Filmkritik : Leben ohne Gott

Neues koreanisches Kino: "Secret Sunshine" und "This Charming Girl". In beiden Filmen geht es um Trost, Hilfe, Leben und Weiterleben.

Christina Tilmann

In „This Charming Girl“ stehen sie an der Straßenecke, singend, klatschend, lächelnd: evangelikale Christen auf Missionstour in Korea. Doch Jeong-hae, die stille Hauptfigur, wirft ihnen kaum einen Blick zu, huscht schnell an ihnen vorbei. Eine Augenblicksepisode, mehr nicht, in einem privaten Lebensdrama, das nicht von Gott, sondern von Trauma und Verdrängung geprägt ist.

Auch in „Secret Sunshine“, dem zweiten koreanischen Film, der an diesem Donnerstag ins Kino kommt, stehen missionierende Christen auf dem Bahnhofsvorplatz, singend, klatschend, werbend. Irgendwann steht auch Shin-ae, die Hauptfigur, dabei. Sie hat einen schrecklichen Trauerfall zu verarbeiten, und sucht Trost und Hilfe bei den Christen.

Um Trost, um Hilfe, um Leben und Weiterleben geht es in diesen beiden Filmen, die stille, einsame Frauen behutsam ins Zentrum rücken. Beide Regisseure gehören zur Avantgarde des jungen koreanischen Kinos, zu einem Kino der Andeutung und kleinen Gesten, das zum Hinsehen und Hinhören zwingt – auch wenn „This Charming Girl“, das Debüt von Lee Yoon-ki, schon aus dem Jahr 2004 stammt – er war damals im Forum der Berlinale zu sehen. Auch Lee Yoon-kis neuer Film, „My Dear Enemy“, wurde in diesem Jahr auf der Berlinale gezeigt und war einer der Publikumslieblinge – bis er es in die Kinos schafft, werden wohl noch ein, zwei Jahre vergehen.

Auch „This Charming Girl“ zeigt schon die Qualitäten Yoon-Kis: ruhige Beobachtung, minimalistische Bildsprache, wenig Aktion. Das Leben der jungen Postangestellten Jeong-hae (Kim Ji-soo) ist ereignislos, pendelt zwischen ruhigen Abenden daheim vorm Fernseher und dem ebenso ruhigen Job tagsüber im Postamt dahin. Grünpflanzen werden gepflegt, Briefe versorgt, eine Katze aufgenommen, ein Bier mit Kollegen getrunken, und nach und nach, in kurzen Erinnerungsflashs, taucht die Erklärung für Jeong-haes Verschlossenheit auf. Am Ende ist nicht viel gewonnen. Aber das Leben sieht etwas sonniger aus.

Um Sonnenschein geht es auch, titelgebend, in dem Film „Secret Sunshine“, dem ungleich anspruchsvolleren Film von Lee Chang-dong. „Ein Platz mit gutem Sonnenschein“, so lautet der Name der koreanischen Kleinstadt Miryang übersetzt. Ein Euphemismus: Miryang hat nichts Besonderes, nur eine Einkaufstraße, ein Vergnügungscenter, einen dreckigen Fluss, Provinz eben. Warum die schöne Klavierlehrerin Lee Shin-ae (herausragend: Jeon Do-yeon) aus Tokio hierherzieht, begreift vor Ort niemand so recht, auch wenn der Autowerkstattbesitzer Kim Jong-chan (Song Kang-ho) hilflos eine Ehrenrettung versucht und doch nur zu dem Schluss kommt: „Es ist in Miryang wie überall sonst.“ Aber wie überall sonst scheint auch ab und zu die Sonne, und als Shin-ae mit ihrem kleinen Sohn in der Stadt ankommt, hockt sie am Straßenrand und findet: „Es ist schön“.

Doch schön bleibt es nicht, auch wenn Shin-ae zunächst Erfolg hat in Miryang und Jong-chan hartnäckig um sie wirbt. Eine Lebenskatastrophe bricht über die junge Mutter herein, und mit ihr die große Frage nach Sinn und Unsinn, Glauben oder Auflehnung. Der allesumschließende Trost ,Gott weiß, was er tut’, den ihr die missionierenden Christen bieten, ist keine Antwort auf Shin-aes Verzweiflung, und ihre Trauer, ihr Leid verwandelt sich in eine Kraftprobe, einen Kampf mit Gott. Ein Kampf, der sie bis in die Irrenanstalt, aber danach auch wieder ins Leben zurückführt. Ein atemberaubend ungleicher Kampf um Würde und Selbsterhaltung, in dem die stille Shin-ae wie Hiob auf die Probe gestellt wird. Die letzte Prüfung lauert im Friseursalon, Shin-ae gewinnt ihren Kampf. Am Ende sieht man nicht mehr als ein Stück Erde im Hof, dreckig, mit Pfütze, aber im Sonnenschein. Unauffälliger, heimlicher ist noch nie die Hoffnung wieder in ein Leben zurückgekehrt.

„This Charming Girl“: fsk am Oranienplatz (OmU). „Secret Sunshine“: Babylon Mitte und Eiszeit (beide OmU)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben