Filmstarts : Müll und Meer

Zwei Umwelt-Dokus kommen am Donnerstag in die Kinos: In „Unsere Ozeane“ von Jacques Perrin und Jacques Cluzaud geht es um die Liebe der Walrosse, „Plastic Planet“ von Werner Boote dokumentiert die globale Vermüllung.

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Wellnesskino unter Wasser



Fast sieht es aus, als habe Gott bei der Erschaffung des Meeres und seiner Bewohner noch geübt. Die absonderlichsten Kreaturen verbannte er nach ganz unten, ins ewige Dämmerlicht der Ozeane. Jacques Perrin und Jacques Cluzaud haben sie trotzdem gefunden. Die Suche dauerte vier Jahre, an 54 Orten haben die beiden Franzosen 200 Arten gefilmt, 80 davon sind in „Unsere Ozeane“ zu sehen. Aber so viel Statistik täuscht. Denn wer Perrins und Cluzauds Filme kennt, weiß, dass er sich in denkbar größter Entfernung zum Biologieunterricht und Urania-Vortrag befindet.

Vor einigen Jahren haben sie darüber nachgedacht, wo wir sind, wenn wir auf einer Wiese liegen. Sie schauten zwischen den Grashalmen nach und fanden eine Welt: „Mikrokosmos“. Als nächstes erfüllten sie sich in „Nomaden der Lüfte“ den Traum, die Erde aus Nils-Holgersson-Perspektive zu sehen – beides Liebeserklärungen an die Natur, die Schönheit, die wir nicht gemacht haben. Sanft moralisch mahnendes Wellnesskino in größtmöglichen Bildern auch vom Kleinsten. Der Kommentar ist einer Musik anvertraut, die das Geschehen auf der Leinwand aufnimmt, es verstärkt und wieder verstummt. So erleben wir jetzt also unser blaues Wunder.

Vor allem widerlegen Perrin und Cluzaud auch diesmal das Vorurteil, dass die Natur nicht komisch ist. Den Ureinwohnern der Ozeane beim Überleben zuzusehen, kann überaus witzig sein. Und wer glaubt, große Kriege gibt es nur an Land, in der Luft oder auf dem Wasser, irrt. Perrin und Cluzaud haben antike Schlachtordnungen auf dem Meeresgrund gefilmt. Krebse! Sie zeigen aber auch die Liebe der Walrosse.

So löblich sparsam die Regisseure mit Kommentaren sind, fallen die wenigen doch unangenehm auf: „Der Traum von Harmonie ist möglich!“ Und was heißt: „Die Geschichte der Ozeane hat gerade begonnen?“ Etwa mit ihrer Entdeckung durch Perrin /Cluzaud? Kerstin Decker

In 16 Berliner Kinos


Seevögel ersticken am Müll

Vor zehn Tagen war der pazifische garbage patch Thema einer Tagesspiegel-Reportage, in der der Meeresforscher Charles Moore auf seinem Forschungskatamaran begleitet wurde. Moore ist auch ein Informant des Dokumentarfilms „Plastic Planet“, der sich mit der globalen Plastikvermüllung beschäftigt. In den Sonden, die Moore aus dem Pazifik fischt, finden sich fast 100 Teile Plastik auf ein Teil Plankton. Seevögel ersticken an Verschlussdosen, die sie für Futter halten. Andere verhungern. Und selbst an den scheinbar einsamsten Stellen des Planeten flattern Tütenfetzen in den Büschen.

Dabei ist die sichtbare Verschmutzung noch die harmlosere Variante. Denn die bunten Schüsseln und Container (Weltproduktion an Kunststoff: über 200 Millionen Tonnen jährlich) zersetzen sich im mikroskopisch kleinen Abrieb, der in die Nahrungskette gerät. Die den Kunststoffen beigemischten Weichmacher und giftigen Hilfsstoffe lösen sich aus Schnullern und Abflussrohren in die Natur und richten im tierischen und menschlichen Hormonhaushalt Verheerungen an. Schützen können wir uns kaum: Phthalate und Bisphenol A sind über die Verpackung in viele Lebensmitteln eingesickert, deklariert werden müssen sie nicht. Das Filmteam machte einen Selbstversuch: Bei allen wurden erhöhte Werte dieser Stoffe gefunden.

Gibt es eine österreichische Schule des politischen Aufklärungsfilms? Nach Saupers und Wagenhofers Lehrstücken zu Nahrung und Weltökonomie zeigt der Wiener Werner Boote nun, wie Kunststoffrückstände als chemische Zeitbombe unser Leben bedrohen. Dabei hat sich der Regisseur mit seinem ersten Kinofilm ein Herzensanliegen erfüllt. Sein Großvater war ein Pionier der Plastikindustrie, der mit den neuen Polymer-Produkten die Welt zu verbessern hoffte.

Zur spielerischen Demonstration lässt Boote Familien sämtliches Plastik aus ihrem Haushalt auf die Straße tragen: Kleidung, Haushaltsgeräte und Kleinmöbel stapeln sich zu riesigen Haufen. Eine witzige Didaktikidee; auch sonst folgt Bootes temporeiche Inszenierung stilistisch Michael Moore. Inhaltlich ist „Plastic Planet“ allerdings erheblich substantieller. Nur, was lässt sich außer gezielter Konsumsteuerung gegen die Plastikflut tun? Wichtig wäre es, Lobbyisten und Gesetzgebern Druck zu machen, um ein Verbot von Phthalaten und Bisphenol A durchzusetzen. Boote macht es vor und klebt in einer einzelkämpferischen Guerilla-Aktion Warnetiketten auf Supermarktverpackungen. Silvia Hallensleben

Babylon Mitte, Broadway, Filmtheater am Friedrichshain, Moviemento

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