Filmförderung : Seid verschlungen, Millionen!

Der Deutsche Filmförderfonds beflügelt die Produktion im Lande. Die Bilanz des ersten Jahrs: Mit 60 Millionen Euro wurden 99 neue Filme gepäppelt. Das Geld lockt auch Hollywood.

Jan Schulz-Ojala
Valkyrie
Falsche Nazis in Berlin-Mitte: Die Wilhelmstraße am einstigen Reichsluftfahrtministerium wird zur Kulisse für den...Foto: ddp

So richtig gut gelaufen ist es dieses Jahr nicht für die Filmindustrie. Wieder einmal hat sie knapp 500 Produkte in die deutschen Kinos gedrückt – doch statt das riesige Angebot dankbar anzunehmen, nahm der Zuschauer schnöde Reißaus. Im Sommer massakrierten sich die US-Serienblockbuster gegenseitig und drückten bald den deutschen Seriennummerfilmen die Luft ab, wobei „Die Wilden Kerle 4“ und „Bully 3“ alias „Lissi und der wilde Kaiser“ noch am glimpflichsten davonkamen. Die Folge: Gegenüber dem vergangenen Jahr blieb fast jeder zehnte Besucher weg, womit das Krisenergebnis von 2005 nahezu wieder erreicht wäre. Und bei den deutschen Filmen dürfte sich zur Silvester-Inventur der stolze Vorjahresmarktanteil von 25 Prozent fast halbiert haben.

Bei allem diskreten Zähneklappern der deutschen Kinowirtschaft nimmt sich der aktuelle Jubel auf Produzentenseite surreal aus. Während die einen unter der Konkurrenz immer größerer Flatscreens fürs Wohnzimmer und immer flinkerer DVD-Verfügbarkeit leiden, herrscht bei den anderen Goldgräberstimmung. Dass die fertigen Werke einander später im Kino beim donnerstäglichen DutzendNeustart die Luft abdrücken – wen stört’s, wenn das Filmemachen boomt wie kaum zuvor? Tatsächlich gäbe es dieses Jahr – mit dem neuen Deutschen Filmförderfonds (DFFF) – einiges zu feiern, wenn denn die schmerzhaften Folgen des Überangebots nicht so augenfällig wären: Desorientierung, Übersättigung, Abwendung von der popkulturellen Sakralstätte namens Lichtspieltheater insgesamt.

99 Filme, davon 34 internationale Koproduktionen, hat der bei der Filmförderungsanstalt (FFA) angesiedelte DFFF mit 60 Millionen Euro in seinem ersten Jahr gepäppelt – und bis 2009, zum Ende der Legislaturperiode, sind jährlich weitere 60 Millionen im Haushalt reserviert. Die Verlängerung des maßgeblich von Kulturstaatsminister Bernd Neumann vorangetriebenen Projekts gilt schon heute als sicher, egal, welche Parteien künftig die Regierung bilden. Denn wer wollte ernsthaft etwas gegen ein staatliches Wirtschaftsförderungsinstrument einwenden, das jenes „silly German money“ ersetzt, mit dem deutsche Steuersparer ihre Millionen jahrelang über dubiose Filmfonds in Trash-Hollywoodproduktionen pumpten, – und das nun umgekehrt als Investitionsanreiz für die Filmproduktion in Deutschland auch Hollywood ins Land lockt? Insgesamt 388 049 317 Euro und 53 Cent, so genau weiß es DFFF-Projektleiterin Christine Berg, haben die Empfänger der ersten 60 Millionen-Tranche in Deutschland ausgegeben. Rund das Sechseinhalbfache der Initialzündung funkt und funkelt somit in die deutsche Wirtschaft zurück, wovon am Ende auch der Fiskus profitiert.

Das Modell funktioniert so durchschlagend wie einfach. Mit dem Zuschuss wird jeder Profi unterstützt, der in Deutschland einen Film drehen will, sofern er 75 Prozent der Mittel beisammen hat und mit einem Verleih im Rücken einen Kinostart garantieren kann. Das gilt auch für ausländische Produzenten, sofern sie einen „inhaltlich mitverantwortlichen“ deutschen Partner haben und mindestens 25 Prozent ihres Budgets in Deutschland ausgeben. Und schon gibt es, entsprechend einer EU-Richtlinie, bis zu 16 Prozent der deutschen Herstellungskosten vom Staat obendrauf. Vorteil 1: Kein Gremium – oder schlimmer: kein Sammelsurium von Gremien – entscheidet geschmäcklerisch, sondern das Geld gibt’s automatisch, so die formalen Voraussetzungen erfüllt sind. Vorteil 2: Nichts muss zurückgezahlt werden. Vorteil 3: Alle anderen deutschen Fördertöpfe, in denen pro Jahr rund 230 Millionen Euro der Verteilung harren, stehen außerdem ungeschmälert zur Verfügung.

