Filmkritik : Rauf auf den Spielplatz

Wir Cineasten: Michel Gondrys "Abgedreht" startet im Kino. Eine Feier des Films und des Filmens; ein Riesenspaß vor allem will "Abgedreht" sein und - Hand aufs Herz - nicht mehr als das.

Jan Schulz-Ojala

Ein hübscher Zufall will es, dass der Eröffnungs- und der Abschlussfilm der jüngsten Berlinale gleichzeitig ins Kino kommen. Hier der Scorsese-Konzertfilm mit den Rolling Stones, dort mit Michel Gondrys Bravourstückchen „Be Kind Rewind“ die ultimative Pointe jedweden Filmfestivals. Hier die Elefanten im Ring, dort ein paar Clowns, die den Manegensand noch mal mit lustigschütterem Besen aufwirbeln. Hier die Wummermaschinerie, dort die Blockbuster-Filmgeschichte in einer ranzigen Videothek, unplugged und selbstgemacht.

Um es mit einer gängigen Publikumsbeschimpfungsandrohung zu sagen: Wer die Filme Michel Gondrys nicht liebt, hat kein Herz. Vom wunderverrückten „Human Nature“ über das wunderzärtliche „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ bis zum wunderverspielten „Science of Sleep“ intoniert dieser Franzose die ewige Kindheit der Fantasie. In „Be Kind Rewind“ nun, der hierzulande unter dem lustigen Titel „Abgedreht“ firmiert, feiert er ohne Umwege das Kino selber. Und was wäre das Kino anderes als der Spielplatz, auf dem unsere Fantasie sich austoben darf, bis wir 100 sind?

„Be Kind Rewind“ heißt Mr. Fletchers Videokassettenverleih irgendwo in New Jersey, gemütlich verwohnt wie einst der Brooklyner Tabakladen in Wayne Wangs „Smoke“. Hier trifft sich der Kiez, um „2001“ oder „Men in Black“ auszuleihen, hier arbeiten Mike (Mos Def) und Jerry (Jack Black), wenn sie nicht gerade mal wieder gar nichts tun, und genau an dieser Stelle soll demnächst ein öder Neubau hochgezogen werden. Doch kaum ist Fletcher (Danny Glover) ein paar Tage weg, um die neumodische DVD-Konkurrenz auszuspähen, verursacht Jerry schon den medialen Totalschaden: Beim Versuch, das örtliche Umspannwerk lahmzulegen, wird der Anarchohysteriker auf mysteriöse Weise magnetisiert – und löscht arglos mit einem Schlag den gesamten Kassettenbestand.

Die Katastrophe tobt, wie im guten alten Katastrophenfilm, von Anfang an. Doch was, wenn man jeden Film, eine echte Jerry-Idee, mal eben „schweden“ kann – also: seine Kurzversion mit selbstgebastelten Bordmitteln und baldiger Mithilfe der Anwohnerschaft neu drehen? Auf „Action!“ folgt bekanntlich die schönste Action, und schon ist, von „Driving Miss Daisy“ über „King Kong“ bis „Carrie“, jeder gefragte Titel im Hand- , pardon: Hals-, pardon: Filmumdrehen wieder verfügbar. Und was den Abriss von Mr. Fletchers Nachbarschaftstreff angeht, da werden sich die grauen Herren von der Profitmachergasse noch ein bisschen gedulden müssen.

Eine Feier des Films und des Filmens; ein Riesenspaß vor allem will „Abgedreht“ sein und – Hand aufs Herz – nicht mehr als das. Darf da der Berufskinogucker sagen, dass er sich, bei aller Projektgrundsympathie, mitten im brimborösen Chaos ein klitzekleines bisschen gelangweilt hat – und gesehnt nach den einsamkeitsgeplagten und verrücktverliebten Außenseitern aus Gondrys früheren Filmen? Natürlich darf er’s nicht, und so lässt er’s einfach bleiben.

In 10 Kinos; Cinestar SonyCenter (OV), Central und Babylon Kreuzberg (OmU)

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