Filmkritik : Reif für die Insel

Ein verbissener Film: "Vineta" von Franziska Stünkel wirkt hölzern, narrativ verbastelt, symbolisch überfrachtet und scheint selbst für Schauspielstar Ulrich Matthes ein Korsett. Visuell ist der Film trotzdem ein Hingucker.

Jens Mühling
Vineta
Ulrich Matthes. -Foto: promo

Vineta ist: eine Insel irgendwo in der Ostsee, ein mythischer Sehnsuchtsort, ein Raum für Utopien. Denkt man. Dann kippt die Handlung, und Vineta ist: eine klaustrophobische Metapher für den Überwachungsstaat, ein Orwell’scher Albtraum. Denkt man. Dann kippt die Handlung wieder, und Vineta ist, jetzt aber wirklich: die Chiffre für ein soziologisches Experiment, eine insulare Heilanstalt für Arbeitssüchtige, regiert von einem größenwahnsinnigen Psychiater.

Klingt konstruiert? Ist es leider auch. Auf der Grundlage eines Theaterstücks von Moritz Rinke versetzt Franziska Stünkels „Vineta“ eine Riege verbohrter Karrierehengste in ein entlegenes Inselreich, das ihnen zunächst als streng geheimes Siedlungsprojekt der Bundesregierung präsentiert wird. Auf jeden der Teilnehmer wartet hier eine Aufgabe von vorgeblich epochaler Bedeutung, in die sich insbesondere der Architekt Sebastian Färber mit inbrünstiger Hartnäckigkeit verbeißt. Peter Lohmeyer mimt diesen hoffnungslosen Workaholic mit stoisch infarktgefährdetem Gesichtsausdruck, mit hypernervösen Ticks und tonlos gefühlsentfremdeter Maschinenstimme.

Irgendetwas aber ist faul im Staate Vineta, Färber ahnt es, schon bevor ihm die ersten mysteriösen Warnungen zugespielt werden. Doch was ein echter Workaholic ist, der lässt sich von solchen Widerständen nicht ins Bockshorn jagen, der prügelt seinen verkümmerten Seelenrest nur um so verbissener durch den täglichen Aufgabenwust. Und so ist Färber, als er endlich den Klinikcharakter des labyrinthischen Inselreichs begreift, längst zum Modellpatienten geworden.

Visuell ist der Regisseurin mit „Vineta“ (Kamera: Carsten Thiele) ein durchaus beeindruckendes Stück Kino gelungen: Immer wieder projiziert sie etwa ihrem Protagonisten digital pulsierende Blutkreisläufe auf die Körperoberfläche, die sein Martyrium beängstigend sichtbar machen. Weniger Herzblut fließt leider in die Erzählung: Da wirkt „Vineta“ hölzern, narrativ verbastelt, symbolisch überfrachtet. Selbst Ulrich Matthes als dämonischer Psychiater Dr. Leonhard hat Mühe, sich dieses konstruierte Erzählkorsett vom Leib zu spielen. Aber vielleicht ließ sich über derart verbissene Menschen auch nur ein verbissener Film machen.

In den Kinos Central und Lichtblick

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