Filmkritik : Die Versehrten

Im Kino: "Diese Nacht" von Werner Schroeter: Ein Film, zerstörisch und schön, ein untergangsleuchtendes Nachtstück des Kinos.

Kerstin Decker

Die Musik liegt wie ein Vorhang über der Stadt, in die Ossorio zurückkehrt. Nur für eine Nacht, für diese Nacht. Er will seine Freundin – seine Frau? – abholen und gemeinsam mit ihr das Schiff nehmen, am nächsten Morgen. Es wird das letzte sein, vorerst. Denn es steht nicht gut um diese Stadt. Der Flughafen ist geschlossen, feindliche Truppen warten vor den Mauern. Es ist eine allerletzte Nacht vor einem Morgen, an dem nichts mehr sein wird, wie es war.

Werner Schroeter, der Opernregisseur, der Virtuose hochstilisierter Gesten (Kamera: Thomas Plenert), hat „Diese Nacht“ gedreht, nach einem frühen Roman des Uruguayers Juan Carlos Onetti. Und letzten Herbst beim Filmfestival in Venedig bekam Schroeter, der Unzeitgemäße, einer der letzten wahren Autorenfilmer („Palermo oder Wolfsburg“, „Deux“), den Sonderpreis für sein Lebenswerk.

Ja, man könnte manches penetrant finden in diesem Film – das kleine Mädchen mit den Blumen etwa oder den immer wiederkehrenden Mann mit seinem Strauß aus Luftballons; aber dann bekommen die beiden Ausgesetzten, diese beiden Überzähligen wie wir alle, plötzlich ihre eigene schrecklich-schöne Szene. Wahrscheinlich tut man am besten daran, sich dieser Nacht einfach zu überlassen vom ersten Bild, vom ersten Ton an – und ihrem Sog aus Bildern und Tönen.

Onettis Roman „Diese Nacht“ spielt, wie nahezu alle seine Romane, in der imaginären Stadt Santa Maria, irgendwo in Lateinamerika. Aber Lateinamerika, weiß Schroeter, ist längst überall, wenn nicht heute, dann morgen. In Santa Maria ist eine Militärmacht am Ende, eine andere steht kurz vor der Nachfolge, in der kurzen Unsicherheit dazwischen lassen die Milizen ihre Muskeln spielen. Doch wie verloren diese Stadt ist, sieht selbst Ossorio (der einzig Hellwache unter lauter Verurteilten: Pascal Greggory) nicht gleich. Ein Flugzeug über der Kuppel der alten Festung, darunter eine erleuchtete Brücke mit beruhigend alltäglichem Verkehr. Ja, diese Welt, die immer unterwegs ist, kann schön sein. Doch die Schönheit verdeckt nur, wie gefährdet sie ist.

Spätestens bei Ossorios Fahrt zum Hafen wird das klar. Nicht wegen der viel zu vielen Flüchtlinge dort, nicht wegen der Toten auf der Straße, um die das Taxi kaum noch ein Bogen macht. Nicht wegen des plötzlich verzweifelten Taxifahrers, der seinen Fahrgast anfleht, ihn irgendwie an Bord zu bringen. Ja, wenn sogar die Taxifahrer durchdrehen, wird es ernst. Aber dann wiederum ist, Schroeters Seelen-Partitur, leise Musik über die Panik des privaten Transportunternehmers gelegt: das „Lohengrin“-Vorspiel. Dass es überwältigende Ankünfte, dass es Rettungen überhaupt gibt, wissen wir nicht zuletzt von ihm: das tiefste Wissen, die Inseln des Unversehrten in uns. Schroeter tastet sie an. Und das Schiff? Es wird am nächsten Morgen unendlich langsam ablegen. So leer, wie es kam.

Rainer Werner Fassbinder hat über Schroeter einmal gesagt, er habe seinen Platz irgendwo zwischen Lautréamont, Novalis und Céline. Mit diesem zerstörerisch-schönen, untergangsleuchtenden Nachtstück des Kinos hat er ihn endgültig eingenommen. Kerstin Decker

Neue Kant Kinos, OmU: Central Hackescher Markt, Moviemento

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