Filmkritik : Finster: Lars Kraumes „Die kommenden Tage"

Mit Lust an der Wucht inszeniert Lars Kraume sein Schwesterndrama "Die kommenden Tage" und schreckt dabei weder vor hoch dramatischen Gesten noch vor großen politisch-moralischen Fragestellungen zurück.

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Fremde Schwestern. Cecilia (Johanna Wokalek, vorn) wird Terroristin, Laura (Bernadette Heerwagen) wünscht sich die heile Familie.
Fremde Schwestern. Cecilia (Johanna Wokalek, vorn) wird Terroristin, Laura (Bernadette Heerwagen) wünscht sich die heile Familie.Foto: Universal

Zehn Jahre sind nicht viel, aber genug Zeit, um die Welt weiter in den Ruin zu treiben. Die Zukunft, die Lars Kraume für das Jahr 2020 entwirft, fühlt sich vertraut an. Sie ist ein von Menschenhand gefertigtes, globales Desaster: In Saudi-Arabien wird in einem weiteren Golfkrieg um die letzten fossilen Brennstoffe gefochten. Die Verteilungskämpfe in der Dritten Welt lassen die Flüchtlingsströme weiter anschwellen. Die europäische Gemeinschaft ist auseinander gebrochen, und Resteuropa verschanzt sich hinter einer riesigen Mauer nördlich der Alpen.

An diesem kapitalistischen Schutzwall beginnt die Geschichte. Kraume erzählt in Rückblenden von zwei Töchtern eines wohlhabenden Rechtsanwalts, die ihre Zukunft sehr verschieden in die Hand nehmen. Cecilia (Johanna Wokalek) hat den wilden, unberechenbaren Part. Gemeinsam mit Konstantin (August Diehl) wendet sie sich der Geheimorganisation „Schwarze Stürme“ zu, die mit terroristischen Anschlägen die verbliebene Macht der westlichen Zivilisationen stürzen will. Laura (Bernadette Heerwagen) dagegen baut an ihrem privaten Glück. Sie will ein Kind mit ihrem Freund Hans (Daniel Brühl), aber als sie nach einer Fehlgeburt erfährt, dass ihre Gene mit denen von Hans nicht kompatibel sind, trennt sie sich von ihm. Ein paar Jahre später steht Konstantin vor ihrer Tür. Zögernd lässt sich Laura auf eine Beziehung mit ihm ein, ohne zu ahnen, dass Konstantin sie nur als bürgerliche Tarnung für seine terroristischen Aktivitäten benutzt.

Mit Lust an der Wucht inszeniert Kraume („Keine Lieder über Liebe“) sein Schwesterndrama. Während die Charaktere der Nebenfiguren, etwa der Eltern, grenzwertig grob skizziert bleiben, funktioniert die Geschichte in den vier Hauptfiguren – und schreckt dabei weder vor hoch dramatischen Gesten noch vor großen politisch-moralischen Fragestellungen zurück. Besonders überzeugend ist die düstere Zukunftsvision in Szene gesetzt. Kraume montiert von den Schüssen auf Benno Ohnesorg 1967 und der Geschichte der RAF, über Nine-Eleven und Golfkrieg bis hin zu den Zeltstädten, in denen sich nach dem Börsencrash in den USA die Krisenverlierer sammelten, geläufige Motive miteinander und verfremdet sie ins Futuristische. Sein Science-Fiction-Szenario zieht in eine erschreckende Welt, die bald die unsere sein könnte.

In 16 Berliner Kinos

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