Filmkritik : Das Glück, eine Rückblende

John Hillcoat verfilmt Cormac McCarthys Endzeit-Drama "The Road" mit Zurückhaltung. Doch der Roman überlagert den Film.

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Schon die Lektüre ist kaum auszuhalten. Cormac McCarthys Roman von Vater und Sohn, die sich zu Fuß durch die Welt nach ihrem Untergang bewegen, Richtung Küste, in der Hoffnung auf ein lebenswertes Leben, auf etwas anderes jedenfalls als verbrannte Erde, geborstenen Asphalt, verwüstete Städte und Kannibalenhorden zwischen verrotteten Häusern – dieses postapokalyptische Drama besitzt eine derart alttestamentarische Wucht, dass sein fragiler Kern einen umso mehr anrührt, die tiefe Liebe zwischen Vater und Sohn.

Wie um Himmels willen kann man diese Hölle verfilmen, die keine Sonne, keine Pflanzen, keine Tiere, kein Leben und keine Farben mehr kennt, diese nackte, gleichsam abstrakte Erde, die sich der Vorstellungskraft entzieht? Wie das unendliche Ödland zeigen, den allzeit bleischweren Himmel und das ebenso bleierne Grau des Atlantiks als Inbild der auf immer betrogenen Hoffnung für diese letzten Westerner des Kontinents? Wie die Dialoge zwischen Vater und Sohn intonieren, auch die subtilen christlich-religiösen Anklänge? Wie ihre wortlose Zärtlichkeit, ihr tagelanges Schweigen, ihre einfachen Überlebenssätze über die Kälte, den Hunger, über die Schwierigkeit, Mensch zu bleiben in dieser entmenschlichten Welt? Wie der Genre-Falle entkommen, der Umsetzung als Horror- oder Zombiefilm mit marodierenden Menschenfressern in bewährtem Science-Fiction-Look?

Der australische Regisseur John Hillcoat versucht es mit Zurückhaltung. Er hat „The Road“, McCarthys mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Bestseller von 2006 recht buchstabengetreu adaptiert. Er lässt weg, was dem Auge unerträglich wäre, er verlagert die Nahrungsbeschaffung der Kannibalen an den Rand des Blickfelds, er zeigt nur sekundenkurz deren Keller voller nackter, amputierter Menschenleiber und hat das Grauen weitgehend auf die Tonspur verschoben, als Geräuschkulisse mit prasselnder Feuersbrunst, donnergrollenden Erdstößen und was einen sonst noch das Fürchten lehren kann im nachtschwarzen Wald.

McCarthys Roman spielt in einer Welt, die alle Bilder hinter sich gelassen hat. Das macht es so schwer, sie in Bilder zu fassen. Also hält sich „The Road“ eng an die Hauptfiguren, an Viggo Mortensen als integren, zunehmend erschöpften Vater und an Kodi Smit-McPhee als tapferen, sich einen Rest Kindlichkeit bewahrenden Sohn. Ein etwas anderes Roadmovie: der Mann, das Kind, der Einkaufswagen mit den Habseligkeiten – und Gefahr von allen Seiten. Dennoch gewinnt der Film seine stärksten Momente in den halluzinatorischen Rückblenden an das Familienleben vor der Apokalypse, an die geliebte Frau und Mutter (Charlize Theron), die sich verzweifelt das Leben nahm. Und in jener Szene, in der die unendlich ferne Vergangenheit in der unmöglichen Gegenwart auftaucht: Die beiden finden eine noch verschlossene Cola-Dose und laben sich an dem süßen Gesöff. Die Farbe Rot im universalen Grau, ein Widerschein des Glücks, der letzte Rest Amerika.

Weil die kräftezehrenden, immergleichen Fußmärsche im Film auf die Dauer langweilig wären, ist der Plot bei Hillcoat zusammengeschnurrt. Ständig geschieht etwas in dieser Endzeit, die eigentlich keine Handlung mehr kennt außer Fressen und Gefressenwerden. Die Truckerbande der bis an die Zähne bewaffneten Kannibalen sorgt für B-Picture-Action, die Entdeckung des mit Lebensmitteln gefüllten Bunkers für kurze Erleichterung, die Begegnung mit dem einsamen Greis (Robert Duvall) für eine moralisch-philosophische Lektion, die freundliche Familie am Strand für ein weicher gezeichnetes Happy-End als im Buch. Der Versuch, McCarthy für das Kino kompatibel zu machen, ersetzt dessen Kunst der Reduktion durch Geschwätzigkeit.

Wer den Roman nicht gelesen hat, den lässt der Film seltsam gleichgültig. Wer ihn gelesen hat, kann ihn im Kino nicht vergessen. Die Erinnerung an die Lektüre überlagert die Bilder, anders als bei „No Country for Old Men“, der oscarprämierten McCarthy-Verfilmung der Coen-Brüder von 2007. Hillcoats Ehrfurcht vor der Vorlage ist groß, zu groß. Gute Literaturverfilmungen setzen ihren Vorlagen eine eigene Bildgewalt entgegen, messen ihre Kräfte an denen der Worte. Ohne Respektlosigkeit ist das nicht zu haben.

Cinemaxx, Filmkunst 66, FT Friedrichshain, Kulturbrauerei, Yorck; OV im Cinestar SonyCenter, OmU im Odeon

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