Filmtage : Zeit des Erwachens

Wohin will das deutsche Kino? Die 41. Hofer Filmtage zwischen Sinnsuche und Saturiertheit.

Christina Tilmann
18 Parallel
Die türkische Seite des Traums: Szene aus dem Dokumentarfilm "18 Parallel". -Foto: Hofer Filmtage

Sie sind 18 oder 19. Schule fast fertig, zuhause gibt es Stress mit den Eltern, und Jobs sind nicht in Sicht. Was sie werden wollen, wissen die wenigsten – Hauptsache anders als die eigenen Eltern! Nicht so früh frustriert, nicht so resigniert. Lieber vom wilden Leben träumen. Musiker in einer Band, das wär’s. Ausbruch – aber nur bis zur nächsten Großstadt. Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsenwerden – viele der Hochschulabschlussfilme, die traditionell stark auf den Hofer Filmtagen vertreten sind, erzählen davon. Von einer Zeit, die für die Regisseure selbst noch gar nicht so lange zurück liegt. Von einem Land, in dem die Lebensträume leer laufen. Und von einer Generation, die die Sehnsüchte ihrer Eltern nicht teilen kann. Es ist die erste Nachwende-Generation.

Da ist Lena in Hagen Kellers „Meer is nicht“. Der Vater (Thorsten Merten), in der DDR erfolgreicher Brückenbauingenieur, hat nach der Wende den Job verloren und sich in ein Schneckenhaus zurückgezogen: Wenn die Welt mir nicht mehr meine Standards bieten kann, nehme ich nicht mehr an ihr teil. Für die Sinnsuche seiner Tochter (eine Entdeckung: Elinor Lüdde) hat er kein Verständnis. Einen vernünftigen Brotberuf wünscht er ihr und überträgt den eigenen Frust auf ihr junges Leben. Ähnlich ergeht es Robert in Heiko Aufdermauers „Zeit der Fische“. Schauplatz ist hier – von Kameramann Gregor Schönfelder berückend schön gefilmt – die Plattenbau-Tristesse von Halle-Neustadt. Alles, was hier mal Lebensqualität bedeutete, die Bibliothek, der Kindergarten, liegt in Trümmern, und auch das Leben der Mutter (Steffi Kühnert) ist nur noch darauf ausgerichtet, ihrem Sohn einen Job zu verschaffen, am besten beim örtlichen Gebrauchtwarenhändler. Doch Robert träumt von Musik und Revolution, und eine Ausreißerin (Kim Schnitzer), in die er sich verliebt, scheint ihm den Weg nach draußen zu weisen.

„Wofür lohnt es sich zu kämpfen, zu leben, zu arbeiten? Heute, mit Anfang 20, in einer Zeit, in der Utopien nur noch als Phänomene der Geschichte zu existieren scheinen?“, formuliert Heiko Aufdermauer die Grundfrage seines Films. Vielleicht gehen er und viele seiner Kollegen in ihren Filmen daher so gern in die Pubertät und Jugend zurück, weil sich in dieser Möglichkeitszeit die Sinnfrage besonders dringend stellt. Wie für die 14-jährige Nora (Lohmeyer-Tochter Lena Klamroth) in Ulrike von Ribbecks schon in Locarno gefeiertem intensiven Pubertätsdrama „Früher oder Später“, für die die erste unbeholfene Schwärmerei der Schritt zum Erwachsenwerden ist. Sie ist damit einen Schritt weiter als Luise (Julia Gerstenberg) in Caroline Kirbergs schönem Kurzfilm „Luise ist 14“, die noch zu sehr Kind ist, um auf die Wünsche ihres Schulschwarms Julian einzugehen.

Doch nicht alle träumen. Für den eigentlich ganz vernünftigen Konstantin (Jörg Pohl) in Florian Mischa Böders „Nichts geht mehr“ sind es die anarchischen Aktionen seines älteren Bruders, die ihn aus dem verschlafenen Bochum herausreißen. Und der herausragende Dokumentarfilm „18 Parallel“ von Esin Büyükyildirim und Osman Ozan Özbanazi erzählt von Semih und Tamer, zwei 18-Jährigen, einem Deutschtürken in Köln und einem Türken in Istanbul, deren Leben sich mit den gleichen Fragen beschäftigen: Abitur, Jobs, Musik, Parties, Freunden und dem Problem, wo sie denn nun eigentlich hingehören, in die Türkei oder nach Deutschland. Sie sind erstaunlich geerdet, diese Jungs, keine Träumer, sondern nüchtern-realistische Fast- Erwachsene. Sie werden ihren Weg machen. Träume und Utopien? Fehlanzeige.

