Filmstart : Frag nicht, wer du bist

Die Rückkehr des Top-Spions: "Das Bourne Ultimatum" vollendet die Trilogie um den Agenten Jason Bourne. Noch immer ist der Killer auf der Suche nach seiner Erinnerung.

Sebastian Handke
Bourne_Ultimatum
Flucht zu sich selbst. Jason Bourne (Matt Damon) jagd durch Tanger. -Foto: Universal

Das Handy wurde lange Zeit ignoriert von Hollywoods Autoren. Als es längst unseren Alltag bestimmte, war der Film noch eine weitgehend handyfreie Zone. Die Abwesenheit des trendigen Requisits hatte einen einfachen Grund: So mancher Konflikt aus den Standards des DrehbuchHandwerks erledigt sich von selbst, wenn alle Beteiligten zu jeder Zeit telefonisch erreichbar sind. Vor allem im Thriller.

Seit kurzem findet das Handy ausgiebig Verwendung, und seine Ankunft fällt zusammen mit einer Rückkehr. Der Top- Spion ist wieder da – und er hat die Durststrecke zwischen dem Ende des Kalten Kriegs und den Anschlägen von 9/11 genutzt, um sich weiterzubilden: Von einer stumpfen Waffe, wie Ian Fleming seinen James Bond nannte, zu einem Präzisionsinstrument. Jack Bauer („24“) und Jason Bourne haben das Genre neu belebt.

Das Funktelefon wurde dabei dringend gebraucht. Denn worum geht es in dem Metier? Um Wissensvorsprung. Während früher gemütlich Geheimakten ausgetauscht und Wanzen platziert wurden, hat sich die Geschwindigkeit, die man heute an den Tag legen muss, um einen Wissensvorsprung zu erhalten, dramatisch erhöht. Was der zeitgemäße Spionagethriller also brauchte, war ein neuer Rhythmus, mit dem der alte Konflikt sich neu hat ausspielen können.

Die TV-Serie „24“ und die ersten beiden Teile der Bourne-Trilogie haben damit angefangen, Filme wie „Mission Impossible III“ ließen sich inspirieren. „Das Bourne Ultimatum“ bringt das Update des Genres zu seiner bisher reinsten Form: einem Kräftemessen zweier komplementärer Informationssysteme, die sich in einem permanenten Zustand nervöser Aufmerksamkeit belauern. Die weltumspannende Überwachungstechnologie der letzten verbliebenen Großmacht gegen eine bewegliche Ein-Mann- Einheit, die sich immer, wenn das Netz sich zuzieht, mit Improvisation blitzschnell aus der Affäre zieht. Zugespitzt könnte man sagen: das von außen und das von innen erworbene Wissen, also Allgegenwart und Geistesgegenwart, spielen Katz und Maus. Wir erinnern uns: Jason Bourne weiß nicht, wer er ist. Die CIA möchte, dass das so bleibt, und um sicherzugehen, muss Bourne sterben. Das ist nicht leicht zu bewerkstelligen, denn er ist selbst eine perfekte Tötungsmaschine. Wer ihn dazu gemacht hat und warum, liegt im Dunkel einer Vergangenheit, die sich gelegentlich mit Erinnerungsfetzen ins Bewusstsein drängt.

Einmal quer durch die Welt

„Das Bourne Ultimatum“ nimmt den Faden exakt am Ende der „Bourne Verschwörung“ wieder auf: Jason Bourne (Matt Damon) ist aus Moskau entkommen und auf dem Weg nach London. Ein britischer Journalist ist einem geheimem CIA-Programm auf die Schliche gekommen; es könnte etwas mit Bournes Vergangenheit zu tun haben. Doch der Mann wird erschossen – und Bourne ist erneut Flüchtling und Jäger zugleich. Die Suche nach der Quelle, einem hochrangigen CIA-Mann, führt Bourne von London über Madrid ins nordafrikanische Tanger und schließlich nach New York, stets verfolgt von Agenten, Profi-Killern und der jeweiligen Polizei vor Ort.

Wie Jack Bauer verkörpert Jason Bourne das, was vom Helden übrig bleibt, nachdem aus dem Kalten Krieg ein heißer wurde – ein Krieg gegen den Terror, der so unübersichtlich ist, dass das Kino vorläufig nur brütende Einzelgänger zum Helden machen kann, die sich gegen die korrupten Leute in den eigenen Reihen wenden. Die finstere Auflösung der BourneTrilogie kann nur als politischer Kommentar verstanden werden – politischer noch als Paul Greengrass’ vorangegangener Film über das vierte entführte Flugzeug vom 11. September („United 93“). Am Ende seiner Flucht zu sich selbst stößt Jason Bourne zwar auf seine wahre Identität. Seinen Frieden wird er mit dieser Wahrheit allerdings nicht finden können.

Regisseur Paul Greengrass operiert erneut mit seiner zum Markenzeichen gewordenen extrem verwackelten Handkamera. Während aber andere Regisseure mit der Kamera wedeln, um für Unklarheit zu sorgen, gelingt es Greengrass, trotz Handkamera ein überraschend hohes Maß an Klarheit zu erhalten, und zwar gerade während der Action-Sequenzen, die zum Besten gehören, was man je in einem Actionfilm hat sehen können. Greengrass’ eigentliches Geheimnis aber ist der Rhythmus: Er montiert die zahllosen Bildfetzen zu einem unruhig vorwärts drängenden Strom, der die Protagonisten vor sich hertreibt, und folgt dabei nicht der üblichen Dramaturgie von Spannungsauf- und -abbau, sondern setzt zu Anfang einen Puls, dem das „Bourne Ultimatum“ von da an unterliegt – ein Film, der fast nur noch Bewegung ist und das pure Kondensat seines eigenen Genres.

Ab Donnerstag in 23 Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony-Center

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