Für die Produzenten bedeutet das finanzielle Planungssicherheit und die Freiheit von inhaltlicher Einflussnahme – wenn sie, letzte Hürde, den „kulturellen Eigenschaftstest“ bestehen. Dessen Sinn, der sich in einem komplizierten Punktesystem materialisiert, besteht vor allem darin, auch im größten hierzulande gefertigten Blockbuster möglichst viel deutsche Kreativkraft zu bündeln, von der Stoffwahl über das Team und den Dreh bis zur Endfertigung. Die Regularien lesen sich dabei mitunter kurios: Als deutsche Literaturverfilmung etwa brächte „Hänsel und Gretel“, gedreht in einer „Schwarzwaldhütte“, auch als Hollywood-Projekt made in Germany reichlich Punkte, während der digitale Action-Reißer „Speed Racer“ seine mindestens 48 von 94 Punkten vor allem mit den namenloseren deutschen Beteiligten im Endlos-Abspann machen dürfte.

Wie speedy im Detail das neueste Werk der Wachowski-Brüder, mit 9 Millionen Euro einsamer Spitzenreiter unter den DFFF-Nutznießern, die Kriterien erfüllte, bleibt – auch auf Tagesspiegel-Anfrage hin - einstweilen das Geheimnis der Beteiligten. Dazu gehört der siebenköpfige DFFF-Beirat, der über Summen jenseits der regulären Vier-MillionenEuroGrenze entscheidet und sich aus Ministerialen, Länderförderern, Produzenten und Verbandsvertretern zusammensetzt. Dass Beiratsmitglied Christoph Visser, als stellvertretender Vorstandschef von Studio Babelsberg der deutsche Koproduktionspartner von „Speed Racer“, regelkonform zur konkreten Entscheidung nicht geladen war, macht die Sache nur graduell besser. Schließlich sind die drei mit jeweils über vier Millionen Euro geförderten Top-Titel auf der DFFF-Jahresliste (siehe Grafik) allesamt Babelsberger Koproduktionen – und das Studio als Empfänger von einem knappen Drittel der 60-Millionen-Summe prominentester Kostgänger des DFFF. Ob da gegen das hehre Prinzip der „automatischen Förderung“ doch wieder das allzu menschliche Ermessen durch die Hintertür schleicht?

Zumindest die ABM-Maßnahme für das seit der Wende eher marode Studio Babelsberg hat sich gelohnt – die Jahre der „operativen Verluste“ scheinen erstmal vorbei. Stirnrunzeln dürften auch die meistgeförderten rein deutschen Titel auslösen: Mit den Constantin-Produktionen „Der Baader-Meinhof-Komplex“ und „Anonyma“ sowie „Buddenbrooks“ aus dem Hause Bavaria sicherten sich drei unlängst von Volker Schlöndorff als Amphibienfilme gescholtene Projekte kalorienreiche Stücke aus dem Förderkuchen.

Ob diese auch als TV-Mehrteiler konzipierten Werke dann fürs Kino nur ein „Best Of“ auskoppeln, wie Schlöndorff für derlei Vorhaben mutmaßt, wird sich erst auf der großen Leinwand zeigen. Andererseits ging es auch dem Kulturstaatsminister beim DFFF-Konzept explizit darum, den Kinofilm zu fördern; wohl deshalb kündigen die beteiligten Großproduzenten derzeit viel Werbung und reichlich Kopien zu den bevorstehenden Kinostarts an – schließlich soll nicht der Eindruck entstehen, die schwerreichen öffentlich-rechtlichen Sender hätten wieder bloß ein neues Geldfass zum eigenen Segen angestochen.

Dennoch, bisher regt sich kaum Kritik am DFFF – kein Wunder, so lange das Geld für alle reicht und die deutschen Filmfertigungslandschaften blühen. Dieses Jahr kamen Angebot und Nachfrage in geradezu magischer Harmonie zusammen, doch bald könnte sich das ändern. Soeben hat Ufa-Geschäftsführer Wolf Bauer gemeinsam mit Thomas Friedl, noch Verleih- und Marketingchef bei der Constantin, die Produktionsfirma Ufa Cinema gegründet, die jährlich bis zu zehn deutsche Filme mit europäisch konkurrenzfähigen Budgets herausbringen will. Dabei hat der DFFF als Geldquelle, sagen die Macher, die Geschäftsidee ausdrücklich inspiriert.

Nur, wie viel von alledem verkraftet später der Markt? Der Start des ersten fertigen DFFF-geförderten Films stimmt immerhin vorsichtig zuversichtlich: 350 000 Leute wollten seit Anfang Oktober Maggie Perens Sozialbrachialkomödie „Stellungswechsel“ sehen – für heutige Verhältnisse ein schöner Erfolg.

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