Filmkritik: "Im Alter von Ellen" : Eine Frau bricht aus

Unstet bleiben: "Im Alter von Ellen" – ein sensibles Psychodrama von Pia Marais, das allerdings unter der Besetzung der Hauptrolle leidet.

von
Job fürs Leben? Nicht für die Flugbegleiterin Ellen (Jeanne Balibar).
Job fürs Leben? Nicht für die Flugbegleiterin Ellen (Jeanne Balibar).Foto: realfiction

Der Todkranke, der im Angesicht des Endes seine Lebenslust entdeckt, ist ein beliebtes künstlerisches Motiv. Berühmtes Beispiel: der brave Buchhalter Kringelein aus Vicky Baums Roman „Menschen im Hotel“ (1929), dessen Geschichte Hollywood drei Jahre später in „Grand Hotel“ glamourös verfilmte. Kringelein verlässt seine Frau und opfert seine Ersparnisse, um im teuersten Hotel Berlins seine letzten Tage wie ein reicher Mann zu leben, zu flirten, zu trinken und zu tanzen.

Auch in Pia Marais’ „Im Alter von Ellen“ mag das absehbare Ende eine Chance für einen neuen Anfang bieten. Ellen (Jeanne Balibar) verlässt ihren untreuen Freund, schmeißt den Job als Flugbegleiterin und lässt sich treiben. Zögernd lässt sie sich auf andere Lebensmodelle ein. Erst ist da im Flughafenhotel die entwurzelte Gesellschaft der Geschäftsleute, deren Enthemmung daher stammt, dass sie nur von Fremden umgeben sind. Anschließend gerät sie in eine Kommune junger Tierschutzaktivisten, liebäugelt mit deren Idealismus – und besonders mit dem forschen Karl (Stefan Stern). Ihn heiratet sie, um ihn vor dem Wehrdienst zu bewahren. Doch als zwischen ihnen so etwas wie Liebe entsteht, versucht sie nicht, den zerbrechlichen Moment des Glücks festzuhalten, sondern schließt sich in Afrika einer Gruppe von Tierschützern an.

So weit die – mögliche – Handlung des Films. Tatsächlich bemühen sich die Regisseurin und ihr Ko-Autor Horst Markgraf, jegliche Eindeutigkeit im Keim zu ersticken. Das beginnt schon mit der tödlichen Krankheit, an der Ellen leiden soll. Man erfährt nur von einer ärztlichen Diagnose, auf die Ellen irrational reagiert. Doch sie reagiert auf ziemlich alles irrational, und später sind die gesundheitlichen Problemen kein Thema mehr.

Ab 20. Januar neu im Kino
"72 STUNDEN - THE NEXT THREE DAYS" (Thriller, USA 2010, Regie: Paul Haggis, Darsteller: Russell Crowe, Elizabeth Banks, Liam Neeson, Brian Dennehy): Kein Alibi, Fingerabdrücke auf der Tatwaffe, Blut auf der Kleidung – für die Justiz liegt der Fall klar: Lara Brennan hat ihre Chefin ermordet und wird zu langjähriger Haft verurteilt. Ihr verzweifelter Mann John beschließt, sie aus dem Gefängnis zu befreien. Seine minutiösen Vorbereitungen drohen zu scheitern, als Lara in ein Bundesgefängnis verlegt werden soll: John bleiben nur drei Tage. Jörg Wunder schreibt im TICKET: "Mit atemloser Spannung, großartigen Darstellern und Baltimore als ungewöhnlichem Handlungsort bietet "72 Stunden" erstklassiges Genrekino.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Kinowelt
19.01.2011 19:35"72 STUNDEN - THE NEXT THREE DAYS" (Thriller, USA 2010, Regie: Paul Haggis, Darsteller: Russell Crowe, Elizabeth Banks, Liam...

Diese Strategie der Auslassung ist streckenweise wirksam und spannend, weil sie die Zuschauerfantasie zum Schließen der dramaturgischen Lücken herausfordert. Sie kann aber auch schnell frustrierend werden, wenn sie etwa den Verdacht nährt, eine ausgelassene Szene sei womöglich interessanter als die gezeigten, die sie einrahmen.

Pia Marais setzt überhaupt auf Ambivalenz und Relativierung. Ellen bricht nicht lustvoll und neugierig aus ihrem alten Leben aus, sondern bleibt seltsam passiv und reserviert. Der Idealismus der linksautonomen Tierschützer ist lobenswert, aber ihr Aktivismus ist bestenfalls sinnlos: Nach der Befreiung von Hühnern aus einem Tiertransport sieht man einen Fuchs durch den Wald schleichen.

Als unglückliche Entscheidung erweist sich zudem, die Hauptrolle mit der Französin Jeanne Balibar zu besetzen und sie den deutschen Text offenbar phonetisch auswendig lernen zu lassen. Kein Mensch redet so, auch nicht im Elsass, was der Rollenname Ellen Colmar wohl nahelegen soll. Dagegen ließe sich einwenden, dass auch niemand wie Heinz Rühmann oder Al Pacino redet – außer Heinz Rühmann und Al Pacino. Wie Ellen Colmar aber redet noch nicht einmal Jeanne Balibar. So baut der Film auch zu seiner sonst großartigen Hauptdarstellerin eine hinderliche Distanz auf.

Es ist eine im jüngeren deutschen Film verbreitete Haltung, den „,mündigen“ Zuschauer nicht durch Psychologisierung oder gar einer Aussage manipulieren zu wollen. „Wer zu wissen meint, was falsch und was richtig ist, ist gefährlich und dumm“, heißt es in „Im Alter von Ellen“. Das mag stimmen, und doch hätte der Film durch eine stärkere inhaltliche Positionierung gewonnen. Dafür müssen Zweideutigkeiten durchaus nicht restlos verschwinden. Aber Unbestimmtheit wird leicht beliebig, und zu viel Mündigkeit nutzen Zuschauer gerne zum Verlassen des Kinos. Eine kleine Dosis Manipulation wirkt da manchmal Wunder.

fsk am Oranienplatz, Hackesche Höfe, Kant und Lichtblick; Premiere heute, 20 Uhr, in den Hackeschen Höfen mit Regisseurin Pia Marais und Darstellern

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben