Filmkritiken : Neu auf DVD: "Swoon" und "Kategorie C"

Die Neuerscheinungen der Woche sind diesmal "Swoon" von Tom Kalin und "Kategorie C" von Franziska Tenner.

Karl Hafner
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SWOON von Tom Kalin


1924 ermordeten Richard Loeb und Nathan Leopold den 14-jährigen Bobby Franks. Die öffentliche Empörung war groß. Die beiden Jurastudenten wollten das perfekte Verbrechen begehen und aus ästhetischen Gründen ihre geistige und moralische Überlegenheit demonstrieren – in konfusem Glauben an Nietzsches Übermenschen.

Der Mordfall diente schon mehrmals als Drehbuchvorlage, etwa für Alfred Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“. Tom Kalin legte 1992 in „Swoon“ (CMV Laservision) den Fokus auf die Homosexualität der Täter, die zudem auch noch Juden waren, und schuf damit einen wichtigen Film des „New Queer Cinema“. In kunstvollen Schwarz-Weiß-Bildern, die vor allem zu Beginn ins Traumhafte gleiten und immer wieder in Details, etwa der Bauart der Telefone, auf unseren heutigen Blick verweisen, wird die Mordtat zu einem Liebesbeweis, zum grausigen Spiel zweier Verschworener.

Für die Öffentlichkeit bietet die Homosexualität der Täter dann freilich ein einfaches und lüsternes Erklärungsfeld. Auf einmal greifen die homophoben, antisemitischen Überzeugungen der Gesellschaft ineinander. Der Ankläger fantasiert von Vergewaltigungen, ein Psychologe findet das alles pervers, das Publikum gruselt sich, und bald ist die Strategie der Verteidigung klar: Die beiden sind geisteskrank, weil sie schwul sind. Und dabei ist vor allem der dominante Loeb schlicht und einfach ein böser, skrupelloser Mensch.

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KATEGORIE C von Franziska Tenner



Geistlose Männlichkeitsrituale zelebrieren die Hooligan-Gruppen von Lok und FC Sachsen Leipzig in Franziska Tenners Doku „Kategorie C“ (epiX, bereits im Verleih, im Verkauf ab 23. Oktober). Fans der Kategorie C sind in der Polizeisprache „gewaltsuchende“ Fußball-Anhänger. Rund um die WM 2006 versucht die Regisseurin, dem harten Kern der deutschen Hooligan-Szene näherzukommen und zu begreifen, warum sich junge Männer zum Prügeln verabreden und dafür Gefängnisstrafen in Kauf nehmen. Es muss wohl irgendetwas mit gekränkter Ehre und Langeweile zu tun haben, irgendwo muss man wohl „ausbrechen“ und schauen, ob „man’s draufhat“. Es geht um Adrenalin und Heldengeschichten für eine öffentlichkeitsscheue Szene. Die Verankerungen in den verschiedenen politischen Radikalismen blendet „Kategorie C“ bewusst aus, es geht vielmehr um den Kern: die Lust an der Gewalt.

Die Dreharbeiten müssen kompliziert gewesen sein. Wie Kriegsberichterstatter pirschen die Filmemacher durch die Stadt auf der Suche nach der Eskalation. Schutz bietet die Kamera nicht, sie ist vielmehr Stigma. Wer will sich schon bei einer Straftat filmen lassen? Den Filmemachern ist es nicht gelungen, das Vertrauen der Szene zu gewinnen. Tatsächliche Hooligan-Schlachten, abseits der Öffentlichkeit, sieht man nur auf Amateuraufnahmen aus den Neunzigern. Verschwommen ist zu erkennen, wie sehr das ständig zitierte Krieger-Ethos bloßes Lippenbekenntnis ist. Natürlich wird eingetreten auf am Boden Liegende. Alle Erklärungsversuche der Protagonisten wirken dämlich und schlicht – aber wie sollte eine vernünftige Erklärung auch aussehen?

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