Filmkritik : Die glorreichen Sechs

Cate Blanchett ist Bob Dylan. Richard Gere auch: Todd Haynes’ fantastisches Amerika-Panorama "I’m Not There" startet in den Kinos.

Rüdiger Schaper
Cate Blanchett
Bunte Pillen: Cate Blanchett ist "His Bobness". -Foto: Promo

Aficionados, Bob-Cats, Dylanologen werden in diesen Film eintauchen wie in einen Ozean, auf dessen Grund der amerikanische Kontinent ein geheimes Doppelleben führt. Es ist das Amerika des ewigen Halloween, der Geister und Fantasten, Gottsucher, Gossenpoeten, Outlaws, wie es der Rockhistoriker Greil Marcus in seinem Buch „Invisible Republic“ beschreibt. Landmasse, die sich noch nicht verfestigt hat. Vulkanisches Amerika.

„I’m Not There“, Todd Haynes’ Kaleidoskop der Unbereinigten Staaten von Amerika, kommt in dem Moment ins Kino, da sich in den USA tektonische Verschiebungen ankündigen. Weiße Frau, schwarzer Mann, Kriegsveteran, Südstaatenprediger: Die Kür der Präsidentschaftskandidaten stellt sich als Kampf um Perspektiven und Projektionen dar, wie sich das Land in Zukunft sehen – und gesehen werden will. Und ebenso, wie die amerikanische Gesellschaft sich jetzt auffächert und regeneriert, zeigt Haynes die multiplen Phänomene eines Mannes, der ein großer Bewahrer der musikalisch-poetischen Tradition seines Landes ist: Bob Dylan.

Selbständig denkendes Wesen

Haynes’ cineastische Phantomjagd führt in das kreativste, explosivste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, die Sechziger. Er macht eine ironische Verbeugung vor Godard und Antonioni. Jüngstes Gericht und Neubeginn. Kennedy und Pop-Art, Civil Rights Movement und die Mündigwerdung der Rockmusik, das wirbelt durcheinander wie im Kopf eines Ertrinkenden. Die Schwarz-Weiß-Ära geht zu Ende. Auf den allgegenwärtigen Fernsehapparaten leuchten plötzlich Farben auf wie im Indian Summer Neuenglands, der Vietnamkrieg rückt immer näher an die Heimatfront heran; Überdosis einer bis dato fremden Droge. Todd Haynes hat einen Film geschaffen, der wie ein selbstständig denkendes Wesen wirkt.

„I’ m Not There“ – der Titel folgt einem todtraurigen Liebeslied aus der Zeit der „Basement Tapes“, Dylans innerem Exil nach dem Motorradunfall im Sommer 1966. Ich bin nicht da. Und doch ist er überall, in Anspielungen, Zitaten, Vexierspiegeln. Todd Haynes’ Meditation über einen der größten Künstler unserer Zeit ist: Abgrund, Albtraum, Labyrinth, Geisterbahn, Rausch. „I’m Not There“ ist ein Meisterwerk aus einem einfachen Grund: Auch wer sich in Dylans Kosmos wie ein Fremder fühlt, wird sich dem Sog nicht entziehen können. Ein Film wie eine Wanderdüne. Man sinkt ein.

Du sollst Dir kein Bild machen von Dylan

Zu einer Zeit, da Dylan zum Objekt akademischer Studien wird und selbst ein autobiografisches Buch veröffentlich hat, („Chronicles“), da er medial präsent ist wie nie zuvor, gibt Haynes ihm die geheimnisvolle Aura zurück, die mit den Jägern und Sammlern der Bob-Sites im Internet verschwindet. Und er hält sich an das Erste Gebot: Du sollst dir keine Bild machen von, nun ja, diesem Mann, der sich Dylan nennt. Er hat nie mit Dylan gesprochen, er ist ihm nie begegnet, das O.K. zu dem Projekt kam über Dylans Management. Der Independent-Regisseur Haynes („Far from Heaven“) greift auf das Grundmuster des Dylan’schen Oeuvres zurück: das Chamäleonhafte, das sich in so vielen Songs wiederfindet, die mit „I“ beginnen. Ich im Englischen. „It Ain’t Me, Babe“. „Idiot Wind“. „It’s All Over Now“. „I and I.“ Lieder von der Flucht vor sich selbst.

„Ich ist ein anderer“. Der berühmte Satz des Arthur Rimbaud – er zählt wie die Bibel zu Dylans frühen Inspirationen – fällt auch bei Haynes. Ben Wishaw bringt ihn ins Spiel, er mimt den poète maudit im Polizeiverhör. Eine der sechs Inkarnationen des scheuen Meisters.

Du sollst dir kein Biopic machen. Was dann? Todd Haynes spielt mit biografischen Möglichkeiten, kreiert ein eigenes Genre. Was, wenn Dylan auf dem ersten Höhepunkt seiner Karriere bei jenem Unfall gestorben wäre? Darf ein Protestsänger überhaupt Karriere machen, und war er das je, ein politischer Künstler?

Nur eine Frau

Man schaut in einen offenen Sarg. Da liegt er, liegt sie: Cate Blanchett. Mit dem Dylan-Wuschelkopf aus der „Blonde on Blonde“-Zeit, als Dylan die Aura eines gefallenen Engels hatte, weil er die Folkmusik elektrifizierte. Auf der berühmten Englandtour Mitte der Sechziger gebärdete er sich wie ein Luzifer, erschöpft von dem Wahnsinnsjob, den Menschen Licht zu bringen. Ewig übel gelaunt, weil diese Menschen nichts kapieren und unglaubliche blöde Fragen stellen. Cate Blanchett, nie ohne Zigarette, schlaksig, ungelenk, eine wandelnde Provokation: Nie hat es einen besseren Dylan gegeben. Der, den wir aus den einschlägigen Dokumentarfilmen kennen (D. A. Pennebakers „Don’t Look Back“) war offensichtlich ein mittelmäßig begabter Mime, der versuchte, wie Cate Blanchett auszusehen. Just like a woman.

