Filmkritik : Der Letzte macht das Licht an

Will Smith ist der einzige Überlebende: Francis Lawrence’ apokalyptischer Thriller "I am Legend" läuft diese Woche in Deutschland an. Eine Rezension.

Sebastian Handke
Will Smith
Jagdrevier Manhattan. Robert Neville (Will Smith) ist das Taggespenst. Nachts gehört New York im Jahr 2012 den Zombies.Foto: Warner

Das schönste Bild gleich zu Anfang: Ein Jäger, die Flinte im Anschlag, schleicht vorsichtig durch hohes Gras. Es ist Robert Neville (Will Smith) auf der Suche nach Fleisch, in Begleitung seiner Schäferhündin Samantha. Langsam schiebt er sich vorwärts, die Beute fest im Visier. Dann entfernt sich die Kamera und gibt den Blick frei auf das Umfeld. Unser Jäger befindet sich mitten auf dem Times Square, sein Revier: Manhattan im Jahr 2012.

Nach den Anschlägen auf das World Trade Center hat es einige Zeit gedauert, bis Hollywood sich an die Ereignisse vom September 2001 heranwagte. Mittlerweile drängt eine ganze Reihe hochpolitischer Filme in die Kinos. Zur Ikonografie der modernen Katastrophe haben sie allerdings ncoh wenig beigetragen – jedenfalls nicht so direkt wie „I am Legend“.

Nach „Last Man On Earth“ mit Vincent Price (1964) und „Omega Man“ mit Charlton Heston (1964) verlegt diese dritte Verfilmung des Science-Fiction-Romans von Richard Matheson die Handlung von Los Angeles nach New York – in ein Manhattan nach der Katastrophe. Eine postapokalyptische Stadt, in der die Zeugnisse menschlicher Panik noch lange nicht verrottet sind; menschenleer, verwildert – ungeheuer schön. Einige Hochhäuser sind mit Quarantäneplanen verhüllt wie ein Kunstwerk von Christo; der Wind fängt sich in den transparenten Folien wie in einem zerrupften Segel. Auf der Jagd nach Rehen streift Neville zwischen zurückgelassenen Autos und Panzerbarrikaden umher wie ein Pionier an der Frontier, als es den Wilden Westen noch gab. Jetzt erobert die Natur das Terrain zurück.

„This is Ground Zero“, sagt Neville mehr als einmal. „It is my site. I can fix this.“ Es hat sich etwas Manisches eingeschlichen in seine Disziplin. Und Disziplin hat Robert Neville nötig, denn er ist der letzte Mensch. Als Militärwissenschaftler in New York hatte er 2009 noch versucht, die Ausbreitung eines künstlichen Virus zu verhindern. Manhattan wurde versiegelt, alle Brücken gesprengt. Umsonst: Die Epidemie kam über die ganze Welt, und wer nicht starb, mutierte zu einer zombieartigen Kreatur mit Lichtaversion. Jetzt wohnt Neville mit seiner Hündin mitten unter ihnen und versucht seit Jahren, ein Gegenmittel zu finden. Es gilt strenger Schichtwechsel: Tagsüber gehört die Welt ihm, in der Nacht herrschen die Mutanten. Weil Neville allerdings hin und wieder einen von ihnen für seine Experimente einfängt, wird er für die Infizierten zu einer Bedrohung.

Richard Mathesons Vampirgeschichte von 1954 gehört zu den einflussreichsten Genrestücken überhaupt. Er inspirierte George A. Romero zur Verschmelzung des Zombies mit dem Vampir im Klassiker „Night of the Living Dead“ (1968) – eine Figurenschablone, die heute noch gültig ist. Romero machte das Genre zum Vehikel für Sozialkommentare, indem er seine Zombies als soziale Masse von Verlierern auftreten ließ oder als stumpfen und gierigen Menschenmob. Der Zombie ist nicht mehr ein von Voodoo-Zauber zum Leben erweckter Wiedergänger, sondern das Ergebnis menschlichen Frevels mit Viren, Biowaffen oder Ähnlichem.

Der klassische Vampir hatte noch auf positive Weise Teil an unserer Kultur, der Zombie seit Romero ist von vornherein ein inhumanes, degeneriertes Wesen. „Die soziale De-Evolution ist abgeschlossen“, stellt Robert Neville in seinen Aufzeichnungen trocken fest.

Francis Ford Coppola nutzte in seinem Dracula-Film den Blutrausch des Vampirs noch als Aids-Metapher. Im Zeitalter des globalen Terrorismus sind Zombies und Biowaffen die besseren Angstmetaphern. Deshalb ersetzt Regisseur Francis Lawrence („Constantine“) den alten Blutsauger konsequent durch den modernen Zombie – aber leider ist es schwer, aus dem Konflikt mit einem gesichtslosen Feind dramaturgisch Funken zu schlagen. In der Vorlage haben die Infizierten Intelligenz und tragen sogar Namen; der Roman wirft einen nihilistischen Blick auf das Entstehen einer Ordnung und die Rolle, die dabei die Vorstellung von einem bösen anderen spielt. Wer ist das Monster? Und für wen? Der Titel „I am Legend“ erklärt sich am Ende des Buchs, als sich in einer raffinierten Schlusspointe die Rollenzuweisung zwischen Held und Bestie umkehrt. Neville erkennt, dass nicht mehr die anderen, sondern er selbst das Monster ist – das Taggespenst für eine neue Gesellschaft nachtaktiver Vampire, eine von allen gefürchtete Legende.

Es ist unvermeidlich, das diese Elemente in einer Zombieversion verloren gehen. Leider ist den Autoren nichts eingefallen, was an deren Stelle hätte treten können. Und so zeigt sich in Lawrence’ Film das Beste und das Schlechteste am Hollywood unserer Tage. Da ist zwar die Fähigkeit, Mittel für einen fantastischen Film dieser Dimension bereitzustellen. Da ist die staunenswerte Effekttechnik, die in der Darstellung einer Stadt, die langsam der Verwilderung anheimfällt, wahre Wunder vollbringt. Gedreht wurde übrigens am Originalschauplatz, nur die Straßenpassanten wurden am Computer wegretuschiert. Da ist Will Smith als ausgezeichneter Hauptdarsteller, der über die Jahre zu einem echten leading men aufgebaut wurde und hier mit einem Gefühlskonzentrat aus Einsamkeit, Angst und strenger Entschlossenheit eine der beste Darbietungen seiner Karriere zeigt. Und da ist ein talentierter Regisseur, der mit langen, sehr stillen Einstellungen für Endzeitatmosphäre sorgt – und für untergründige Spannung.

Doch „I am Legend“ muss sich messen lassen an Alfonso Cuarons „Children of Men“ (2006) und Juan Carlos Fresnadillos „28 Weeks Later“ (2007), zwei Filmen, die zum Besten gehören, was der postapokalyptische Film hervorgebracht hat. „I am Legend“ kann da nicht mithalten, den Produzenten fehlte der Mut, ihrem Film ein würdiges Ende zu geben. Stattdessen wurde wenige Wochen vor Filmstart der Schluss neu gedreht. Das Ergebnis ist ein unpassendes, grobmechanisches Finale, das mit pseudoreligiöser Rhetorik für falsche Hoffnung sorgt.

Im Roman löscht sich Robert Neville am Ende selbst aus. Der Mensch ist fort. Eine Leerstelle gibt es nicht.

Ab Donnerstag in 21 Berliner Kinos.
OV: Cinestar Sony-Center, Collosseum.

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