Filmfestspiele von Venedig : Natalie Portman: Das Immernochkind

Natalie Portman als Schwanenkönigin. Mit dem Drama "Black Swan" starten die Filmfestspiele von Venedig.

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Die Schauspielerin Natalie Portman (Black Swan) bei den Filmfestspiele von Venedig.
Die Schauspielerin Natalie Portman (Black Swan) bei den Filmfestspiele von Venedig.Foto: dpa

Jury-Präsident Quentin Tarantino trägt zwar nicht den Cowboyhut bei der Eröffnungspressekonferenz der Filmfestspiele Venedig, doch immerhin das blauweiße Holzfällerhemd, mit dem er am Vorabend auf der Party von „Vogue Uomo“ die Fotografen entzückt hatte. Die Antworten geraten ihm aber arg angestrengt, wenn er von der „intellektuellen Übung“ spricht, als die er seinen Job hier am Lido verstehen will – seine furios clownesken Auftritte etwa in Cannes waren anders. Liegt’s an dem Riesensaal im oldfashioned altfaschistischen Casinò am Lido, das die Ausmaße – und die Akustik – eines mittleren Hallenbads hat? Oder daran, dass die auf dem Podium postierten fünf Vasen, in denen die Mineralwasserfläschlein ruhten, weniger Sektkühlern ähneln als schwarzglänzenden, deckellosen Urnen?

Etwas Moribundes liegt über den Anfängen der 67. Mostra von Venedig. Man versammelt sich rund um eine gigantische, nach Asbestfunden seit Monaten ruhende Baustelle, aus deren gähnendem Schlund eigentlich bis nächstes Jahr, zum 150. Geburtstag der Einheit Italiens, ein neuer Festivalpalast mit sieben Kinosälen erwachsen sollte. Nun wird der Hindernisparcours, der den Tausenden Festivalgästen täglich zugemutet wird, wohl frühestens Ende 2012 oder, wie die Tageszeitung „Repubblica“ prognostiziert, am St. Nimmerleinstag ein Ende haben.

Zur mäßigen Stimmung trägt überdies bei, dass Festivalchef Marco Müller seinen Abschied deutlich angekündigt hat – ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags. Wie es heißt, lockt ihn, da er ein prächtiges Finale im neuen Festivalpalast wohl vergessen kann, wieder das Produzentendasein. Da muss gute Laune her, und zwar prestissimo. Mit „Black Swan“ von Darren Aronofsky, der vor zwei Jahren am Lido mit dem schwer verschwitzten Mickey-„The Wrestler“-Rourke triumphierte, hat Müller fraglos einen Eröffnungsfilm vom Typus der eierlegenden Wollmilchsau im Angebot: schwüler Sex, schlimmes Drama, bisschen Liebe, viel Familienprobleme, noch mehr berufliche Rivalität, schöne Träume, böse Träume, Huhu-Horror, ein paar Special Effects und ziemlich natürliche Tränen. Da sollte für jeden Gala-Gast etwas dabei sein. Und, ganz wichtig: Der Film kulminiert in einem zehnminütigen, in tosenden Applaus mündenden Finale, in das sich, wenn die Lichter in der Sala Grande wieder angehen, nahtlos live einstimmen lässt.

Natalie Portman spielt, angemessen verhärmt, eine Ballerina namens Nina, die sich nach der Rolle der Schwanenkönigin in „Schwanensee“ verzehrt. Zumal der Choreograf Thomas (obercharmant: Vincent Cassel) seine Primaballerina als weißen und schwarzen Schwan zugleich sehen will, als Urbild der Unschuld und dunkle Verführerin. Nina aber, von ihrer grauslich overprotecting Mutter (Barbara Hershey) in einer rosa Bonbonniere von Kleinmädchenzimmer gefangen gehalten, ist ein Immernochkind, das aus unterdrückter Aggression zu massiver Selbstverletzung neigt. Bei der ganzheitlichen Frauwerdung könnte nun die glutäugige Tänzerin Lily (Mila Kunis) durchaus behilflich sein. Wenn Thomas, abgesehen von seiner pädagogischen Tätigkeit als Ninaherzensbrecher, nicht auch ein so begehrliches wie karriereförderndes Auge auf Lily geworfen hätte. Oder sind entsprechend kompromittierende Beobachtungen nur Irrbilder, also Ninas aufgepeitschte Projektion?

Irgendwie hätte das was, als Sondierungsarbeit in eine verwirrte Seele – und Natalie Portman gibt zwischen Angst und Manie, zwischen Gedeckelt- und Getriebensein durchaus das dienstlich Äußerste, und das ist bei einer vorzüglichen Schauspielerin einiges. Doch ist ihre Rolle keineswegs mehrdimensional angelegt. Alle Figuren werden durch die Linse der Übertreibung gesehen, und so gerät Ninas Selbstbefreiungsreise zwischen mütterlicher Horrorwohnung und coolem Ballettstudio, zwischen männlicherseits verordneten Küssen und weiblicherseits erträumter Orgasmus-Initiation bald zu einem hypernervösen Irgendwas zwischen Camp und Pulp, blutige Apotheose inbegriffen.

Schon möglich, dass dieser lärmende Eröffnungsfilm, der zugleich um den Goldenen Löwen konkurriert, in Sachen Oberflächenreiz einem wie Tarantino gefällt. Andererseits fehlt „Black Swan“ jeder spielerische Sarkasmus – da sind ihm sogar Paul Verhoevens durchaus artverwandte „Showgirls“ überlegen. Von der Inspiration zur „intellektuellen Übung“ ganz zu schweigen.

Dazu dürfte, bei abnehmendem Glamour-Faktor, in den nächsten elf Tagen am Lido Gelegenheit genug sein. Jede Menge herausragende Regisseure – von Sofia Coppola bis Julian Schnabel, von Abdellatif Kechiche über François Ozon bis Tom Tykwer – bringen ihre teils sehr persönlichen neuen Filme mit. Überraschungen sind aus Russland (Alexej Fedorchenkos Roadmovie „Stille Seelen“), Griechenland (Athina Rachel Tsangaris Einsamkeitsetüde „Attenberg“) und Chile (Pablo Larrains privat-politische Trauma-Erkundung „Post mortem“) zu erwarten, und das Gastgeberland Italien schickt allein vier Filme ins Rennen. Die USA sind vornehmlich mit Independent-Produktionen präsent, etwa mit Kelly Reichardts Western „Meek’s Cutoff“ und dem Very-Lowbudget-Film „Promises Written in Water“ von Vincent Gallo, der vor sieben Jahren das Festival in Cannes mit seinem Skandalstückchen „The Brown Bunny“ aufmischte.

Hollywood bleibt lieber in seinem erweiterten Einzugsgebiet – und das heißt Toronto. Das dortige Festival überschneidet sich, zum Ärger der Italiener, um ein paar Tage mit Venedig, es hat keinen Wettbewerb, dafür einen florierenden Filmmarkt, es spielt Venedigs Top-Filme schamlos nach und prunkt mit Exklusivitäten (diesmal etwa mit Clint Eastwoods „Hereafter“).

Und nächste Woche lädt es, was am Lido besonders wehtut, im Rahmen einer gigantischen Gratis-Blockparty in das neu errichtete Festivalzentrum „Bell Lightbox“. Das mehrstöckige Ensemble am Fuß eines Downtown- Wolkenkratzers wurde dank eifriger Sponsoren und großzügiger Bürgerspenden ein Jahr früher fertig, als ursprünglich geplant. Nur: Was ist schätzenswerte Ordnung gegen liebenswürdiges Chaos. Und was der Ontario-See gegen das Mittelmeer?

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