Ein infernalischer Trick, ein grandioser Kunstgriff: In Schnitt, Farbgebung, Stimmung parodiert Todd Haynes all die Dylan-Filme, die es je gab – und geben wird. Es trifft auch Martin Scorseses Dokumentation „No Direction Home“. Julianne Moore spielt in „I’m Not There“ eine Folksängerin, die ein Interview gibt und bis in die Haarspitzen, bis in die kleinste Geste Joan Baez fast boshaft evoziert. Sie heißt hier anders (Alice Fabian), aber Dylan heißt hier eben auch nicht Dylan, sondern Jude Quinn oder Jack Rollins. Auch das ist ein Weiterdrehen einer Dylan’schen Marotte. Die Magie der Namen.

Aus den zwei obskuren Spielfilmen, die auf Dylans Konto gehen („Renaldo and Clara“, „Masked and Anonymous“), kennt man diesen Mummenschanz. „Alias“ nennt sich Dylans Rolle in Sam Peckinpahs legendärem Western „Pat Garrett & Billy the Kid“. Und auch diese beiden holt Haynes aus dem Orkus. Todd Haynes erblickte 1961 das Licht der Welt – als sich ein gewisser Robert Zimmerman aus Minnesota auf den Weg nach New York machte, um berühmter als Elvis Presley zu werden. So die Legende.

Es gefriert einem das Blut

Haynes und sein Drehbuchautor Oren Moverman haben Stories erfunden, die wie alle große Kunst wirklicher als die Wirklichkeit sind. Cate Blanchett zeigt eine gespenstisch gute Performance, Parodie schlägt in Bewunderung um. Aber wie soll man jetzt Heath Ledger betrachten, nach seinem tragischen Tod? Hier spielt er den Dylan in Klausur, in der Krise nach dem Unfall, und dieser gut aussehende, an sich selbst verzweifelnde Typ ist kein Musiker, sondern ein Schauspieler, der einen Musiker in einem (fiktiven) Film darstellt. Dessen Ehe mit einer bezaubernden Malerin (Charlotte Gainsbourg) zerbricht, dessen Ego kaputtgeht. Verdammte Prophetie! In den Passagen mit Ledger gefriert einem das Blut.

„I’m Not There“ hat etwas Unheimliches, Orakelhaftes. Christian Bales „Dylan“ tritt als wiedergeborener Jesus-Fanatiker an, faselt von Jerusalem und dem Dritten Weltkrieg. Die Fans erinnern sich mit Schrecken. In den Achtzigern war Bob von missionarischem Eifer erfüllt. Und er schrieb damals wunderschöne Gospels. So viel zur religiösen Rechten.

Der Soundtrack hält engen Kontakt zum Original. So sieht man Bob Dylan vor sich, da man die vertraute Stimme hört. „Stuck Inside of Mobile“, „Visions of Johanna“ und andere Klassiker. Sie sind der Anker in diesem Meer der Irrungen und Wirrungen – und diffundieren in gespenstisch schöne Coverversionen. Calexico, Sonic Youth, Richie Havens. Der Woodstock-Veteran hockt mit dem jüngsten Dylan-Dummie auf einer Veranda irgendwo in den Südstaaten und zupft den „Tombstone Blues“. Marcus Carl Franklin, 11, spielt den schwarzen Jungen, er nennt sich „Woody“ (Guthrie), erobert die Herzen im Sturm. Ein Aufschneider, unverschämt begabt. Die Chuzpe des jugendlichen Dylan, die Ungeheuerlichkeit seiner ersten Auftritte, verblüffend gespiegelt. Woody springt aus einem fahrenden Zug in einen tiefen Fluss, säuft ab, wird von einem Wal verschluckt und wiedergeboren. Haynes öffnet viele Türen, und so oft steigt hier einer bei hoher Geschwindigkeit aus.

Dieser quecksilbrige Film lässt sich nicht nacherzählen

Aus der Tiefe der Traumlandschaften kommt Bob der Sechste. Richard Gere, die Ruhe selbst. Billy the Kid in reifen Jahren, aus der Zeit gefallen. Er hat sich wohl weggeduckt unter der tödlichen Kugel, damals. Besteigt eines Tages sein Pferd, reitet in einen Ort namens Riddle (Rätsel), steht wieder vor Pat Garrett, einem hundertjährigen Höllenhund (Bruce Greenwood), muss wieder fliehen, springt auf einen Güterzug ...

Dieser quecksilbrige Zwei-Stunden-Film lässt sich nicht nacherzählen. Nur so viel noch: In einer zum Niederknien komischen Szene steht der zappelige Blanchett-Dylan mit dem Dichter Allen Ginsberg (David Cross) auf dem Friedhof unter einem großen Kruzifix und blafft den Heiland an: Warum bringst du nicht was von deinen alten Nummern?!

„I’m Not There“ ist eine Hommage an den Genius, der aus erstaunlicher Distanz zum Zeitgeschehen seine Wandlungen vollzogen hat. „I’m Not There“ sagt aber auch: Wir leben in einer Zeit, die auf einen neuen Helden/Antihelden wartet.

In Berlin ab heute im Babylon Kreuzberg, International, Cinemaxx, Kulturbrauerei, Hackesche Höfe, Delphi. Originalfassung im Cinestar Sony-Center . Bundesweiter Kinostart am 28. Februar.

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