Filmkritik : Ich der Hahn, du die Henne

Leidenschaft, federleicht: Helen Mirren ist Tolstois Frau Sofia in Michael Hoffmans Film "Ein russischer Sommer“.

von

Tschechow hätte seine Freude daran. Die endlosen Sommer auf dem Land, die elegante Gesellschaft, die sich zusammengefunden hat, man sitzt bei Tisch im Garten, mit Tee und Grammophon, und die Luft flirrt vor unterdrückter Spannung. Liebe und Intrige, Überdruss und Idealismus, die ganz großen Fragen und die banalen Alltäglichkeiten, und aus all dem speist sich der Cocktail, der da Leben heißt, mal prickelnd, mal fad, berauschend, betäubend und immer so fort.

Das Russland, das Regisseur Michael Hoffman für seinen Film „Ein russischer Sommer“ geschaffen hat, entstand allerdings in Brandenburg und Thüringen, in Halle und Babelsberg, und es braucht wohl den Blick eines Amerikaners, um in den friedlichen Wäldern und Feldern die russische Weite zu sehen, die erst die Schärfe, die Dramatik bringt in jene Naturverbundenheit und Stadtsehnsucht, jene Mischung aus stumpfer Apathie und süßer Melancholie, die sie alle umtreibt. So sind die Wege etwas kurz, die man mit Kutsche, Pferd oder Dampfbahn entlangzuckelt, und zur Doktor-Schiwago-haften Dramatik, zum ganz großen Melodram fehlt dann auch der epische Atem.

Doch genau jenes Tschechow’sche Schwanken zwischen Tragödie und allzu menschlicher Lächerlichkeit, zwischen weit und eng, groß und klein zeichnet den Film und seine Protagonisten aus. Denn der Großdichter Leo Tolstoi, im eigenen Land wie ein Heiliger verehrt, ein Philanthrop und Spätbekehrter, der die Enthaltsamkeit ebenso predigt wie den Vegetarismus, ist in der Darstellung von Christopher Plummer eben kein Heiliger, sondern höchstens ein Scheinheiliger, ein höchst vergnügter Alter, der gern auch mal fünf gerade sein lässt und weise und abgeklärt genug ist, jedem Fundamentalismus abhold zu sein. Da mögen sich seine Anhänger, die Tolstoianer, ruhig sektengleich im Wald verschanzen, als Alleinversorger und Aussteiger-Community des frühen 20. Jahrhunderts, mit freudlosem Sexverbot, Holzhacken und Gemeinschaftszwang, doch der Alte lässt sich’s gutgehen und spielt mit seiner Frau Henne und Huhn im Bett, dass die Federn fliegen.

„Mach mir den Hahn“, lockt Helen Mirrens Sofia, lange graue Haare, im Bett. Und Tolstoi ziert sich erst, plustert sich dann auf, kräht übermütig los, während sie fröhlich gackert, und dann ein Sprung ins Bett, Umarmungen und heiße Küsse. Das ist ziemlich derb gespielt, ohne Angst vor Overacting, balanciert an der Grenze zur Peinlichkeit, und ist doch ziemlich mitreißend, eine mutige, späte Liebesszene ohne Angst vor Lächerlichkeit. Die beiden da, die wagen es noch miteinander, und es funkt und sprüht bei der Begegnung, und da können alle strengen Sekretäre und herben Töchter und besorgten Bediensteten der Welt ein gesundes, altersgemäß schonendes Leben predigen, die alte Ehe, die so erkennbar jung geblieben ist, erweist sich als stärker, und lebendiger auch.

Das ist der Kern des Films, das große Drama. Erzählt wird Krieg und Frieden auf Wolke 9, eine leidenschaftliche Ehegeschichte im letzten Jahr, zwei eigenwillig ebenbürtige Charaktere, sie können nicht mehr ohne einander, aber miteinander auch nicht recht, bis zur letzten Station, im Bahnhof, jener Station, die Tod heißt. Wie viel passender ist doch der englische Titel „The last station“, nach dem Roman von Jay Parini, der sich für seine akribische TolstoiHomestory auf die Berichte von Bediensteten und anderen Angestellten stützt. Keineswegs ist es ein einziger langer, russischer Sommer, dieses letzte Tolstoi’sche Lebensjahr 1910. Ganz im Gegenteil, da geht es ziemlich herbststürmisch und wetterwendisch zu, und am Ende versinkt alles in Dunkelheit, in einem endlosen Winter, der Tolstoi endgültig von seiner Sofia trennt, ihn auf eine letzte, verzweifelte und auch ziemlich lächerliche Flucht schickt und sie zu der großen Verliererin macht. Die Versöhnung im Geiste, die der Film ihr schenkt – in Wirklichkeit blieb sie ihr vorenthalten.

Doch zuvor, da hat sie gekämpft, so wie eine Ranjewskaja, eine Arkadina kämpft, um ihr Gut, um das, was ihr zusteht, aber auch um die Anerkennung ihrer Rolle, ihrer Kunst. Sofia Tolstaja immerhin war nicht nur die fleißige Kopistin, die „Krieg und Frieden“ sechsmal abschrieb, mit Hand, sie war nicht nur die geschätzte Gesprächs- und Diskussionspartnerin ihres Mannes, sondern auch selbst eine begabte Schriftstellerin, die ihr Talent der Ehe, der Rolle als Frau und Mutter opferte und doch die Ambitionen zeitlebens nicht aufgab. Mit über 40 wird sie zur Fotografin und dokumentierte ihr Leben an der Seite Tolstois. Und ihr Roman „Eine Frage der Schuld“, eine autobiografisch gefärbte, souveräne Antwort auf Tolstois bösartige „Kreuzersonate“, wurde im vergangenen Jahr auch in Deutschland wiederentdeckt.

Helen Mirren nun, selbst Tochter eines russischen Exiladligen, mag mehr von der proletarischen, temperamentvollen britischen Mutter in íhre Interpretation der Rolle gelegt haben als vom aristokratisch-kühlen Vater – auch wenn sie seit ihrer Rolle als Queen als britische Aristokratin schlechthin gilt. Und doch rehabilitiert sie diese Sofia, die in der Überlieferung als nervige Hysterikerin und Quantippe verkannt wurde, als klar denkende Frau, die weiß, was sie will. Da mag der Vertraute des Dichters Vladimir Chertkov (Paul Giamatti) noch so sehr intrigieren und darauf dringen, dass Tolstoi die Tantiemen seiner Werke testamentarisch dem russischen Volke vermacht – an Sofia, die mit Händen und Klauen kämpft für das Werk, an dem sie sich als Muse und Kopistin mindestens mitbeteiligt fühlt, hat er seinen Meister gefunden.

Auch der junge Privatsekretär Valentin Bulgakov (hypersensibel: James McAvoy), den Chertkov als Spion in das Landhaus nach Jasnaja Polnaja schickt, erliegt bald der Überredungskraft der Hausherrin: Statt Sofia hinterherzuspionieren, gibt er den Vermittler zwischen den Parteien. Dass er selbst durch die unkonventionelle Mascha (Kerry Condon) just in dem Moment die Freuden der Liebe entdeckt, als für die Tolstois die Welt zusammenbricht, mag eine filmisch effektvolle Verkürzung sein. Doch in seiner Absage an jeden Fundamentalismus und seinem Lob der ungebremsten Leidenschaft eint der Film beide Paare, alt und jung.

Ab 28. Januar im Broadway, Capitol, Cinemaxx, FT am Friedrichshain, Kino in der Kulturbrauerei, Passage, Colosseum, OV im CinStar Sony-Center.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben