Filmkritik : "We Want Sex" ist sehr britisch

Nigel Coles "We Want Sex" bedient reichlich Klischees über die Briten und das britische Kino. Wuchtig ist er trotzdem.

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Rita O’Grady kocht für ihre Familie das Essen vor und macht sich im geliehenen Kleid auf den Weg, um vor einer Gewerkschaftsversammlung zu sprechen. Eigentlich ist die in einer Fabrik in der englischen Kleinstadt Dagenham beschäftigte Näherin öffentliche Auftritte kaum gewohnt, aber vor den vielen Männern in grauen Anzügen findet sie zu großer Klarheit und Überzeugungskraft – im Kampf dafür, dass Frauen in der Arbeitswelt die gleichen Rechte haben sollten wie sie.

Es ist einer der mitreißendsten Momente in „We Want Sex“ des Briten Nigel Cole („Kalendar Girls“), der mit trockenem Humor ein Lehrstück für politischen Mut erzählt. Rita (grandios: Sally Hawkins), zunächst eher schüchternes Eheweibchen, wandelt sich zur Anführerin von 178 Näherinnen einer Ford-Autofabrik. Gegen viele Widerstände erkämpfen sie sich 1968 das Recht, genauso entlohnt zu werden wie ihre 50 000 männlichen Kollegen.

Durchaus erinnert es an die Durchsetzungskraft von „Billy Elliot“, wie dieser im Original „Made in Dagenham“ betitelte Film den Weg eines Kollektivs verfolgt, das sich mit dem ersten Frauen-Streik der britischen Geschichte fast noch mehr als die Männerwelt überrascht. Schwelgend in einer für eine britische Industrielandschaft unüblichen Farbenpracht, ist der Film in seiner kämpferischen Direktheit sehr ’68 und zugleich aktuell – schließlich kämpfen Frauen noch immer überall auf der Welt für die gleiche Löhne und Arbeitsbedingungen.

Dabei hätten die Näherinnen von Dagenham ohne die Unterstützung der Männer wohl kaum eine Verbesserung ihrer Lage erwirkt. So ist es dem Einreden des Gewerkschafters Albert (Bob Hoskins) zu verdanken, dass die einfache Arbeiterin Rita erkennt, welch Mut und Wut in ihr selber steckt. Schließlich aber ist es eine Frau, die ihren Geschlechtsgenossinnen zum Durchbruch verhilft: Miranda Richardson als Arbeitsministerin Barbara Castle führt – abweichend von der offiziellen Geschichtsschreibung – kurzerhand selber die Tarifverhandlungen.

„We Want Sex“ bedient reichlich Klischees über die Briten und das britische Kino. Wuchtig ist er trotzdem. Nur der deutsche Titel ist ein reißerischer Etikettenschwindel. „We Want Sexual Equality“ steht auf dem Plakat, das die Näherinnen beschriftet haben. Nötig hat der vitale und charmante Film solche Tricks nicht.

In acht Berliner Kinos; Originalversion im SonyCenter, OmU in den Hackeschen Höfen und im Odeon

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