe vor dem Casinò, Treffpunkt, Laufsteg, Wohnzimmer, von der sich, beim abendlichen Aperitif, wunderbar der Sonnenuntergang über dem Meer genießen ließ. In der Sala Volpi versammelten sich dafür am Vorabend Aktivisten, um mit dem Film „Un altro Lido è possible“ und erregten Diskussionen gegen die Baumaßnahmen und die Zubetonierung des Lido zu protestieren: Allein für den Festivalpalast mussten über hundert Pinien gefällt sowie ein kleiner Park geopfert werden.

Neue Ernsthaftigkeit hat Paolo Baratta als Motto ausgegeben. Kein Talmi-Prunk an der Fassade des Palazzo del Cinema. Keine goldene Löwenparade, keine von einer Weltkugel durchbrochene Plastikwand mehr, stattdessen wieder die minimalistisch-elegant gebrochene Fassade des faschistischen Baus samt Galerie und Pavillons auf dem Dach. Ob neben Jurypräsident Ang Lee, Dauergast George Clooney und dem mit einem neu geschaffenen Preis ausgezeichneten Sylvester Stallone auch Silvio Berlusconi zur Eröffnung am Mittwoch auf dem roten Teppich auftauchen wird, darüber spekuliert die Lokalpresse fleißig. Immerhin hat Berlusconi dem Eröffnungsfilm „Baarìa“ von Giuseppe Tornatore schon vorab seinen Segen gegeben und ihn allen Italienern ans Herz gelegt.

Werbung in eigener Sache: Sein Sohn Pier Silvio Berlusconi ist als Vizepräsident der Mediengruppe Mediaset auch Aufsichtsratsmitglied von Medusa, der Produktionsfirma von „Baarìa“. So viel zur Unabhängigkeit des Festivals von der Politik.

Der Film dagegen ist ziemlich unpolitisch. Auch „Baarìa“ erzählt, wie könnte es anders sein beim Regisseur von „Cinema Paradiso“, von der Wiedergewinnung eines Kinos. Das Dorfkino der sizilianischen Kleinstadt Bagheria, im Dialekt Baarìa, ist in den 1910er Jahren Treffpunkt für das ganze Dorf, ein Vorleser ruft für die illiterate Bevölkerung die Zwischentitel aus, die Dorflehrerin sitzt am Klavier, und der Hirte Cicco Torrenuova übt an den Zwischentiteln lesen.

„Cinema Paradiso“ revisited. Auch in „Baarìa” setzt Tornatore der Kinokunst ein Denkmal, in einem epischen Bogen über siebzig Jahre und drei Generationen. Dezidiert autobiografisch ist sein Familienepos, das gleichzeitig das Porträt seiner Geburtsstadt ist und nicht mit kräftigen Seitenhieben gegen die Verschandelung durch korrupte Stadtplanung spart – der oberste Stadtplaner ist im Film blind und wird von Investoren bestochen.

Mit 28 Jahren erst habe er seine Geburtsstadt verlassen, erzählt Tornatore – definitiv zu spät, nach Ansicht des Fürsten Salina aus Lampedusas Sizilienroman „Der Leopard“, der orakelt hatte, wer Sizilien nicht bis zum zwanzigsten Lebensjahr verlassen habe, sei dem Land und seinem stolzen, selbstgenügsamen, aber lähmenden Fatalismus für immer verfallen. Von Fatalismus allerdings kann bei der Familie Torrenuova keine Rede sein. Sie sind Rebellen, Tunichtgute, Aufrührer. Der Vater beobachtet den Widerstand der Bevölkerung gegen Mussolinis Anhänger (natürlich sind alle im Widerstand), der gut aussehende Sohn Peppino wird nach dem Krieg Kommunist und stürzt sich in eine erfolglose Parteikarriere, die ihn zwar lebenslang arbeitslos macht, ihm aber die Liebe der schönen Mannina beschert. Und sein Sohn Pietro, der selbst in der Studentenbewegung aktiv ist, wird das alles mit dem Fotoapparat festhalten und irgendwann Baarìa verlassen. Aus ihm dürfte ein Filmregisseur werden, wollen wir wetten?

Mussolini und die Mafia, Studentenrevolte und der Kampf der Partita Communista gegen die Democrazia Cristiana, das ist genug politischer Stoff, wie ihn Filme wie „La meglio gioventù“ oder „Cento Passi“, „Gomorrha“ oder „Il Divo“ in den letzten Jahren erfolgreich aufgegriffen und damit das italienische Kino aus der Bedeutungslosigkeit zurückgeholt haben. Dieser hier, der erste italienische Eröffnungsfilm in Venedig seit fast zwei Jahrzehnten, ist eher nostalgisch ausgefallen, der liebevoll-gemächliche Erinnerungsfilm eines Regisseurs, dessen Sache politischer Furor noch nie recht war.

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