Filmkritik : Nacktfahren in Flandern: "Die Beschissenheit der Dinge"

Schön trist: Der Film "Die Beschissenheit der Dinge", den Regisseur Felix Van Groeningen nach dem gleichnamigen Roman von Dimitri Verhulst wunderbar verfilmt hat.

Herien Wensink

Familie Strobbe lebt in Armut, ohne Zukunftsaussichten. Misserfolg, Degeneration und Alkoholmissbrauch sind vorbestimmt, kein Familienmitglied wird das flämische Dorf Reetveerdegem jemals verlassen. Hier wächst der dreizehnjährige Gunther auf, in einem Haus, in dem auch seine Großmutter, sein Vater und seine drei Onkel wohnen: wüste Männer mit närrischen Streichen, aber Herzen aus Marzipan. Die Familie futtert täglich Pommes frites, das Fett am Kinn wischen sie mit dem Ärmel ab. Gunther teilt ein Zimmer mit seinem sechzehnjährigen Onkel Petrol – und muss mit anschauen, wenn Petrol ein neues Mädchen vögelt.

Unter solchen Umständen wuchs der flämische Schriftsteller Dimitri Verhulst tatsächlich auf. Sein autobiografischer Roman „Die Beschissenheit der Dinge“ handelt von dieser seiner Jugend. Regisseur Felix Van Groeningen hat ihn nun wunderbar verfilmt. Schon das Dekor ist absolut glaubhaft. Gunther und seine Onkel tragen billige, gemusterte Jacken, die zu weit sind. Ihre Jeans sind zu kurz, sie tragen weiße Socken in ausgetretenen Schuhen. Die Frisuren sind klassischer Vokuhila: oben kurz, lang und fettig im Nacken.

Vater und Onkel, Alkoholiker, beschäftigen sich mit Wettsaufen und Nacktfahrradrennen. Oft muss Gunther seinen Vater morgens wecken, wenn er wieder einmal betrunken in seiner eigenen Kotze eingeschlafen ist – ein Glas Wodka hilft gegen das Zittern. Und doch ist Armut für den Sozialisten Ehrensache. Und weder der Vater noch die Onkel können sich vorstellen, dass für Gunther ein besseres Leben möglich wäre. Sie lieben den Jungen zwar, retten ihn aber nicht.

Anfangs geht es noch ganz lustig zu. Die Männer kümmern sich um den kleinen Gunther, haben viel Spaß mit ihm. Wenn der Gerichtsvollzieher das Fernsehgerät beschlagnahmt, zieht die Familie einfach zum iranischen Nachbarn, um ein Konzert von Roy Orbison zu sehen. Doch das Fest endet traurig, als Gunthers Vater betrunken seinen Frust herausschreit, weil er sich mit dem Niedergang Orbisons identifiziert. Schritt für Schritt wird der Film immer grimmiger. Weil Gunther so oft in der Kneipe ist, wird er schlecht in der Schule. Der Schuldirektor schlägt Gunther vor, aufs Internat zu gehen. Der Vater empfindet das als Verrat, und wird gewalttätig. Die Großmutter kann gerade noch rechtzeitig eingreifen.

Van Groeningen hat die Struktur des Buches neu geordnet. Jetzt ist der Film eine Mischung aus Entwicklungsgeschichte und „American Dream“ – weil Gunther mithilfe seiner Großmutter endlich den destruktiven Verhältnissen entkommt. Er geht aufs Internat. Er wird ein erfolgreicher Schriftsteller. Die Szene, in der er ihr dafür dankt, als sie schon völlig senil ist, geht zu Herzen.

Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Moviemento, Neue Kant Kinos

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