First Steps : Roter Teppich für Anfänger

Am Anfang stand ein Boom. Der Boom der Filmhochschul-Gründungen Mitte der 90er Jahre, die immense Nachfrage nach frischem Bilderfutter vor allem seitens der Privatsender. Zehn Jahre First Steps: zur heutigen Verleihung der Studentenfilm-Preise in Berlin.

Christiane Peitz
296299_0_96a29555.jpg
Stillleben mit Studentin. Patricia Moga im melancholischen Münchner Wohnheim-Film »Desperados on the Block«, nominiert in der...Foto: First Steps

Der Regie-Nachwuchs aus Berlin, München, Hamburg, Köln, Ludwigsburg, Zürich und Wien war begehrt und umworben. Wenn Studentenfilme gezeigt wurden, konnte der Vorführsaal die Menge der TV-Redakteure und Produzenten kaum fassen. Und manchmal wurden erste Kontakte schon im zweiten Semester geknüpft.

Da war es an der Zeit, einen Preis für das Kino von morgen ins Leben zu rufen, nicht von offizieller Kulturstaatsminister- oder Fördergremienseite, sondern in Eigeninitiative aus der Branche. Seit 2000 stellen fünf Träger – die Sender Sat 1 (sprich: German Free TV), Spiegel-TV, Nico Hofmanns Produktionsfirma Teamworx sowie Mercedes und seit einigen Jahren auch die Deutsche Filmakademie – Geld oder Knowhow zur Verfügung, um in Berlin den Wettbewerb für die besten deutschsprachigen Abschlussfilme samt Gala auszurichten. Am heutigen Dienstag werden die First-Steps-Preise (insgesamt 80 000 Euro) zum zehnten Mal im Theater am Potsdamer Platz verliehen; die Verleihung moderiert Jasmin Tabatabai.

„In den zehn Jahren“, sagt Andrea Hohnen, Programmleiterin des Wettbewerbs und gewissermaßen die Mutter der First-Steps-Truppe, „kann man deutlich sehen, wie gut die Ausbildung an den hiesigen Hochschulen ist; bis heute staunen wir Jahr für Jahr über die Qualität, die Themen und den hohen Anspruch der Filme.“ Die Liste der Preisträger kann sich in der Tat sehen lassen: Maren Ade, Valeska Grisebach und Vanessa Jopp gehören ebenso dazu wie Hans Weingartner, Marco Kreuzpaintner, Dennis Gansel, Veit Helmer oder „John Rabe“-Regisseur Florian Gallenberger.

Unbestreitbar auch die handwerkliche Qualität des Jubiläumsjahrgangs mit seiner wilden Mischung der Stile und Stoffe: 25 Spiel-, Dokumentar- und Werbefilme sind in sechs Kategorien nominiert. Eine Geburtsklinik-Splattersoap konkurriert mit einer Story über Spielerfrauen, Animations- mit Experimental- und Kostümfilm. Thomasz Emil Rudzik von der HFF München liefert mit „Desperados on the Block“ eine charmante Studentenwohnheim-Melanchomödie; der Schweizer Kurzfilm „Schonzeit“ über zwei unter dem Tod der Mutter leidende Jungs greift auf anrührende Weise den Sozialrealismus der Dardenne-Brüder auf. Und in Jonas Groschs Kapitalismus-Farce „Résiste“ soll die Republik mit einem bundesweiten Praktikanten-Generalstreik revolutioniert werden.

Das Erwachsensein der Jungen irritiert aber nicht nur positiv. Die Filme sind stilsicher, ästhetisch nahezu perfekt; noch dem Punk-Zeichentrickfilm haftet etwas Steriles an. Bloß die Wahl der Themen und Figuren wirkt beliebig. Die Debütanten wissen genau, wie sie etwas sagen; zu sagen jedoch haben sie wenig. Unbedingtheit? Augen auf und durch? Das brennende Verlangen, einen Film zu drehen? Hoffnungslos altmodische Vorstellungen.

