Filmkritik : Tausend Tage Einsamkeit

Unfreiwillige Begegnung der dritten Art: Das Weltraum-Drama „Moon“ von Duncan Jones. nimmt die Tradition des ambitionierten Science-Fiction-Independentfilms wieder auf.

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Geplagt von Halluzinationen. Sam Rockwell als Weltraumarbeiter.
Geplagt von Halluzinationen. Sam Rockwell als Weltraumarbeiter.Foto: Koch Media

Drei Jahre auf der dunklen Seite des Mondes? Was in Tagen sengender Hitze und kollabierender Klimaanlagen womöglich keine so abwegige Vorstellung wäre, hat sich für Sam Bell (Sam Rockwell) längst zu einer psychischen Zerreißprobe entwickelt. Seit über tausend Tagen lebt und arbeitet er mutterseelenallein auf der Rückseite des Erdtrabanten. Sam ist Angestellter bei Lunar Industries, einem Bergbaukonzern, der in einer nahen Zukunft das Mondgestein umpflügt, um den wertvollen Rohstoff Helium-3 zu gewinnen.

Sams Aufgabe besteht in der routinemäßigen Wartung der automatisierten Maschinengiganten. Seine einzige Gesellschaft in der nüchtern eingerichteten Mondstation ist der alle lebenswichtigen Systeme steuernde Computer GERTY (gesprochen von Kevin Spacey). Kurz vor Ablauf der Vertragsdauer häufen sich bei dem einsamen Astromalocher die Ausfallerscheinungen: Er halluziniert von seiner Frau, mit der er nur zeitversetzte Videobotschaften austauschen kann, und leidet unter Kopfschmerzen und Konzentrationsmängeln. Bald verursacht er einen Unfall bei einer Außenmission. Als er schwer verletzt auf der Krankenstation erwacht, wird er mit dem bereits eingetroffenen Nachfolger konfrontiert – der sich als jüngere Version seiner selbst entpuppt.

„Moon“ ist das beeindruckende Spielfilmdebüt von Duncan Jones, dem einzigen Sohn des großen Weltraum-Metaphysikers der Popmusik: David Bowie. In nur 33 Tagen und mit bescheidenem Budget abgedreht, nimmt das Werk die ehrwürdige, seit längerem verschüttete Tradition des ambitionierten Science-Fiction- Independentfilms wieder auf.

Kein Zweifel: Die fünf Millionen Dollar, die „Moon“ gekostet hat, sind gut investiert. Das bis in die vermüllten Wohnräume der Station und die von Gebrauchsspuren gezeichneten Mondfahrzeuge detailverliebte Ausstattungsdesign besticht durch einen realistischen Touch, der sich an Genreklassikern wie „Dark Star“, „Solaris“, „Silent Running“ und dem unvermeidlichen „2001 – Odyssee im Weltraum“, aber auch an der britischen Siebziger-Jahre-Serie „Mondbasis Alpha 1“ orientiert.

Die durch die begrenzten Finanzmittel erzwungene kammerspielartige Konzentration auf einen Protagonisten wird zum Glücksfall. Sam Rockwell, dessen Rollenprofil bislang eher zwischen lächerlichen Schurken („Drei Engel für Charlie“, „Iron Man 2“) und fragwürdigen Helden („Per Anhalter durch die Galaxis“, „Galaxy Quest“) changierte, erweist sich in einer komplexen Doppelperformance als Idealbesetzung, um die Atmosphäre von Beklemmung und Paranoia widerzuspiegeln. Seine arglosen Gesichtszüge zeigen eine immer größere Verunsicherung, bis ein auch physisch unheilvoller Zerstörungsprozess in Gang kommt. Kevin Spaceys sonore und übertrieben höfliche Computerstimme lässt natürlich an den doppelzüngigen HAL aus Kubricks „2001“ denken. Doch ganz so eindeutig ist der klassische Antagonismus zwischen Mensch und Maschine hier nicht gelagert.

Tatsächlich ist „Moon“ ein Film voller Überraschungen, die indes nichts mit den genreüblichen Schockmomenten zu tun haben. Das zunächst im Vordergrund stehende Thema der Einsamkeit des Weltraumarbeiters hätte zweifellos für einen erstklassigen Science-Fiction-Psychothriller – vielleicht eine Art „The Shining in Space“ – ausgereicht. Doch dann weitet sich, ohne dass die Spannung darunter leidet, die Perspektive zu einer universellen ethischen Fragestellung, die sich in Zeiten des globalisierten Kapitalismus mehr den je aufdrängt.

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