Für die zehn Jahre ältere Regisseursgeneration stellt die Sinnfrage sich offenbar gerade wieder. Stefan Krohmer lässt in seinem etwas zu fernsehgerechten TV- Film „Mitte 30“ zwei Architekten schmerzhaft erkennen, dass sie eigentlich seit Jahren erfolgs- und arbeitslos sind. Ein Neustart mit Mitte 30, in einer Welt, die auf Erfolg konditioniert ist und in der schöne Wohnungen, Autos und Kinderwunsch die entscheidenden Komponenten sind – da muss schon eine Lebenskatastrophe passieren, um diese mutlosen, ängstlichen Mittdreißiger noch einmal hochzureißen.

So eine Lebenskatastrophe passiert in Nicolette Krebitz’ zweitem Spielfilm „Das Herz ist ein dunkler Wald“, der Nina Hoss noch einmal auf die Medea- Spur schickt. Ein Tag genügt, damit für Marie, Mutter von zwei Kindern, die Welt zusammenbricht, weil sie erfährt, dass ihr Mann Thomas (Devid Striesow) seit Jahren ein Doppelleben führt. Am Ende irrt sie durch ein surreales Kostümfest auf einem maroden Schloss – ein bildmächtiger, wagemutiger, dunkler Märchenfilm mit einer wie immer großartigen Hauptdarstellerin.

Dass heutzutage „alles rohe Fleisch“ aus dem deutschen Film verbannt sei und der Schauspieler so leise, so voller Understatement arbeite, hat nicht nur Dominik Graf in seiner schönen, fordernden Laudatio bei der Verleihung des Filmpreises der Stadt Hof an Peter Lohmeyer beklagt. Auch Vanessa Jopp („Komm näher“) geht es im deutschen Film derzeit etwas zu winterlich-ernst und dunkel zu. Weshalb sie mit „Meine schöne Bescherung“ eine explosive Komödie dagegensetzt, mit Martina Gedeck als leidenschaftlicher Mutter, die zum Weihnachtsfest alle ehemaligen Partner und Väter ihrer Kinder einlädt – mit chaotischen Folgen, vor allem für ihren derzeitigen Partner Jan (Heino Ferch). Leise ist hier gar nichts, ganz im Gegenteil. Der Film kommt am 22. November ins Kino.

Doch die beiden Festivalhighlights erzählen nicht von Jugend und Erwachsenwerden, nicht von Lebensmitte und frühem Frust, sondern je auf ihre Art von einer lebensverändernden Begegnung. Connie Walther verarbeitet in „12 heißt: Ich liebe dich“ die wahre Geschichte eines Stasi-Offiziers, der sich beim Verhör in seine Gefangene verliebt. Nicht viel mehr als eine lange Reihe von Verhör-Situationen zeigt der Film, ähnlich wie in Mark Rothemunds „Sophie Scholl“. Da erwächst Aufmerksamkeit, Nähe, Vertrauen nur dadurch, dass eine Zigarettenschachtel hin- und hergeschoben wird und als Höhepunkt der Gefühle eine Schachtel Eis auf dem Tisch steht. Doch aus dieser Monotonie entsteht eine atemberaubende Spannung, die Claudia Michelsen und wiederum Devid Striesow aufrechterhalten. Liebe in einer unmöglichen Situation – eine Utopie, die die beiden Liebenden nach der Wende gegen den Widerstand von außen umsetzen.

Um gelebte Utopie geht es auch in Dominik Grafs Historienfilm „Das Gelübde“ nach einem Roman von Kai Meyer. Er erzählt vom romantischen Dichter Clemens von Brentano, der nach seiner Bekehrung zum Katholizismus nach Dülmen ins Münsterland reist, um die Visionen der mit den Wundmalen Christi gezeichneten Nonne Anna Katharina von Emmerich aufzuzeichnen. Der Wüstling und die Heilige verstehen sich erstaunlich gut – und auch hier ist es die Umgebung, die dieser Beziehung nicht traut, die die Nonne einer kirchlichen, dann einer preußischen Untersuchungskommission überantwortet, um festzustellen, ob sie nicht eine Betrügerin sei. Eine finstere Geschichte von Glaubenskraft und Willensstärke, die an Hans-Christian Schmids „Requiem“ erinnert – und ein Film, der an sein Sujet mit mindestens so viel Misstrauen herangeht wie die preußische Untersuchungskommission – und dennoch von der Kraft der unbedingten Überzeugung kündet.

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