Das macht sich auch bei den 2009 besonders starken Dokumentarfilmen bemerkbar: „Avenida Argentina“, eine Nacht in Buenos Aires zwischen Müllsammlern und Politaktivisten, besticht durch die intime Nähe zu den Protagonisten und durch atmosphärische Dichte. Ob ein grotesk realitätsfernes Sozialprojekt für Langzeitarbeitslose („Die Maßnahme“), die Mühsal einer polnischen Altenpflegerin im deutschen Rentner-Haushalt („Die Haushaltshilfe“) oder die Autosuggestion missionarischer Freikirchler in Stuttgart („Mein Erlöser lebt“): Die Regie-Studenten liefern präzise Zustandsbeschreibungen, tableaux vivants. Sie scannen die Oberfläche und ergründen weniger die Ursachen für alberne Arbeitsmaßnahmen, scheiternde Pflege oder religiöse Verblendung als die Beharrungskräfte des Status Quo. Menschen, gefangen in ihren Verhältnissen.

Der Nachwuchs, sagt Andrea Hohnen, ist politischer geworden. Die Anfangsjahre von First Steps waren geprägt von einer neuen Generation, die Lust auf Publikumsfilme hatte. „Mittlerweile widmen sich die Abschlussfilme oft großen Themen, stellen sich ernsthaften Fragen. Etwas, das einen bis zu drei Lebensjahre kostet, soll schließlich eine gewisse Nachhaltigkeit haben.“ Als Beispiele nennt Hohnen „Nacht vor Augen“ von 2008: der Krieg in Afghanistan aus der Sicht eines Heimkehrers. Oder in diesem Jahr „Schwerkraft“, Maximilian Erlenweins Psychogramm eines Bankangestellten, der erkennt, welche tödlichen Folgen die Verweigerung eines Kredits haben kann.

Ab 2004 machte sich der Einfluss der neuen Technologien auch bei First Steps bemerkbar. „Plötzlich gab es die leichteren, schnelleren, digitalen Produktionen“, erinnert sich Hohnen. Die gehören seitdem zum Kanon dazu. Ausnahmen wie die aktuellen Kurzfilme „Birthday“ und „Roentgen“, die sich auf die gute alte 35-Millimeter-Ästhetik mit aufwendiger Bild- und Lichtgestaltung besinnen, bestätigen die Regel.

Zehn Jahre First Steps, das sind zehn Jahre roter Teppich mit Party als Kontaktbörse für noch unbekannte Talente. Aber es sind auch zehn Jahre einer unter Quotendruck und Mainstreamisierung verödenden Fernsehlandschaft. Die Programmplätze und -budgets für das Schräge und Stille, Verrückte und Verwegene sind längst wegnivelliert – trotz Arte und dem tapferen „Kleinen Fernsehspiel“ des ZDF. Das schlägt sich auch auf das Kino nieder, mit seiner Überproduktion an Mittelmaß und Gefälligkeit. Was bei 185 deutschen Filmen und Koproduktionen, die allein 2008 ins Kino kamen, nicht weiter verwundert.

So droht auch First Steps die Sinnkrise. Denn gemessen am Bedarf gibt es längst zu viele deutschsprachige Regiestudenten. Bei den Jahresvorführungen füllen sie nun selbst die inzwischen schütteren Reihen auf, damit die wenigen eintrudelnden Redakteure sich nicht so alleine fühlen. „Die jungen Filmemacher wissen heute, dass ihre Zukunft ungewiss ist,“ beobachtet Programmleiterin Hohnen. „Also warten sie nicht mehr vier Jahre auf die Finanzierung ihres nächsten Projekts, sondern stellen sich auf billigeres Produzieren ein, auf ein flexibleres Berufsbild.“

Gewiss bleibt die Gala ein Anlass, zu dem die Stars von morgen mit denen von heute Hand in Hand gehen: ein Testlauf für Öffentlichkeit, Glamour auf Probe. Und wenn die Juroren den Mut aufbringen, eben jene Filme auszuzeichnen, die der Nivellierung trotzen, dann taugt First Steps auch künftig zur Ermunterung von Pioniertatendrang. Zum Wohle der Kino- und der Fernsehkultur.

Am Do, 27.8., zeigt das Babylon Mitte ab 21.15 Uhr nominierte und preisgekrönte Filme. Programm: www.firststeps.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben