Filmstart : Bescheidenheit ist eine Gier

Robert De Niro spielt einen ungeliebten alten Vater – in „Everybody’s Fine“ von Kirk Jones.

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Robert de Niro -Foto: Disney

Es ist keine glanzvolle Rolle, die Robert De Niro hier spielt. Aber der 66-jährige Hollywood-Veteran scheint über alle Eitelkeiten längst hinweg – und spielt Väter und Großväter, und zwar mit Würde. In „Everybody’s Fine“ (Regie und Drehbuchautor: Kirk Jones) leistet er Bewundernswertes: Als Frank Goode, verwitweter Rentner und Vater von vier erwachsenen Kindern, ist er die Inkarnation einer Bescheidenheit, die mitunter kaum zu ertragen ist. Gekleidet in zu weite braune Hosen, karierte Hemden und eine beigefarbene Windjacke, bringt er sich fast zum Verschwinden. Die vielen einsamen älteren Männer, denen er in spartanisch eingerichteten Überlandbussen und Zügen begegnet, scheinen ihn zu spiegeln: allesamt Leute, die an Orten des Transits auf eine Gelegenheit zum Sprechen lauern – mit einer Kellnerin, einer Reisebekanntschaft oder einem Passanten.

Den eigenen Kindern ist er lästig. Sie hatten zwar versprochen, ihn an einem Wochenende zu besuchen, aber alle sagen ab. Frank Goode, eben vom Großeinkauf zurück, bringt am Telefon nur mit Mühe Verständnis für die Gründe ihrer Absagen auf: Krankheit und berufliche Verpflichtungen. Und fühlbar wird dabei die andere, schwierige, dunklere Seite dieses bis zur Peinlichkeit adretten Mannes: eine Sturheit und Unnachgiebigkeit, die möglicherweise das Verhältnis zu seinen Kindern beeinträchtigt hat. Denn nun setzt sich Frank Goode über deren Pläne einfach hinweg und macht sich selbst auf den Weg, um sie zu besuchen – mit einem alten Koffer, der gut zu dem billigen New Yorker Hotel passt, in dem er die Nacht verbringt, nachdem er dort David, den Künstler, nicht angetroffen hat.

In Chicago trifft er zwar seine Tochter Amy (Kate Beckinsale), Chefin einer Werbeagentur, in ihrem riesigen Haus an, aber sie hat kaum Zeit für ihn, und beim gemeinsamen Essen mit Mann und Kind herrscht eine merkwürdig angespannte Stimmung. Vor dem Hintergrund des avantgardistischen Gebäudes fotografiert Frank sich selbst, die Beweiskamera will er nicht umsonst dabeihaben. Seinen Sohn Robert (Sam Rockwell), angeblich Dirigent, trifft er bei der Orchesterprobe an. Warum er nicht wusste, dass Robert bloß Schlagzeuger ist? „Du hast dich nie für uns interessiert“, sagt Robert. Und Rosie (Drew Barrymore) in Las Vegas – die Einzige, die sich über seinen Besuch zu freuen scheint – muss leider das Kind der Nachbarin hüten. Oder ist es doch ihr eigenes?

Trost spendet Frank der Blick auf die Telefonkabel, wenn er aus den Zugfenstern schaut. Er arbeitete in einer Fabrik, die Drähte mit PVC ummantelte: sein Lebenswerk. Erst allmählich wird ihm klar, dass die durch sie geschaffenen Verbindungen äußerst fragil sind.

Cinemaxx, CineStar Hellersdorf und Sony Center (OV), UCI Kinowelt Colosseum und Friedrichshain

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